FAZ 23.01.2026
18:50 Uhr

Kolumne „Zurück zur Natur“: Zehn Blicke in verborgene Welten


Die Natur Europas im Kino: Das grandiose Filmprogramm der Ausstellung „Die Botschaft der Tiere“ in der Hamburger HafenCity.

Kolumne „Zurück zur Natur“: Zehn Blicke in verborgene Welten

In Hamburg zeigt ein besonderes Kino noch bis zum 29. Januar täglich außer montags ein ganz besonderes Programm. Im Eintrittspreis für die lehrreiche, wunderschön gestaltete Ausstellung „Botschaft der Wildtiere“ in der Hamburger Hafencity ist der Kinobesuch enthalten. Wer die zehn Kurzfilme gesehen hat, die zusammen 75 Minuten dauern, kann beim Publikumspreis abstimmen. Insgesamt 107 Kurzfilme hat die Jury für die „European Wildlife Film Awards“ der Deutschen Wildtierstiftung gesichtet. Die zehn ausgewählten Kurzfilme haben gemeinsam, dass ihre Protagonisten alle in atemberaubenden Großaufnahmen zu erleben sind. Keiner von ihnen spricht eine menschliche Sprache. Ihre Laute sind nicht beredt für Menschenohren, ihre Körpersprachen nicht einfach zu lesen. Deswegen ist das Filmpublikum auf die Kommentare der Erzähler angewiesen, um wirklich zu verstehen, was in diesen Bildern vom niederländischen Wattenmeer, einer Brache mitten in Paris oder einem durch Glasgow führenden Fluss vor sich geht. Tatsächlich fallen Sätze, die man nicht mehr vergisst. Dass es im Dunkeln tödlich sein kann, wenn man nicht gut hört, zum Beispiel. Das gilt für den Prädator, der seine Beute nicht hört und deshalb nicht erlegt, wie für die Beute, die den herankommenden Prädator erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Eine Angelegenheit zwischen zwei Tieren, könnte man meinen, dramatisch, aber doch Teil der Wirklichkeit der Natur. Durch den Wald führt aber eine Straße. Zerreißt ein vorbeifahrendes Auto nachts die Stille im Lebensraum der Protagonisten – Rötelmaus und Steinmarder –, sind beide für Sekunden nicht imstande, einander wahrzunehmen. Krötenmut auf gefährlichen Wegen „Geruisloos“, „Geräuschlos“, heißt der Film von Jura Bakx, der auf den Lärm der Menschen und seine Auswirkungen auf das Leben von Tieren hinweist. Den meisten von uns würde das nie auffallen. Dass Rotkehlchen sich anpassen und in der Dunkelheit singen, um ihr Revier zu verteidigen, statt am Tage, weil am Tage im Wald Straßenverkehr oder Fluglärm oder Maschinenlärm diesen wichtigen Gesang übertönen, sieht man im Film und erfährt, welchen Gefahren sich der kleine Vogel durch die Umstellung auf nachtaktives Verhalten aussetzt. In „Het Wad Op – Bezinken“, der „Ertrinken“ betitelten Kurzdokumentation von Tim Visser und Sander van Iersel, die Teil der Reihe „Het Wad Op“ ist, geht es um den Einfluss menschlicher Eingriffe im Wattenmeer. In der gesamten Reihe wird Aspekt für Aspekt dargestellt, wie weit erforscht ist, was menschliche Störungen längerfristig bewirken. In dieser Folge geht es um die Veränderungen des Ökosystems Wattenmeer durch Gasförderung. Man erlebt einen Forscher und eine Aktivistin, die sich sorgen, ob nicht Millionen von Zugvögeln infolge der Gasgewinnung aus der Meerestiefe der Boden unter den Krallen oder Schwimmhäuten weggezogen wird. „Risky Routes“, Gefährliche Wege“, heißt der Film von Jonas Steiner. Er zeigt uns, wie riskant die Wanderungen Tausender Kröten zurück zu ihren Herkunftsgewässern sind – ein Weg zurück, der notwendig ist für die Fortpflanzung, die immer am selben Ort stattfindet. Für „Rain and Resilience“ ist die Fotografin Laura Bonmann nach Schottland gereist. Es beginnt zu regnen und der Wasserspiegel in dem Glasgower Fluss Kelvin beginnt zu steigen. Der Eisvogel, besonders aber die Wasseramsel haben in dieser Wetterlage sehr interessante Bewegungen bei der Jagd auf Futter. Bonmann lädt auf Youtube und Instagram unter laura.the.wild.explorer ein, ihr um die Welt zu folgen und zu sehen, was man mit einem M.A. in Wildlife Documentary Production alles machen kann. Ein mitreißendes Plädoyer zur Rehkitzrettung Sarah-Jane Walsh lässt in „The Detectorists“ den Spaziergang an walisischen Flussufern aus der Sicht ihrer Protagonistin Cariad erzählen. Sie ist eine Spürhündin in Ausbildung, die für ihren zukünftigen Arbeitsplatz im Naturschutz noch einiges lernen muss. „Ich nehme die Welt nicht so wahr wie ihr – ich schnuppere.“ Der Film beobachtet, wie sie lernt, was ihre Aufgabe sein wird: Folge der Spur, folge dem Unsichtbaren. Das Letzte, was wir hören, ist ein aufmerksames, einzelnes Bellen Cariads, bevor die Musik unter dem Abspann einsetzt, eine Art Schlusswort. Der Hüter des Sees, „The Keeper of the Lake“, heißt Simone Bressellos Film über einen alten Mann namens Antonio, der den italienischen Lago di Fimon seit seiner Kindheit liebt und noch immer schützt. Der Dokumentarfilm lässt ihn von seinem Leben mit dem See erzählen, während er rudert, angelt oder Feigen erntet von einer Geigenfeige, die er in ein altes Boot gepflanzt hat : „Il lago e la vita“, sagt er. Mit „The Opportunist, the Victim and the Cuprid“ ist Dominique Mertens ein mitreißendes Plädoyer zur Rehkitzrettung gelungen. Ein Mensch auf dem Trecker fährt über den Schauplatz, eine hohe Wiese. Der Fuchs, das Reh und sein Kitz sind die weiteren Protagonisten des wie ein Western gestalteten Films, der in seinem Abspann auf die belgische Organisation zur Rehkitzrettung hinweist: „Sauvons Bambi“. Jeder in Europa kann sich freiwillig zur Mithilfe bei der Rehkitzrettung melden. Das sind schöne Spaziergänge bei Tagesanbruch im Sommer, zu denen man Handschuhe mitbringt, damit man das Kitz, das beim Durchgehen der Wiese versteckt gefunden wird, in die Rettungskiste legen kann. In der verbleibt es, bis die Wiese gemäht ist. „Sandcastle – The Secret Life of Potter Wasps“ ist Roman Willis Porträt einer Töpferwespe, „Ham Wall“ von Meghan Spurlock versetzt uns in ein südwestenglisches Feuchtgebiet. Solche Naturschutzflächen sind Lebensräume für geschützte Tierarten, in die der Mensch besser nicht eindringt. Deswegen ist dieser Blick in eine verborgene, herrlich bevölkerte Welt so schön. „Make a Wildlife Documentary in Front of your Home“, das meint der französische Regisseur Sofian Chouaib wörtlich. Fast wie eine Anleitung zum Selbermachen ist seine Dokumentation gestaltet. In Tarnkleidung beobachtet er spielende Fuchswelpen auf der wilden Wiese gegenüber seinem Haus in Paris, ohne sie zu stören. Die „Botschaft der Wildtiere“ bringt mit diesen Filmen, den Preisen und öffentlichen Preisträgerveranstaltungen, alles unter der Schirmherrschaft der Umweltsenatorin Katharina Fegebank, die Natur Europas ins Kino. Sie zeigt sie vor allem den Kindern.