FAZ 02.03.2026
14:35 Uhr

Kommunalwahl in Giessen: Wahlplakate fast ohne Lokalbezug


Die großen Parteien werben zur Kommunalwahl im hessischen Gießen mit großformatigen Plakaten, die kleinen Listen geben sich bescheidener. Für alle gilt: Auch auf den zweiten Blick wird selten deutlich, um welche Stadt es geht.

Kommunalwahl in Giessen: Wahlplakate fast ohne Lokalbezug

Ja, ist denn schon wieder Bundestagswahl? Der etwas zerstreute Wahlbürger muss sich kurz sammeln. Nein, den Bundestag haben wir doch erst im vergangenen Frühjahr gewählt. Am 15. März ist wieder Kommunalwahl in Hessen. Da macht Gießen keine Ausnahme. Wobei viele Wahlplakate durchaus etwas anderes nahelegen. Ihnen geht ein Lokalbezug ab. Die meisten bunten Papiere halten sogar zum Ratespiel an, um welche Stadt es denn gehen könnte. Ob etwa das BSW schon für die nächste Bundestagswahl übt? Die in Gießen noch recht junge Liste plakatiert Parolen wie „Kitas ausbauen statt Kasernen“. Nun gibt es in der Uni-Stadt seit dem Abzug von Bundeswehr und US-Armee vor rund drei Jahrzehnten keine einzige Kaserne mehr, auch steht kein Neubau in Rede, dafür hat die Stadt gerade einen neuen Kindergarten in Betrieb genommen. Allein lässt das BSW den interessierten Beobachter mit der Frage, welchen stadtpolitischen Beitrag es mit seinem „Nein zur Wehrpflicht“ leisten will. Die Linke fragt derweil: „Zu viel Müll in der Stadt?“ Eine Anspielung auf arglos weggeworfene Abfälle? Nicht doch: „Klare Kante gegen Rechts“ steht auf demselben Plakat. Menschen als Müll: Geht's noch? Da macht es DKP-Frau Martina Lennartz dem Publikum schon leichter. Wobei sie nicht für die Kommunisten antritt, sondern für ihre Liste „Gießen – sozial und friedenstüchtig“. Das klingt nicht so nach Ostalgie. „Busfahren kostenlos!“, fordert sie. Nur ein böswilliger Erbsenzähler will wissen, wie ein Bus mit einem Fahrer vorne im Dienst überhaupt keine Kosten verursachen kann. Und falls doch, wer sie übernimmt, wenn es die Fahrgäste zumindest nicht einmal mehr anteilig tun sollen. Zumal in einer Stadt wie Gießen, die rote Zahlen schreibt. Aber wer in der Opposition sitzt, muss keine Antworten geben. Womit wir bei der FDP wären. „Schulden runter, Chancen rauf“, fordert der erfahrene Klaus-Dieter Greilich in einem Pullover in Genscher-Gelb. „Gießen.Besser.Machen“ steht nebendran. Immerhin ein Hinweis auf die Stadt. Doch dann, ach, schleicht sich ein Gedanke ins Hirn: Die Kommunen leisten gut ein Viertel der Aufgaben der öffentlichen Hand, verfügen aber nur über 14 Prozent ihrer Einnahmen. Also weniger investieren und freiwillige Leistungen streichen für den Schuldenabbau? Im besten Fall fragt der ratlose Wahlbürger den FDP-Mann. Wenn es ihn denn interessiert.