Als sich die ersten propalästinensischen Protestcamps auf den Wiesen deutscher Universitäten formten, war ich auf eine gewisse Art erleichtert. Nicht weil ich deren Forderungen teile. Aber wenige Meter entfernt versammelte sich eine Gegendemo – ebenfalls mit klarer Haltung. Zwei Positionen, die einander nicht auswichen. Das wirkte wie ein Bruch mit der höflichen Zurückhaltung, an die ich mich auf dem Campus längst gewöhnt hatte. So schnell, wie die Zelte aufgebaut waren, waren sie auch wieder verschwunden. Und mit ihnen der erste sichtbare politische Streit – zumindest in meiner Studienzeit. Der konkrete Konflikt, der noch vor Kurzem sichtbar und draußen verhandelt wurde, war plötzlich nicht viel mehr als eine Anekdote im Seminar oder eine halbherzige Insta-Story. Zu wenig, zu weich Damit schwand auch die Reibung. Zurück blieb ein Campus, auf dem man zwar informiert ist, aber selten wirklich streitet. Diskussionen enden oft dort, wo es unbequem würde. Ich beobachte: Der Raum für ernsthaften Dissens in der Uni ist kleiner geworden. Wir diskutieren zu wenig und zu weich. Ich weigere mich, die Aussage „Das ist alles sehr komplex“ stehen zu lassen, die man häufig hört. Und auch wenn das stimmt, klingt es für mich oft nach: „Mich festzulegen, ist mir zu anstrengend.“ Dabei ist ein guter Diskurs immer anstrengend. Er zwingt dazu, Widerspruch nicht sofort als Angriff zu verstehen, und dazu, die eigene Position zu schärfen, statt sie hinter Floskeln zu verstecken. Komplexität ist kein Argument gegen Haltung. Hier in der Uni, wo ich mit meinen Kommilitonen Texte seziere, Theorien vergleiche und wissenschaftliche Argumente auf ihre Schwäche hin prüfe, müsste auch der politische Streit seinen Platz haben. Wenn nicht hier, wo dann? Wenn wir Diskussionen nur noch dort führen, wo die Fronten ohnehin klar sind, tragen wir selbst dazu bei, dass die politische Kultur an unseren Unis und Hochschulen verarmt. Die Angst davor, etwas „Falsches“ zu sagen Dabei fehlt es der „Generation Krise“ bestimmt nicht an Streitthemen. Und auch nicht an Wissen. Wir kennen die richtigen Begriffe und erkennen, wann Sensibilität angebracht ist. Wir wissen, wie man diskriminierungssensibel spricht, wie man historische Kontexte mitdenkt, wie man Ambivalenzen markiert. Aber vielleicht haben wir verlernt, dass politischer Diskurs mehr ist als die korrekte Formulierung. Er lebt vom Risiko, vom offenen Gegensatz und vom Aushalten anderer Positionen. Als ich mich bei einer Freundin nach ihrem Eindruck erkundige, vermutet sie: Vielleicht liegt das nicht nur an der Bequemlichkeit. Wer studiere, lebe die Abhängigkeit. Von Noten, von Empfehlungsschreiben, von Praktika, von Netzwerken, Bafög. Ein missverständlicher Satz könnte dazu führen, sich selbst ins Aus zu schießen. In so einem Klima wirkt Zurückhaltung erst mal vernünftig, finde ich. Man wägt doppelt ab, bevor man etwas sagt. Man formuliert seine Haltung so, dass kaum Angriffsfläche entsteht. Und am Ende bleibt eine politische Position, die niemanden wirklich stört – die aber kaum inhaltsleerer sein könnte. Sind wir nur konfliktscheu und nicht unpolitisch? Ich nehme mich davon nicht aus, auch ich habe schon geschwiegen oder mich zumindest stark zurückgenommen, weil ich nicht anecken wollte. Mittlerweile denke ich: Genau in diesen Momenten stirbt der Diskurs. Mit dem Satz, den man sich verkneift. In der eigenen Bubble bleibt Widerspruch planbarer. Auch wenn ich sehr stolz auf den Wandel und die Sensibilität bin, die meine Generation ausmachen, können wir von unseren älteren Mitmenschen etwas lernen. Denn bei den älteren Generationen beobachte ich eigentlich pausenlos, wie sich die krassesten Argumente an den Kopf geworfen werden. Und sich die Kontrahenten danach trotzdem noch in den Arm nehmen können. Das wünsche ich mir für uns auch. Wir Studis wollen niemanden verletzen und keinen falschen Eindruck hinterlassen. Das ist verständlich und ehrenhaft. Aber die Vorsicht hat einen Preis. Sie verdrängt Debatten. Boomer konnten sich das vielleicht noch leisten, wir aber nicht: unpolitisch zu sein.
