Eines der Probleme, die mit der Klimaerwärmung einhergehen, ist die Wanderung mancher Wildtiere in Richtung der Menschen. Die Tiere kommen immer näher. Das ist nicht gut für sie. Verschlechtert sich das Nahrungsangebot in den angestammten Habitaten, machen sich Tiere auf die Suche nach besseren Lebensräumen. In Japan werden abwandernde Braunbären, die sich von dem Nahrungsangebot in menschlichen Siedlungen angezogen fühlen, zur Bedrohung für die Bewohner. Ungewohnte Nachbarschaft führt zu spannungsreichen Begegnungen. Das neue Nähe-Distanz-Problem ruft zwei alternative Reaktionen hervor, Flucht – beziehungsweise Vertreibung – oder Angriff. Hinter der Abstandsverringerung der Wildtiere steht die Ratio der Futtersuche und damit letztlich der Arterhaltung. Umgekehrte Grenzüberschreitung, das menschliche Eindringen hingegen in das, was die Soziologie als „Personal Space“ definiert, also die Distanzzone, hier von Wildtieren, wirft stets Fragen nach den Motiven auf. Der Schutz der zweiten Haut Der soziologische Begriff ist inzwischen naturwissenschaftlich belegt. Das Gehirn berechne eine „Pufferzone um den Körper“, fasste der Neurowissenschaftler Michael Graziano aus Princeton 2018 seine Ergebnisse für National Geographic zusammen, sie sei eine „zweite Haut“. Der neuronale Mechanismus schütze vor Konflikten mit anderen Individuen, Verletzungen an Gegenständen und Gefährdung aus der Umwelt. Es ist also ein Vermeidungsmechanismus. Doch das Durchbrechen der Pufferzone von Wildtieren ist nicht immer vermeidbar. Das Einfangen und Umsiedeln von Wildtieren etwa geschieht im Dienste des Artenschutzes und im Rahmen wissenschaftlich betreuter Projekte. So sind im Pfälzer Wald gefangene Luchse ausgesetzt worden, um ein ehemaliges Habitat wieder zu besiedeln. Zu diesem Zweck kurzfristig die Individualdistanz zu verletzen, scheint gerechtfertigt. Das Eindringen in den persönlichen Schutzraum geschieht im Rahmen eines institutionell legitimierten und standardisierten Verfahrens. Wie es sich mit Tierparks oder Zoologischen Gärten verhält, ist eine andere Frage, die viele Naturschützer gerne neu beantworten möchten. Sie versuchen mitunter, Freilassungen auf juristischem Wege zu erreichen. Mit ähnlichen Begründungen gehen Tierschützer gegen Tierversuche und Massentierhaltung vor: Ist das Tier ein Subjekt, darf man es nicht einsperren oder gar töten. Felix Salten, den Autor von „Bambi“ und unglaublich produktiven Journalisten und Autor, trieben diese Fragen bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts um, wie man in einer Neuerscheinung entdecken kann. Für den österreichischen Limbus Verlag hat der Herausgeber Alexander Kluy eine kleine Auswahl feuilletonistischer Texte Saltens zusammengestellt und durch ein Nachwort ergänzt. Für Kluy steht das empathische Schreiben Saltens über Tiere allerdings im Widerspruch dazu, dass der Autor Jäger war. Aber das ist ein Irrtum, denn Jäger sind Naturschützer. Einer anderen Spezies das Leben zu nehmen, ist Teil der Nahrungssuche in der Natur. Currywürstchen mit Schweinefleisch aus Massentierhaltung zu essen, das ist der eigentliche performative Widerspruch vieler sich als tierliebend begreifender Menschen. Da muss dann die Unterscheidung zwischen denen, die Namen tragen und gestreichelt werden, und denen, die leiden, um gegessen zu werden, eingezogen werden. Saltens in dem neuen Band „Das österreichische Antlitz“ veröffentlichter Essay „Menagerie in Schönbrunn“ beschäftigt sich mit der Zoohaltung: „Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen Menschenblick geschaut hat, diese dunklen, klugen Augen, die in Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch keine ausreichende Scheidewand.“ Der Neurowissenschaftler Graziano beschreibt Tränen wie Lächeln als mögliche Ausdrucksweisen defensiven Verhaltens in einer natürlichen Reaktion auf das Eindringen in den peripersonalen Raum von Primaten. Saltens Affe leidet, weil das Drahtgitter keine ausreichende Scheidewand ist, um ihn die übergroße Nähe ertragen zu lassen. Soziologisch gefasst, spielen in der nonverbalen Kommunikation von Mensch und Tier Gesichtsausdruck und Gestik sowie Distanzverhalten und Platzierung eine entscheidende Rolle („Kinesic Mode“ und „Proxemic Mode“). Warum das Tier gefangen gehalten und aus zwanzig Zentimeter Entfernung angestarrt wird, warum es zusammengepfercht mit seinesgleichen beschäftigungsarm im Dunkeln gehalten und mit etwas gefüttert wird, das nicht schmeckt, versteht kein Tier. Was es ebenso wenig versteht, sind die individuellen Distanzverletzungen einzelner Menschen in der direkten Interaktion. Werner Herzog beschreibt den als „Grizzly Man“ berühmt gewordenen nichtakademischen Bärenforscher Timothy Treadwell in seinem Dokumentarfilm als einen, der die Nähe zu den Grizzlys in Alaska suchte, um zum Wildtier zu mutieren. Er behandelte die Bären, als wären sie in Bärenkostüme gekleidete Menschen, sagt Treadwells Hubschrauberpilot. Treadwell sei dem Ruf, dem Sirenengesang der Natur gefolgt. Dreizehn Sommer ging das gut. Dann fraß ein Bär den, der ihm so gerne nahekommen wollte. Herzog sagt, im Gesicht des Bären sei nur die „überwältigende Gleichgültigkeit der Natur“ zu sehen gewesen. Diese nicht wahrnehmen zu wollen, sie zu verleugnen, ist eine Grenzüberschreitung, ist distanzlos. Es ist so falsch wie das Benehmen der Pianistin Hélène Grimaud, die einen Wolfswelpen eine Zeit lang in ihrem New Yorker Apartment aufwachsen ließ. Es ist so verkehrt wie die Fotos von Audrey Hepburn mit dem Rehkitz Pip im Arm. So wenig richtig wie das Verhalten von Hitchcocks Star Tipi Hedren, als sie in den Siebzigerjahren Haus und Hof mit Dutzenden frei umherstreifenden Wildkatzen teilte, um den Dokumentarfilm „Roar“ zu drehen. Wann begreifen Menschen, dass Tiere sie nicht in die Natur wiederaufnehmen, außer vielleicht als Beute?
