FAZ 20.02.2026
16:48 Uhr

Kolumne „uni live“: Wo gibt es den perfekten Master?


Renommierte Uni, lebenswerte Stadt, Freunde in der Nähe – und bitte alles auf einmal. Unsere Autorin wollte bei ihrer Masterwahl nichts dem Zufall überlassen. Aber wie entscheidet man sich bei so vielen Möglichkeiten?

Kolumne „uni live“: Wo gibt es den perfekten Master?

Ich hatte nicht erwartet, bei der Wahl meines Masters so ratlos zu sein. Für den Bachelor hatte ich schlicht etwas Neues gewollt: Geschichte studieren, neue Freunde finden, in einer anderen Stadt wohnen, Freiheit. Für meinen Master wollte ich hingegen alles auf einmal. Eine renommierte Uni – und eine lebenswerte Stadt. Einen überzeugenden Modulaufbau – und gleichzeitig Nähe zu Freunden und Familie. Gute Jobchancen – aber bitte keine Millionenstadt. Gute Lehre – ohne sicher zu sein, ob ich sie aus der Ferne richtig beurteilen konnte. Nachdem ich anhand diverser Kriterien passende Studiengänge recherchiert hatte, war die Liste schließlich siebzig Seiten lang. Natürlich hätte ich einfach an meiner bisherigen Uni weiterstudieren können. Das hätte wahrscheinlich vieles leichter gemacht: Ich kenne die Professoren und die Struktur an der Uni, weiß, an wen ich mich bei Fragen wenden kann und was mich in den Kursen erwartet. Aber abgesehen davon, dass die meisten meiner Freunde ebenfalls weggezogen sind, fühlte sich mein Alltag zu bequem an. Ich wollte eine neue Herausforderung. Am Ende erstellte ich sechs Kategorien und kürzte meine Liste In meinem Umfeld bin ich damit nicht allein: Solange sie nicht Medizin oder Jura studieren, wechseln meine Kommilitonen für den Master mehrheitlich die Hochschule. Wo es hingeht, entscheidet sich indes sehr individuell. So blieb eine Freundin von mir ihrer Uni in einer Kleinstadt treu, weil sie es dort so langweilig fand, dass sie garantiert die Regelstudienzeit einhalten würde, eine andere wollte nach Berlin – wo es glücklicherweise auch ihren Studiengang gab. Ein Kommilitone zog seinem Lieblingsprofessor hinterher, um weiter seine studentische Hilfskraft zu sein. Und ein weiterer wollte seiner Heimat wieder näher sein. Wie sich aber entscheiden, wenn alles gleichzeitig wichtig scheint? Mein Problem waren nicht die fehlenden Optionen. Mein Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, worauf ich mich konzentrieren sollte. Erinnerungskultur oder lieber ein epochaler Schwerpunkt? Spezialisierung oder doch ein fachlicher Schwenk? Vielleicht wären Literaturwissenschaften auch interessant. Und was bedeutet das alles für meine Berufsaussichten? Am Ende erstellte ich sechs Kategorien, kürzte meine Liste auf acht Studiengänge herunter und wertete sie anhand einer Excel-Tabelle gemäß den Kriterien aus. Eine Freundin meinte, dass ihr ein ähnliches Vorgehen sicher geholfen hätte, um ihre Studienwahl zu treffen. Letztlich, sagte sie, sei sie aber einfach nach ihrem Gefühl gegangen. Ich jedoch weiß nicht, ob mein Vorgehen überlegen ist. Vielleicht lerne ich an einer kleineren Hochschule mehr Meine Vorstellung davon, wo gute Lehre stattfindet, beruht größtenteils auf dem Hörensagen, auf indirektem Wissen. Natürlich gibt es internationale oder bundesweite Rankings; Publikationen, Zitationsraten und Drittmittel lassen sich messen. Aber was bringt mir das Renommee eines Professors, wenn ein Bekannter die Atmosphäre am gleichen Lehrstuhl als „Klima der Angst“ beschreibt? Während mir manche Studiengänge wärmstens empfohlen werden, raten andere von denselben ab. Vielleicht lerne ich auch an einer kleinen Universität, an der die Seminare persönlicher sind, mehr als in überfüllten Vorlesungssälen. So sehr diverse Campus-Magazine versuchen, die Wahl des richtigen Masters mit Checklisten und Entscheidungsmethoden zu rationalisieren – Gewissheit erlangt man nicht. Wer weiß schon, ob man mit seiner Entscheidung glücklich wird? Ein Freund reiste durch halb Deutschland, um die für ihn interessanten Unis zu besuchen, und stellte ähnlich lange Listen auf wie ich. Eine Kommilitonin zog für ihren Master in eine Stadt, zu der sie bislang keinerlei Bezug hatte. Beide sind durchaus zufrieden, wären aber woanders sicherlich genauso glücklich geworden. Also nihilistisch einfach irgendeinen Studiengang wählen? Das wohl auch nicht. Wenn ich sehe, wie viele meiner Freunde im Master – ob wie erwartet oder ganz anders – ihren Weg gegangen sind, ist es eine erleichternde Erkenntnis, dass mehrere Wege möglich sind. Eine Freundin fand ihren Studiengang gut, die neue Heimat aber schrecklich – bis sie einen Strickclub gründete und dadurch Freundinnen fand. Ein Bekannter ist von seinem Studium enttäuscht, liebt aber seine neue Stadt. Vielleicht gibt es nicht den einen richtigen Master – sondern mehrere gute. Und definitiv ist die Wahl weniger existenziell, als sie sich anfühlt. Mein zukünftiger Master hat nicht ganz den Modulaufbau, den ich mir ursprünglich gewünscht habe. Aber ich werde in einer klassischen Studentenstadt leben, nah an meinen Freunden, und an einer Uni studieren, die in meinem Fachbereich viel zu bieten hat. Ich freue mich darauf – und bin gespannt, wie es wird.