FAZ 06.03.2026
07:15 Uhr

Kommunalwahl in Frankfurt: Das Dilemma um die Datacenter


Zwischen digitalem Aufbruch und lokalen Bedenken: Die Region ringt um die Rolle der Rechenzentren. Frankfurt steht im Zentrum eines Konflikts aus Flächenknappheit, Stromhunger und Standortpolitik.

Kommunalwahl in Frankfurt: Das Dilemma um die Datacenter

Es sollte ein Projekt werden, das alles hatte, was man sich als Kommunalpolitiker normalerweise wünscht: Milliardeninvestitionen, internationale Strahlkraft, die Hoffnung auf Gewerbesteuereinnahmen und nicht zuletzt die Chance, Teil der erweiterten Digitalhauptstadt Europas zu werden. Und doch scheiterte im Februar das geplante Vorhaben im hessischen Groß-Gerau, wo der amerikanische Betreiber Vantage Data Centers zweieinhalb Milliarden Euro in den Bau eines Datacenters mit 160 Megawatt Datenleistung investieren wollte. Zu groß waren bei den Stadtverordneten der Kreisstadt die Bedenken mit Blick auf Abwärme, Standort und andere Risiken des vorgesehenen Gebäudes. Die Entscheidung gegen das Megaprojekt in Groß-Gerau steht exemplarisch dafür, wie Menschen in Rhein-Main auf Rechenzentren blicken – und wie Entscheider der Region mit der Branche umgehen. Das gilt auch für Frankfurt, den wichtigsten Standort für Rechenzentren. Einerseits will Frankfurt Digitalhauptstadt Europas sein, mit dem Internetknoten De-Cix und mit ebenjenen Datacentern, die dort in den vergangenen Jahren, ganz ohne Zutun der Politik, entstanden sind. Derzeit ist ein Drittel aller Datacenter des Landes in Frankfurt angesiedelt, zuletzt waren es 55 Standorte. Andererseits gibt es seit einigen Jahren erhebliche Vorbehalte gegen die großen, meist wenig attraktiven Betonbauten, die in der Regel aufwendig gesichert werden und damit auf die Bevölkerung abschreckend wirken. Doch nicht nur diese städtebaulichen Aspekte haben dafür gesorgt, dass die Zahl derer, die das ungebremste Wachstum neuer Datacenter in der Stadt für schlecht halten, zuletzt gewachsen ist. Rechenzentren benötigen enorme Mengen Strom. Der Netzausbau hinkt mancherorts hinterher, Abwärmekonzepte sind komplex, Genehmigungsverfahren langwierig. In einer Stadt wie Frankfurt, die traditionell über zu wenige Flächen verfügt, treten Betreiber der riesigen Gebäude zudem in Konkurrenz zu anderen, die dort Wohnungen, Bildungs-, Kultur- oder Sportstätten bauen oder andere Unternehmen ansiedeln wollen – aber wegen der finanziellen Übermacht der Betreiber der Rechenzentren nicht zum Zuge kommen. Eine Ende 2025 veröffentlichte Studie von IW Consult hat ergeben, dass Betreiber der Rechenzentren für Baugrundstücke häufig das Dreieinhalb- bis Sechseinhalbfache bieten. Wieso Frankfurt den Ausbau von Datacentern begrenzt Weil das so ist, hat die Römer-Koalition in der nun zu Ende gehenden Wahlperiode beschlossen, den Bau zu beschränken auf Gewerbegebiete, in denen es schon Datacenter gibt. Das wiederum hat die IHK Frankfurt auf den Plan gerufen, die eine solche politische Steuerung einer Zukunftsbranche für schädlich hält. In der IW-Consult-Studie wird eine Befürchtung wissenschaftlich untermauert, die viele Kritiker des Datacenter-Wachstums in Frankfurt zuvor schon immer formuliert hatten: Die unmittelbare Wirkung der Branche auf die Wirtschaftsleistung ist überschaubar, der aktuelle Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt liegt deutlich unter dem anderer Branchen. Unternehmen, die sich aufgrund der niedrigen Latenz in der Nähe der Rechenzentren ansiedeln wollen, haben die Studienautoren kaum gefunden und festgestellt, dass Geschäftsmodelle, die auf die direkte Nähe zu Datacentern angewiesen sind, eher selten seien. IHK Frankfurt: Mehr Platz für Rechenzentren Doch mittelbar gibt es sehr wohl Ausstrahlungseffekte. So gibt jedes fünfte Unternehmen der Wirtschaftsmetropole an, dass die digitale Infrastruktur der Stadt und die Vorteile des dadurch entstandenen digitalen Ökosystems wichtig seien für die eigene Entwicklung. Schließlich sind in Deutschland mindestens sechs Millionen Menschen in Betrieben tätig, deren Geschäftsmodelle ohne Cloud-Dienste nicht vorstellbar wären. Und mit Blick auf Künstliche Intelligenz wird die Zahl der Datacenter weltweit weiter wachsen. Die Frage ist: Welches Stück von diesem Kuchen will sich die Region ergattern? Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt, die die Interessen von rund 100.000 Unternehmen vertritt, plädiert dafür, Datacenter nicht nur als Gewerbe zu betrachten, sondern als Teil der kritischen Infrastruktur. Und fordert deshalb, die aus ihrer Sicht zu restriktiven Vorgaben für die Ansiedlung und für den Neubau in Frankfurt abzuschaffen. „Es bedarf mehr Flächenangebote für Rechenzentren, die beispielsweise durch Neuausweisung von Gewerbegebieten bereitgestellt werden können“, fordert der Präsident der Kammer, Ulrich Caspar. Nur so könnten Frankfurt und die Region ihre Vorreiterrolle bei digitalen, zukunftsweisenden Technologien sichern. Datacenter in Frankfurt: Was wollen die Parteien? Zu den Rechenzentren gibt es in den Programmen der Parteien für die Kommunalwahl unterschiedliche Ansichten. Die CDU sieht sie als strategischen Standortfaktor und will weitere Ansiedlungen ermöglichen – verbunden mit dem Ausbau von Strom- und Digitalinfrastruktur. Die Grünen wollen Frankfurt zwar auch als bedeutenden Standort etablieren, setzen aber auf Steuerung und erwarten eine verbindliche Abwärmenutzung. Volt will Betreiber dazu verpflichten, Strom ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu beziehen, und sieht insgesamt Nachhaltigkeitskriterien vor. Die SPD bleibt im Programm vergleichsweise allgemein, Spitzenkandidat Kolja Müller sagte kürzlich, man müsse Rahmen und Regeln für die Errichtung der Bauten schaffen. Die Linke will ein befristetes Moratorium für neue Zentren und Erweiterungen und verweist auf den hohen Energieverbrauch, Flächenkonkurrenz und geringe direkte Wertschöpfung. Die FDP verweist darauf, man könne den Zielkonflikt nur in der Region lösen. Genau diese Entwicklung ist schon im Gange. Viele der derzeit geplanten Datacenter entstehen im Umland Frankfurts. Wobei auch dort die Vorbehalte größer werden, wie das Beispiel Groß-Gerau eindrücklich gezeigt hat.