FAZ 28.11.2025
22:13 Uhr

Konsularbeamte in Deutschland: „Die Taliban kommen“


Als erste Regierung in der EU hat Deutschland Personal der Taliban als Konsularbeamte zugelassen. Was bedeutet das?

Konsularbeamte in Deutschland: „Die Taliban kommen“

Ende September versiegelte Hamid Nangialay Kabiri das afghanische Generalkonsulat in Bonn, in dem er sechs Jahre lang gearbeitet hatte. Den Schlüssel versandte der Diplomat per Einschreiben an das Auswärtige Amt in Berlin. Er schickte Briefe an die Nachbarn im Bonner Stadtteil Ückesdorf, in denen er sich verabschiedete und ankündigte, dass „die Taliban kommen“. Einen weiteren Brief schickte er an die örtliche Sparkasse. „Ich bat sie, das Konto des Generalkonsulats einzufrieren, bis in Afghanistan wieder eine legale Regierung an die Macht kommt“, sagt Kabiri am Telefon. Nach seiner Darstellung haben sich auf dem Konto vier Millionen Euro angesammelt, weil das Konsulat sich seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 weigerte, die Einnahmen nach Kabul zu überweisen. Es ist kaum zu erwarten, dass die Bank seiner Aufforderung folgen wird. Denn Kabiris Akkreditierung als Diplomat und amtierender Leiter des Konsulats ist am 29. September ausgelaufen. Die Bundesregierung hat sie nicht mehr verlängert, weil die Taliban den Diplomaten, der jeglichen Kontakt mit ihnen verweigert hat, abberufen haben. Inzwischen hat Kabiri Asyl in Deutschland beantragt. Als bislang einzige Regierung in der EU hat die Bundesregierung dem Taliban-Regime zugestanden, eigenes Personal an afghanische Vertretungen in Deutschland zu entsenden. In Europa hat das bislang nur Norwegen getan. Im Juli reisten zwei Konsularbeamte aus Kabul ein. Einer wurde als „Erster Sekretär“ an der Botschaft in Berlin akkreditiert, der zweite als „Konsul“ am Generalkonsulat in Bonn. Im Gegenzug erklärten sich die Taliban bereit, einen Charterflug aus Leipzig mit 81 abgeschobenen Afghanen in Kabul landen zu lassen. Einen weiteren Abschiebeflug hat es seitdem nicht gegeben. Als Außenminister Johann Wadephul sich vor Kurzem in der Unionsfraktion Kritik wegen seiner Syrien-Äußerungen erwehren musste, soll er laut Teilnehmerangaben auch die Akkreditierung der beiden Konsularbeamten als Beispiel dafür angeführt haben, dass er sich durchaus gegen Bedenken in seinem Haus durchzusetzen verstehe. Taliban-Vertreter in Bonn haben nicht die Leitung übernommen In Berlin wird betont, dass der Taliban-Vertreter in Bonn nicht die Leitung des Hauses übernommen habe. Formal liegt sie beim Geschäftsträger der Botschaft in Berlin, Abdul Baqi Popal. Auf die internen Abläufe hat die Bundesregierung keinen Einfluss. Kabiri sagt, das Haus in Bonn sei für die Taliban strategisch wertvoll. Zum einen sei das Konsulat seit 2017 zuständig für die Ausstellung von Pässen für alle Vertretungen in Europa. Nur in Bonn gibt es einen Passdrucker mit entsprechender Software. Aus diesem Grund seien auf einem Server in Bonn auch die persönlichen Daten aller Antragsteller aus ganz Europa gespeichert. Kabiri fürchtet, dass die Taliban die Daten nutzen könnten, um gegen Oppositionelle vorzugehen. „Wenn jemand gegen sie demonstriert, können sie leicht deren Standort herausfinden und deren Verwandte in Afghanistan finden.“ Wer trage die Verantwortung, fragt der Diplomat, wenn den Familien etwas zustoße. Das gilt allerdings auch für autoritäre Staaten wie Iran und Russland. Die Website des Konsulats wurde inzwischen verändert. Von „Republik“ steht da nichts mehr. Auch das Logo mit der Republikfahne wurde entfernt. Aber auch vom „Islamischen Emirat“, wie die Taliban ihren Staat nennen, ist nicht die Rede. Stattdessen heißt es neutral: „Generalkonsulat Afghanistans“. Im Oktober hatte ein ranghoher Mitarbeiter des Außenministeriums in Kabul gegenüber der ARD getönt, man wolle die Emiratsfahne hissen. Doch im Garten des Konsulats und auch vor der Botschaft in Berlin hängt noch immer die Flagge der Republik. Auch sind bislang keine Briefköpfe mit den Insignien des Emirats aufgetaucht, obwohl aus der afghanischen Botschaft verlautete, man wolle dies ändern. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, man habe der afghanischen Seite klar die Erwartung kommuniziert, dass im Geschäftsverkehr und an den Gebäuden ihrer Vertretungen in Deutschland weiter die Hoheitszeichen der Islamischen Republik Afghanistan verwendet werden. Ein deutsches Experiment Vermutlich ist es nicht im Interesse der Taliban, ihre neuen Gastgeber gleich zu düpieren. Andere EU-Staaten dürften genau darauf schauen, wie sich das deutsche Experiment entwickelt. Dazu soll es auch Nachfragen geben von Partnern. Allerdings scheinen die Taliban sich dem Ziel einer Botschaft des Emirats in kleinen Schritten nähern zu wollen. Auf der Website des afghanischen Außenministeriums wird die Vertretung in Berlin bereits als Botschaft des Islamischen Emirats Afghanistan aufgelistet, wie die Tagesschau am Donnerstag berichtete. Allerdings steht diese Bezeichnung auch bei Bulgarien, der Tschechischen Repu­blik und den Niederlanden, obwohl das Regime dorthin bislang keine eigenen Vertreter entsandt hat. Die Strategie der Taliban ist zumindest in Deutschland aufgegangen. Sie hatten den Druck schrittweise erhöht. Im Juli 2024 erklärten sie, dass sie nur noch Dokumente aus fünf diplomatischen Vertretungen in Europa anerkennen würden. In Deutschland nur noch vom Konsulat in München. Die afghanische Diaspora in Deutschland ist die größte in Europa. Mehr als 400.000 Personen. Der Bedarf an Urkunden und Dokumenten ist enorm. Selbst für Afghanen, die nicht vorhatten, nach Afghanistan zu reisen, war das ein Problem. Viele ringen seit Jahren um Rückgabe von Eigentum und brauchen für Vollmachten den Stempel einer Vertretung. Im November 2024 beriefen die Taliban den Botschafter Yama Yari und den Generalkonsul in Bonn, Said Lutfullah Sadat, ab. Die Bundesregierung betrachtete dies als „völkerrechtlich bindend“, weil die Taliban das Territorium Afghanistans kontrollieren und es keine Exilregierung gibt. Sie entzog den Diplomaten die Akkreditierung. So war es auch bei Kabiri. Nach eigenen Angaben wurde er wochenlang hingehalten, bis er informiert wurde, dass seine Akkreditierung nicht verlängert werde. „Jetzt werde ich entlassen, weil ich nicht mit den Taliban arbeite“ Anders als der Geschäftsträger in Berlin und der Generalkonsul in Bonn lehnte er eine Zusammenarbeit mit den Taliban, die er als „Terroristen“ bezeichnet, kategorisch ab. Früher, wenn er ein Schengenvisum beantragte, sei die Bedingung noch gewesen, dass er keine Kontakte zu den Taliban unterhalte. „Jetzt werde ich entlassen, weil ich nicht mit den Taliban arbeite.“ Gemeinsam mit ihm verließen die meisten Mitarbeiter das Konsulat. Nur die Sekretärin und ein Fahrer sind geblieben. Kabiri folgte damit dem Beispiel seines Bruders, der als Diplomat in der Türkei tätig war und sich ebenfalls zurückzog, als die Taliban dort das Zepter übernahmen. Vielleicht hat seine kompromisslose Haltung auch damit zu tun, dass er die Gewalt der Taliban zu Kriegszeiten am eigenen Leibe erlebt hat. Im August 2016 war er Zeuge des Terrorangriffs auf den Campus der American University of Afghanistan. 13 Studenten, Professoren und Sicherheitskräfte wurden kaltblütig ermordet. Mehr als 50 Personen wurden getötet. Kabiri war damals Student. In Deutschland verband sich mit den beiden Konsularbeamten die Erwartung, dass diese bei der Identifizierung von Afghanen helfen können – auch für weitere Abschiebungen. „Abschiebungen nach Afghanistan müssen regelmäßig stattfinden können“, sagte Innenminister Alexander Dobrindt im September. „Darum verhandeln wir jetzt direkt in Kabul, damit Straftäter und Gefährder künftig konsequent abgeschoben werden.“ Die Regierung beeilte sich mitzuteilen, dass es weiter keine Anerkennung gebe und es sich um „technische Kontakte“ handle. Also auf Mitarbeiterebene. Diplomatische Beziehung unterhält man nicht. Kabiri fürchtet auch in Deutschland die Rache der Taliban. „Sie werden mich finden und angreifen“, sagt er. „Vielleicht wird die deutsche Regierung dann reagieren.“