Fast ein Drittel: 31,4 Prozent der Stimmen hat die AfD vor einem Jahr bei der Bundestagswahl erreicht und die CDU in Birstein auf den zweiten Platz verwiesen. Eines der besten Ergebnisse der Partei in ganz Hessen. Aber auch in anderen Städten und Gemeinden im Osten des Main-Kinzig-Kreises – Steinau, Sinntal und Wächtersbach – hat sie gut abgeschnitten, besser als in anderen hessischen Regionen. Trotzdem steht schon jetzt fest: Nach den Wahlen im März wird die AfD in keine der vier Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen einziehen – in den vermeintlichen Hochburgen hat die AfD keinen Wahlvorschlag eingereicht, sie tritt dort nur für den Kreistag an. Christian Zimmermann wundert das nicht besonders. „Das war hier schon immer schwierig“, sagt der parteilose Bürgermeister von Steinau. So sei es auch den Grünen nicht gelungen, in der Stadt an der alten Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig eine Ortsgruppe aufzubauen. Ohnehin gälten bei Wahlen im Ort andere Gesetze als bei den Entscheidungen zu Land und Bund: Da profitiere die AfD von einem hohen Anteil an Protestwählern, die den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen wollten. Bei den Kommunalwahlen sei das anders. In Steinau zeigt sich das schon an der aktuellen Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung: Von den klassischen Parteien ist dort nur noch die SPD vertreten, die übrigen drei Viertel der Sitze verteilen sich auf drei Wählergemeinschaften. Kaum Gelegenheit, an der Urne seinem Ärger über die in Bund und Land Regierenden Luft zu machen. Protest hin oder her: Warum die AfD in Osthessen bei überregionalen Entscheidungen einen so guten Stand hat, können sich Zimmermann und andere Bürgermeister nur schwer erklären. Birsteins Bürgermeister Fabian Fehl verweist auf allgemeine Analysen, laut denen die Partei vergleichsweise viele Wähler mit mittlerem Bildungsabschluss gewinne, die ihr Geld im produzierenden Gewerbe verdienten, eine in Birstein stark vertretene Schicht. Aber der Sozialdemokrat, der in Marburg Geschichte studiert hat, findet auch in der Historie Gründe für das Gefälle zwischen den Kommunen im Ballungsraum und den ländlichen Regionen im Kreis. Einst hätten die Dorfgemeinschaften entschieden, wie das Land und die Ressourcen im Ort verteilt würden, entsprechend „streng gegenüber Zuzug“ sei man daher gewesen. Erhalten habe sich eine stärkere Bindung der Bürger an ihr Dorf, vermutet Fehl, im Vergleich zu Städten werde der Wohnort viel seltener gewechselt. Beispiel Sinntal: Das beschrieb die F.A.Z. schon vor knapp zehn Jahren als die „bodenständigste Gemeinde“ der Region. Damals lag die Quote der Wegzüge aus dem Ort pro Jahr bei vier Prozent, Offenbach zum Beispiel erreichte den dreifachen Wert. Geblieben sei im Kern der AfD-Wählerschaft aber auch die Frage, glaubt Fehl, wer von der Gemeinschaft profitiere, ohne selbst etwas beizutragen. Einen anderen Grund für das Unbehagen gegenüber der Politik in Bund und Land sehen die Bürgermeister in dem Gefühl, sie habe vor allem die großen Städte und Ballungsräume im Blick. „Wenn ich hier jemandem vorschlage, vom Auto aufs Rad und den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen, dann fragt er mich, ob ich wüsste, wann und wie oft der Bus denn so fährt“, sagt Sinntals Bürgermeister Thomas Henfling. Und von der Notwendigkeit eines Hitzeplans und Dachbegrünung für Birstein ist sein Kollege Fehl genauso wenig überzeugt wie von der Trinkwassergebietseinzugsverordnung zur europäischen Trinkwasserrichtlinie. Die müsste Birstein für 50.000 Euro erstellen, „ohne Mehrwert für den Ort“, der wie fast alle im Land finanziell schwierige Zeiten erlebt. Personen wichtiger als Programme Zurück zum Phänomen, dass die AfD bei der Kommunalwahl weit weniger in Erscheinung tritt als bei Bundestags- und Landtagswahlen. Zimmermann, Fehl und Henfling sind sich sicher, dass die Entscheidung im März als Persönlichkeitswahl wahrgenommen wird, „es wird über die Akteure entschieden“. Man kenne sich, sagt der Sinntaler Bürgermeister Henfling, und da werde es zu einem großen Unterschied, „ob man auf dem Stimmzettel ein Kreuz macht oder selbst draufsteht“, sich in die Öffentlichkeit stelle. Personen seien wichtiger als Programme. Ähnlich sieht das der Wächtersbacher Bürgermeister Andreas Weiher und spricht von sozialer Kontrolle. Mehr als 28 Prozent erreichte die AfD in der eigentlich sozialdemokratisch geprägten Stadt bei der Bundestagswahl, aber für die Kommune stellt sie keine Kandidaten auf, „wohl auch ein Ressourcenproblem“, glaubt Weiher und hofft auf die „Wirkung guter Kommunalpolitik wider die AfD“. Das sehen die anderen Bürgermeister wie Zimmermann genauso, „der kommunale Bezug schlägt durch“. In Steinau gehe es vorwärts, in wichtigen Fragen „sind in der Stadtverordnetenversammlung alle Fraktionen beisammen“, offenbar sähen die Wähler auch keine „Notwendigkeit“ für eine neue Gruppierung in der Stadt. Vom Nutzen guter Kommunalpolitik spricht auch Henfling und vom „Absorptionseffekt“ der Wählergemeinschaften. Wer die sogenannten Altparteien ablehne, der finde in ihnen eine Option jenseits der rechten Ecke. Doch das alles wird nach Überzeugung der vier Politiker nur so bleiben, wenn den Städten und Gemeinden Luft zum Atmen bleibt. Deren strukturelle Unterfinanzierung, Zimmermann spricht von einer „Debakellage, die durch das Sondervermögen des Bunds kaschiert wird“, dürfe nicht zur Handlungsunfähigkeit führen. Sonst wäre es bei den Bürgern mit der Zufriedenheit über die Politik auch in den Kommunen vorbei – mit den aus Bund und Land bekannten Ergebnissen.
