FAZ 09.02.2026
10:35 Uhr

Kommunen rüsten auf: Null Toleranz gegen Müllsünder


Frankfurt und viele andere Städte versinken im Abfall – und der Unmut der Bürger darüber wächst. Einige Kommunen setzen nun Maßstäbe: mit einem deutlich verschärften Bußgeldkatalog.

Kommunen rüsten auf: Null Toleranz gegen Müllsünder

Zigarettenkippen auf Gehwegen und Rabatten, weggeworfene Pizzakartons, Kaffeebecher und Lachgaskartuschen im Gebüsch, Sperrmüll am Straßenrand, Angetrunkene, die sich nach einem Barbesuch auf dem Heimweg in Vorgärten oder an Hauswänden erleichtern. Rolf Obendorf ist mit solchen Missständen fast täglich unmittelbar konfrontiert. Der Achtundsechzigjährige ist als ehrenamtlicher Sauberkeitspate in der Frankfurter Innenstadt im Kampf gegen Müllsünder unterwegs; drei- bis viermal in der Woche, davon mindestens einmal am Wochenende. Manche Straßenkreuzung gleiche morgens „einem Schlachtfeld“, konstatiert Obendorf. Die offensichtlich mangelnde Sau­berkeit ist aus Sicht vieler Frankfurter eine noch größere Herausforderung als Kriminalität, Drogen und das Bahnhofsviertel. Nur die Sorge um bezahlbaren Wohnraum treibt die Bewohner der Mainmetropole noch mehr um als die zunehmende Vermüllung. 15 Prozent stimmten in einer Umfrage im Jahr 2024 der Aussage zu, dass mangelnde Sauberkeit im öffentlichen Raum zunehmend zu einem Problem werde. Drei Jahre zuvor waren es nur neun Prozent. Ganze 96 Prozent der Frankfurter gaben sogar an, der Sauberkeit große Bedeutung beizumessen, und nur sieben Prozent sind mit der aktuellen Situation zufrieden. 1000 Euro für illegalen Sperrmüll In anderen größeren Städten sieht es nicht anders aus – weder auf den Straßen noch, was die Einschätzung der Bürger betrifft. Deshalb versucht etwa die Stadt Hanau energisch die Reißleine zu ziehen. Zum 1. Februar hat die knapp 100.000 Einwohner zählende Kommune im Main-Kinzig-Kreis ihren Bußgeldkatalog deutlich verschärft. Wer künftig achtlos Zigarettenkippen wegwirft, die Hinterlassenschaften seines Hundes nicht entsorgt oder Tauben füttert, wird deutlich stärker als bisher zur Kasse gebeten. Für illegal entsorgten Sperrmüll werden mindestens 1000 Euro fällig, fast 300 Prozent mehr als zuvor. Bisher wird ein Bußgeld in Höhe von 120 Euro verlangt, wenn ein Hundebesitzer den Kot seines Tieres nicht entfernt, künftig sollen dafür 400 Euro fällig werden. Noch empfindlicher fällt die Strafe auf „Spielplätzen und ähnlichen sensiblen Flächen“ aus, hier wird der Satz von 200 auf 600 Euro erhöht. Eine weggeworfene Zigarette oder ein ausgespuckter Kaugummi werden künftig statt mit 75 mit 120 Euro geahndet. Für das Füttern von Tauben, Wasservögeln oder Fischen sieht der Katalog 200 Euro vor, derzeit werden 75 Euro berechnet. Ordnungsdezernentin Isabelle Hemsley (CDU) kündigt an, dass zwar jeder Fall individuell geprüft werde, das Bußgeld aber die Regel sei. Es ginge sogar noch drastischer: Die Gefahrenabwehrverordnung der Stadt sieht eine Höchstsumme von 5000 Euro vor. Damit dies nicht nur eine Drohung bleibt, so kündigt es die Hanauer Stadtverwaltung an, wird es auch mehr Kontrollen der Stadtpolizei geben, uniformiert und in Zivil. In einer Mitteilung verweist die Stadtverwaltung zudem darauf, dass der Müll und Abfall Kosten verursacht: Nur das Entfernen von Zigarettenkippen auf dem zentralen Freiheitsplatz veranschlage der städtische Eigenbetrieb Hanau Infrastruktur Service mit rund 10.000 Euro. Strafen sollen wehtun Mit den höheren Strafen will die Stadt Kosten ausgleichen, die durch Vermüllung entstehen. „Wir wollen ganz bewusst, dass die Strafen wehtun und wiederholtes Fehlverhalten verhindern“, sagt Ordnungsdezernentin Hemsley. Im vergangenen Jahr habe die Stadt rund 170 Tonnen illegal entsorgten Müll eingesammelt – im Durchschnitt fast 500 Kilogramm täglich. Hanau ist mit seinem verschärften Vorgehen gehen Müllsünder nicht allein. Die Stadt Frankfurt hat die Bußgelder für Fehlverhalten im öffentlichen Raum bereits im vergangenen Herbst teilweise noch deutlicher als Hanau erhöht, um Vermüllung einzudämmen. Ein weggeworfener Zigarettenstummel schlägt hier mit 120 Euro zu Buche, wer den Kot seines Hundes in einer Grünanlage nicht beseitigt, wird mit 500 Euro zur Kasse gebeten, Wildpinkeln kostet 300 Euro. Müll wird zum Wahlkampfthema Aufgeschreckt von der massiven Kritik der Frankfurter am derzeitigen Stadtbild, werben zudem alle im Rathaus Römer vertretenden Parteien damit, nach der Kommunalwahl am 15. März mehr gegen die Verschmutzung tun zu wollen. Die CDU fordert eine schnelle Eingreiftruppe „Sauberkeit“, die als Einheit der Stadtpolizei ausschließlich für Kleinabfälle und illegalen Sperrmüll zuständig sein soll. Größere Müllhaufen am Straßenrand sollen künftig binnen 48 Stunden weggeräumt sein. Die Frankfurter SPD wiederum will die Stadtreinigung gezielt verstärken, insbesondere dort, wo erfahrungsgemäß viel Müll herumliege. Am Mainufer, im Kneipenviertel Alt-Sachsenhausen und im Bahnhofsviertel etwa soll künftig auch nachts gereinigt werden. Verstöße, so die Sozialdemokraten, müssten konsequent verfolgt und bestraft werden. Vertreter der Partei Volt setzen sich dafür ein, konsequent Bußgelder zu verhängen und bei der Ermittlung von Schmutzfinken, die illegal Sperrmüll ablagern, „Mülldetektive“ einzusetzen. Zudem regt Volt an, sich an Zürich zu orientieren. Die Stadt gehe konsequent vor und habe so in einem Jahr Bußgelder in Höhe von 65 Millionen Euro eingenommen. Doch auch drastische Strafen erzielen offenbar nur begrenzt Wirkung. Die Zahl illegaler Müllablagerungen hat sich jedenfalls noch nicht sichtbar verringert. Voraussetzung für anhaltende Verbesserungen im Stadtbild sei ein verändertes Umweltbewusstsein, sagen Psychologen. Nur wer sich klar darüber sei, dass ein persönliches Fehlverhalten der Gemeinschaft – also letztlich auch ihm selbst – schade, sei zu einem Umdenken und Umlenken bereit. Hinzu kommt, dass sich viele Menschen im Alltag stark an sozialen Normen orientieren. Wo bereits Abfall liegt, entsteht schnell der Eindruck, es kümmere ohnehin niemanden. Ein klassischer Broken-Windows‑Effekt: Sichtbare Unordnung senkt die Hemmschwelle für weiteres Fehlverhalten. Psychologisch wirkt außerdem die Verschleierung von Verantwortung: In der anonymen Großstadt fühlt sich der Einzelne weniger zuständig, zumal die negativen Folgen von Vermüllung oft zeitlich verzögert und damit emotional weniger greifbar sind als der kurzfristige Komfort, den Müll „einfach fallen zu lassen“.