Der schwedischen Prinzessin Sofia dürfte eine Erklärung für ihre Verbindung zu Jeffrey Epstein vergleichsweise leicht fallen. Als die Schwiegertochter von König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia den amerikanischen Finanzmanager vor mehr als 20 Jahren traf, war er noch kein verurteilter Sexualstraftäter und sie noch kein Royal. Die Prinzessin hieß damals noch Hellqvist und war von Schweden nach New York gezogen, um Betriebswirtschaft zu studieren und sich zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen. Dort lernte die spätere Ehefrau von Prinz Carl Philip die schwedisch-amerikanische Unternehmerin und Epstein-Vertraute Barbro Ehnbom kennen. „Das hier ist Sofia, eine angehende Schauspielerin, die gerade in New York angekommen ist. Sie ist das Mädchen, von dem ich dir erzählt habe. Ich dachte, du möchtest sie vielleicht treffen“, schrieb Ehnbom Epstein damals neben ein Foto der Studentin. In Schweden hatte Sofia zuvor als Model gearbeitet und stand für die Realityshow „Paradise Hotel“ vor der Kamera. Der New Yorker antwortete. „Ich bin in der Karibik. Will sie für ein paar Tage herkommen? Ich schicke ein Flugticket“, fragte Epstein von seiner Insel Little Saint James. Sofia wollte nicht. Wie die Prinzessin jetzt während des Skandals um den prominenten Sexring des New Yorkers sagte, blieb sie damals zu Hause, traf Epstein später aber „einige Male“ bei Veranstaltungen. „Die Prinzessin war aber nie von Epstein abhängig. Sie hat auch 20 Jahre lang keinen Kontakt zu ihm unterhalten“, bemühte sich das Königshaus um Schadenbegrenzung. Auch Königin Silvia und Prinzessin Madeleine in den Unterlagen Seit das amerikanische Justizministerium Ende Januar weitere etwa drei Millionen Seiten aus den sogenannten Epstein-Akten veröffentlichte, werden von Tag zu Tag mehr Verbindungen des verstorbenen Sexualstraftäters zu Adelshäusern bekannt. Neben „unserer Sofia“, wie Ehnbom die schwedische Prinzessin in einer E-Mail an Epstein nannte, finden sich auch die Namen ihrer Schwiegermutter Königin Silvia und ihrer Schwägerin Prinzessin Madeleine in den Unterlagen. Die Stiftung World Childhood der beiden, die sich für den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch einsetzt, wollte Epstein Ende September 2015 auf die Gästeliste für ein Dinner im Hotel The Plaza in Manhattan setzen lassen. Dass die Justizbehörden in Florida den Finanzberater sieben Jahre zuvor wegen Übergriffen auf eine 13 Jahre alte Prostituierte verurteilt hatten, spielte keine Rolle. Auch die Kronprinzessin von Norwegen, Mette-Marit, sah laut den Epstein-Akten großzügig über seine Verbrechen hinweg. In den Jahren 2011 bis 2014 besuchte die Schwiegertochter von König Harald V. den New Yorker in seiner Villa in Palm Beach, ließ sich von seinem Zahnarzt behandeln, traf ihn zum Frühstück und versuchte, sich mit ihm zum Shopping auf Manhattans schicker Madison Avenue zu verabreden. „Ich habe dich gegoogelt“, schrieb sie dem Sexualstraftäter im Jahr 2011. „Es sieht nicht sehr gut aus.“ Dennoch hielt sich die Ehefrau von Kronprinz Haakon mit Kosenamen wie „love“ und „sweetheart“ nicht zurück. Epstein schien dagegen nicht ganz so angetan. In E-Mails an Bekannte nannte er die wohl nächste Königin von Norwegen „verdreht“ und „ein Chaos“. „Sie ist keine typische Adelige“, schrieb Epstein. Der Drang nach sozialer Anerkennung Dass der frühere Mathematiklehrer dennoch Kontakt zu „Mette“ hielt, schreiben Beobachter seinem Drang nach sozialer Anerkennung, Prestige und Einfluss zu. In den Epstein-Akten finden sich Namen von Politikern wie Bill Clinton, Donald Trump und dem früheren israelischen Premierminister Ehud Barak, Intellektuellen wie Noam Chomsky, George Church und Stephen Hawking sowie Unternehmern wie Bill Gates, Dean Kamen und Bobby Kotick. Zu den engsten Verbindungen des im Jahr 2019 in einer Gefängniszelle verstorbenen Sexualstraftäters zählen aber Royals. Der Name der Kronprinzessin von Norwegen taucht in den „Epstein-Files“ mehr als tausendmal auf. Der am Donnerstag verhaftete Andrew Mountbatten-Windsor, der Bruder des britischen Königs Charles III. und früher Prinz, bringt es auf etwa 2000 Nennungen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 66 Jahre alten ehemaligen Royal inzwischen „den Verdacht auf Amtsmissbrauch“ in Zusammenhang mit dem Skandal um Epstein vor. Laut der Thames Valley Police soll der frühere Herzog von York als Handelsgesandter der Regierung in London unter Umständen vertrauliche Informationen an den Sexualstraftäter weitergegeben haben. Wie die Epstein-Akten zeigen, revanchierte sich der New Yorker mit Flügen in seinem Privatjet, Reisen und Einladungen in sein Townhouse nach Manhattan. In der Londoner Villa von Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell soll der frühere Royal 2001 auch eines der „girls“, die damals 17 Jahre alte Virginia Roberts Giuffre, getroffen haben. Die Amerikanerin sagte später aus, dreimal zu Sex mit Andrew gezwungen worden zu sein. Im vergangenen Jahr beging sie Suizid. Er beriet auch „Fergie“ Epsteins mutmaßliches Payback schloss auch die frühere Ehefrau des damaligen Royals, Sarah Ferguson, und die gemeinsamen Töchter, die Prinzessinnen Beatrice und Eugenie, ein. Während seiner Haftstrafe beriet der Sexualstraftäter „Fergie“ im Sommer 2009 zu der geplanten Gründung ihres Unternehmens Mothers Army und verschiedenen Hilfsorganisationen. Immer wieder schüttete die Britin ihm auch das Herz über das Liebesleben ihrer Töchter aus. Als Epstein im Juli 2009 aus dem Gefängnis entlassen wurde, flog sie laut den Epstein-Akten mit Beatrice und Eugenie, damals 21 und 19 Jahre alt, nach Florida, um ihn in Freiheit willkommen zu heißen. Die Kosten in Höhe von 14.000 Dollar für die Flüge von London nach Miami ließ Epstein an die chronisch mittellose Ferguson überweisen. Die E-Mail der ehemaligen Herzogin von York, der New Yorker würde die Freundschaft zu ihr nur pflegen, „um an Andrew heranzukommen“, ignorierte er. Welche Verbindung gab es zu Frederik X.? Ob Epstein im Jahr 2012 auch den damaligen Kronprinzen von Dänemark, heute König Frederik X., traf, bleibt nebulös. Der Name des Adeligen findet sich zwar auf einer Gästeliste neben dem des New Yorkers. Das Königshaus in Kopenhagen teilte jetzt aber mit, der Siebenundfünfzigjährige sei Epstein nie begegnet. Prinz Laurent von Belgien gab wenige Tage nach Freigabe der jüngsten Epstein-Akten zu, den Sexualstraftäter zweimal getroffen zu haben. Einige Stunden vorher hatte der Bruder von König Philippe eine Verbindung noch dementiert. Über die Gründe für die Distanz anderer europäischer Königshäuser zu Epstein wird derweil gerätselt. Suchte der New Yorker bewusst nach Royals, die anfällig für einen weniger disziplinierten Lebensstil als den eines Hofes waren? Vor der Hochzeit mit Kronprinz Haakon im Sommer 2001 hatte sich Mette-Marit jahrelang durch das Osloer Nachtleben getanzt. Auch Andrew, in jüngeren Jahren bekannt als „Randy Andy“, galt als lebensfroh bis leichtsinnig. Wie erwartet, lassen die Enthüllungen der Epstein-Akten die Rufe nach Abschaffung der Monarchie lauter werden. „Die normalen Menschen wollen das Verhalten der Königshäuser nicht länger hinnehmen“, sagte Graham Smith, ein Sprecher der republikanischen Lobbygruppe „Republic“ in Großbritannien. „Die Beweise werden helfen, ihre Forderungen durchzusetzen.“ Auch wegen des Vergewaltigungsprozesses gegen Marius Borg Høiby, den Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit, fordern viele Norweger inzwischen, sie nicht zur Königin zu machen. Auch König Charles III. zieht seit Monaten eine Reißleine nach der anderen. Nach der Veröffentlichung von Roberts Giuffres Memoiren hatte er Andrew im vergangenen Jahr sämtliche Titel, Ehrungen und Orden gestrichen. Dem britischen Volk versicherte der König am Donnerstag, trotz der Turbulenzen um seinen Bruder weiterhin alle „Pflichten“ zu erfüllen. Das Königshaus werde die Ermittlungen gegen Andrew „uneingeschränkt unterstützen“.
