Als ich meine Erasmus-Freundin Lila vor Kurzem an ihrer Uni in Bristol besucht habe, saßen wir an den Abenden mit ihrer WG an den hohen Fenstern und rauchten, am Morgen aßen wir Biscuits und kürten den besten Supermarkt-Hummus. Sie und ihre Freunde hatten gerade ihre letzten Bachelor-Klausuren geschrieben und endlos Zeit, um sinnlose Hobbys anzufangen, über die spießigen Nachbarn zu lästern und in den Parks rumzuliegen. Und zwischen zwei Schlucken des englischen Breakfast-Tees merkte ich: So ein Gefühl von Gemeinschaft habe ich während meines Studiums in Deutschland selten verspürt. Direkt nach dem Abitur zog ich in eine neue Stadt und fing einen Kombinations-Bachelor an: Politikwissenschaften und Chinastudien. Zwei Kurse in der Woche am Politik-Institut, zwei am Sinologie-Institut. Nebenbei machte ich diverse Nebenjobs. Der Kontakt zu meinen Kommilitonen baute sich nur schleppend auf, weil ich viele nur einmal in der Woche sah. Im dritten Studienjahr machte ich zwei Auslandssemester – eins in Bordeaux und eins in Shanghai. Dadurch verlängerte sich meine Studienzeit um ein Jahr. Als ich aus China zurückkam, musste ich nur noch meine Bachelorarbeit schreiben und zog dafür wieder in meine Heimatstadt. Es gibt kaum Fristen Und als ich dann jeden Tag allein in die Bibliothek ging, um einen Wälzer politischer Theorie nach dem anderen durchzuarbeiten, fühlte ich mich Tag für Tag immer leerer. Manchmal telefonierte ich in der Mittagspause mit Freundinnen, die über verschiedene Städte und Länder verstreut wohnten, aber meistens saß ich allein auf der Steintreppe vor dem Politik-Institut, in einer Stadt, in der ich nie studiert hatte, aß mein Butterbrot und fühlte mich ziemlich einsam. Mein asynchroner Studienverlauf ist im deutschen Uni-System keine Ausnahme. Klar, nicht jeder macht zwei Auslandssemester und studiert einen Doppelbachelor. Aber eine Studie des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass mehr als die Hälfte der Studienabsolventen in Deutschland länger studieren, als es die Regelstudienzeit vorsieht. Hinzu kommt, dass es in den meisten meiner Kurse keine Anwesenheitspflicht und oft auch keine Frist für Prüfungsaufgaben gibt. Das flexible System ermöglicht es, neben dem Studium anderen Tätigkeiten nachzugehen. Unter steigenden Lebenshaltungskosten machen viele einen Nebenjob, andere pflegen nebenbei Angehörige, und manche haben womöglich schon Kinder, um die sie sich kümmern. Solche Verpflichtungen habe ich nicht. Aber gerade angesichts des angespannten Arbeitsmarktes mache auch ich mir Druck, neben dem Studium Arbeitserfahrung zu sammeln und Praktika zu machen. Wo Individualisierung schadet So wird Studieren zur Nebenbeschäftigung. Alle hetzen zwischen Tausenden Terminen hin und her. Und einen gemeinsamen Zeitpunkt für den Bachelorabschluss gibt es auch nicht, weil jeder in seiner individuellen Timeline studiert. So war es auch bei mir: An einem Dienstag im September landete mein Bachelorzeugnis bei meinen Eltern im Briefkasten, und so einfach war mein Studium beendet – ohne Abschlussfeier, ohne gemeinsames Anstoßen, ohne Zeugnisverleihung. Im britischen Uni-System, in dem meine Freundin Lila studiert, ist das anders. Während ich in Deutschland rund 700 Euro Studiengebühren im Jahr bezahle, sind es für Lila umgerechnet über 10.000 Euro. Die Regelstudienzeit zu überziehen, können sich die meisten britischen Studierenden nicht leisten. Die hohen Gebühren machen das Studium exklusiver und strenger durchgetaktet. Klar kann so ein Modell durch den hohen Leistungsdruck Isolation begünstigen. Aber die gemeinsame Struktur führt auch dazu, dass die meisten in der gleichen Zeit studieren und Prüfungsphasen und Abschlusszeremonien zusammen durchlaufen. Bei meiner Freundin Lila habe ich beobachtet, dass dadurch ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Ich denke nicht, dass es die Lösung sein sollte, die Studiengebühren in Deutschland zu erhöhen und den Druck im Studium durch mehr Abgaben und Anwesenheitspflicht zu verstärken. Die Flexibilität sorgt dafür, dass das deutsche Studium für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen möglich ist. Das ist ein Vorteil, der für mich überwiegt. Aber gleichzeitig ist es trotzdem wichtig zu erkennen, dass die Studienverläufe in Deutschland oft hoch individualisiert sind. Dadurch teile ich, im Unterschied zu meiner Freundin Lila, nicht automatisch einen Alltag mit meinen Kommilitonen. Deshalb habe ich mir für mein Masterstudium vorgenommen, die Flexibilität des Uni-Systems nicht ins Maßlose auszureizen, so wie während meines Bachelors. Ich werde die gesamten zwei Jahre an einem Ort bleiben und die Universität zu meinem Lebensmittelpunkt machen. Dafür möchte ich mehr universitäre Begegnungsangebote wie Uni-Cafés, Studi-Clubs und Filmeabende der Fachschaft wahrnehmen. Denn genau das ist es, was Studierende in dem flexiblen deutschen Uni-System wieder zusammenbringen kann.
