Eine Mitarbeiterin kam vergangene Woche zu mir und sagte mit einem verschmitzten, aber nett gemeinten Grinsen: „Frau K. ist wieder da.“ Frau K. ist um die 80 Jahre alt und eine sehr sympathische Dame. Sie kommt öfter zu uns in die Praxis – meist wegen ihres Blutdrucks. Na ja, um ehrlich zu sein, „öfter“ ist etwas untertrieben. Sie kommt im Quartal über 20-mal. Oft spricht sie darüber, dass ihr Blutdruck zu hoch oder zu niedrig sei. Wenn ich dann in der Praxis messe, ist er ganz normal. Ich vermute eher, dass etwas anderes sie in die Praxis treibt. Frau K.s Mann ist vor fünf Jahren verstorben, ihre Kinder wohnen woanders. Spontane Besuche sind schwierig. Ich glaube, das zentrale Thema bei meiner Patientin ist die Einsamkeit. Die häufigen Besuche bei uns in der Praxis helfen ihr, mit ihrer Einsamkeit besser zurechtzukommen. Für mich ist das okay, ich bin als Hausarzt für alles da, was einen quält. Fast 13 Millionen Menschen hierzulande fühlen sich alleine Einsamkeit ist leider immer mehr zu einem Massenphänomen geworden. Rund zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland bezeichnen sich als einsam. Das sind fast 13 Millionen Menschen. Einsamkeit kann viele Facetten und Ursachen haben; sie trifft Männer wie Frauen fast gleich häufig. Beunruhigend ist auch, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene unter Einsamkeit leiden. Einsamkeit wird als fehlende Bindung an eine Person oder Personengruppe sowie als mangelnde Zugehörigkeit zu einem realen sozialen Netzwerk definiert. Es ist kein Geheimnis und verständlich, dass gerade Jugendliche, die viel im Netz unterwegs sind, keinen Kontakt mehr zum realen Leben haben und sich vereinsamt fühlen. Und am anderen Ende des Lebensbogens sind oft die Freunde, Lebenspartner und Verwandten nicht mehr da. Die Folgen der Einsamkeit können Depressionen und weiterer sozialer Rückzug sein. Menschen das Gefühl geben, gebraucht zu werden Was tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Natürlich können Sie häufiger zum Landarzt oder zu Ihrem Hausarzt kommen, es gibt auch Kaffee, aber auf Dauer ist das keine optimale Lösung. Ob staatliche Programme oder Organisationen diese Problematik lösen können, wage ich zu bezweifeln. Das Einzige, was erreicht wird, ist noch mehr Bürokratie. Wichtiger wäre, die Menschen zu ermutigen, mit anderen Menschen Bindungen einzugehen, Verantwortung zu übernehmen. Dazu muss man sich jedoch im realen Leben begegnen. Deswegen ist es wichtig, Vereine zu unterstützen, Orte zu fördern, wo Menschen sich begegnen können. Einsteigen und nicht aussteigen – das ist zentral: Menschen motivieren, ihnen das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden. Ich selbst habe auch beschlossen, einzusteigen. Medizin ist zwar super, aber man muss aufpassen, dass sie einen nicht auffrisst. Ich habe mich deshalb entschlossen, in den Pfarrgemeinderat unseres Ortes zu gehen. Nichts mit Medizin, dafür aber bestimmt andere spannende Themen. Elf Plätze gab es, bei elf Kandidaten, zwei Männer, neun Frauen. Ich freue mich drauf. Natürlich haben wir Frau K. auch in der vergangenen Woche den Blutdruck gemessen und ihr einen Kaffee gegeben. Der Blutdruck war in Ordnung, wir haben uns auch kurz über Neues im Ort unterhalten. Ich glaube, Frau K. war in diesem Augenblick ganz zufrieden und für einen kurzen Moment Teil einer Gruppe. Auch das ist Aufgabe des Landarztes. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich noch eine entspannte Woche – und falls Sie sich einsam fühlen, gehen Sie es an, suchen Sie sich etwas, was Sie motiviert, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt darüber oder googeln Sie gezielt Angebote für einsame Menschen in Ihrem Wohnort. Es grüßt Sie herzlichst aus dem Oberbergischen – Ihr Landarzt. Dr. Thomas Aßmann, 62 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land. Er schreibt hier regelmäßig über seine Arbeit.
