Angefangen hat es vor einem Semester mit einer eher ungemütlichen Einsicht. Während die heutige Ethnologie sich gelegentlich in Identitätsdebatten mit eng angrenzenden Disziplinen wie Politologie oder Soziologie wiederfindet, könnte man bei den ersten Wegbereitern meines Studienfaches – Missionaren, Kolonisatoren, Forschungsreisenden – schon fast meinen, sie wären Universalgelehrte gewesen, so wenig ausdifferenziert waren im 18. und 19. Jahrhundert disziplinäre Grenzen. Brach Alexander von Humboldt ins Ungewisse einer noch so großen Welt auf, nutzten ihm Wissen und Methodiken aus Natur- wie Völkerkunde. Musste er nicht zur selben Zeit die Rolle des Physikers, Astronomen, Zoologen, Botanikers, Völkerkundlers, gar der ersten Geographen einnehmen? Sicherlich romantisiere ich. Aber ich spürte, dass mir mit Blick auf das große Ganze etwas sehr Grundlegendes in den Studieninhalten fehlte. Etwas, das vielleicht ursprünglich Teil des interdisziplinären Forschens war, aber mit zunehmender Emanzipation der Ethnologie als eigenständige Wissenschaft an andere, spezialisierte Disziplinen abgegeben wurde. So landete ich freiwillig in den Vorlesungen der Geographie. Die Module „Mensch – Umwelt – Beziehungen“ oder „Anthropogeographie“ versprachen, genau die (in Vergessenheit geratene?) Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaft neu zu schlagen, ich war begeistert. Nicht ahnend, dass ich neben dem vertrauten kulturwissenschaftlichen Gelände auch in solche Gebiete wie die Botanik vorstoßen müsste. Seltsamer als die Sprache der Inuit Erstes Semester. Alle sind noch achtzehn, jung und sorglos. Mit dem Publikum des Geographie-Saals um mich könnte man locker mehrere Dutzend Jahrgänge meines Masterstudiengangs füllen. Diese Hörsaalstimmung, 350 Leute im Raum, das Gezwitscher der Kommilitonen, die man niemals alle kennenlernen wird, die Professorenstimme in ihrem zum Scheitern verurteilten Versuch, sich bis in die letzte Reihe durchzukämpfen – diese Stimmung spüre ich zum allerersten Mal. Mein eigenes erstes Corona-Semester in Japanologie lief damals via Zoom, ich konstruierte mir zu Hause einen wackeligen Steharbeitsplatz und fand es unglaublich lustig, wie ein Geist aus der Flasche im Bildschirm aufzutauchen, wenn ich vor die Kamera gerufen wurde. „Mit Kühen kannst du weniger Geld machen als mit Mais!“ Der Professor reißt mich aus dem nostalgischen Schweifen. „Schweine fressen kein Gras, da brauchst du Mais, aber den darfst du nicht mehrmals hintereinander anbauen.“ Vorlesung in Bodenkunde, Teil des Geographie-Bachelors, und, ganz ehrlich: Musik für meine Ohren. Der Professor ist eine wahre Schatzkiste solcher Weisheiten. Würden sich doch so manche Ethnologen trauen, sich derart bodenständig auszudrücken, mich inklusive, fällt mir ein. Dass Schweine kein Gras fressen, ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben, obwohl das bereits ein Semester her ist. Nun stehe ich kurz vor der Klausur (eine echte Klausur! Ich schrieb bislang meist nur Hausarbeiten) und muss zurück zu Details pflanzlichen Liebeslebens, denn der Botanik-Exkurs ist fester Bestandteil der Geographie. Das Kapitel über Bienen und Bestäubung war noch in Ordnung, aber irgendwann wird es ernst: „Liegt ein diploider Chromosomensatz vor, kann sich die Zelle teilen, und es entstehen haploide Sporen, aus denen eine haploide Gametophyten-Generation hervorgeht.“ Selbst als ich letztes Jahr im Master Inuktitut lernte, konnte ich die lang gedehnten polysynthetischen Sätze der Inuit-Sprache schneller entziffern als dieses botanische Konstrukt. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in der Nacht, kurz vor der Prüfung natürlich, auf eine noch seltsamere Sprache stoßen werde – die Sprache der Naturwissenschaft. Was ist mit dem Unmessbaren? Ich habe fast fünf Jahre lang mit den seltsamsten Sprachen der Welt gekämpft und dabei mein eigenes Gehirn besiegt. Ich konnte Gedichte in klassischem Japanisch rezitieren. Inuit-Erzählungen über Eisbärenjagd vorlesen. Konfuzius im Original interpretieren, auf klassischem Chinesisch. Mich bei einem Praktikum in Helsinki auf Finnisch unterhalten. Mit Bekannten aus Mexiko über Nahuatl, die Sprache der Azteken, austauschen. Aber eine „haploide Gametophyten-Generation“ ... Jeder Naturwissenschaftler würde da den Kopf schütteln. Bei Notwendigkeit schlägt man ein Lexikon auf und liest nach, dass „haploid“ eine Zelle mit einfachem Chromosomensatz bezeichnet und „Gametophyt“ die sich geschlechtlich vermehrende Generation einer Pflanze ist. So einfach ist das. Wenn man etwas nicht versteht, liest man entsprechend nach, und dann versteht man. Wo kann es denn überhaupt Probleme geben? Nirgendwo. Solange eine Tatsache gilt: Was in dem Lexikon steht, ist wahr. Manchmal denke ich, dass Naturforscher mehr auf etwas vertrauen können als Geisteswissenschaftler. Zwei plus zwei ist vier. Wahr. Haploide Zellen produzieren eine Gametophyten-Generation. Wahr. Inuit-Völker haben hundert Wörter für Schnee. Stopp. In welchem Lexikon steht das? Ist das messbar? Allein die Diskussion um die Anzahl der Schneewörter in Inuit-Sprachen könnte Bibliotheken füllen. Sicherlich diskutierte man irgendwann einmal auch über haploide Zellen, doch am Schluss verlangen die meisten Naturwissenschaften ein Ergebnis, welches fortan – zumindest für eine Zeit – als gesicherte und objektive Wahrheit gelten sollte. Allein das Wort „objektiv“ löst im zeitgenössischen Ethnologen großes Unbehagen aus. Wie kann etwas objektiv sein, wenn zwei gegensätzliche Sichtweisen auf dasselbe Objekt den gleichen Wert für die Forschung besitzen? Naturwissenschaftliche Methoden stoßen da schnell an ihre Grenzen. Denn: „Eine Frage ist nur dann naturwissenschaftlich, wenn sie durch Messungen beantwortet wird.“ So lernten wir das in der allerersten Vorlesung in Geographie. Was ist mit dem Unmessbaren? Gar dem Unermesslichen? Kunst, Religion, Philosophie? Fragen nach dem Zweck oder Wert einer Sache sind fehl am Platze. Man ist sich dessen wohl bewusst und überlässt diese den „Philosophen“, um sich wieder dem Erfassbaren zu widmen – davon gibt es schließlich ja auch mehr als genug. Der Spagat im Denken Ein Blick durch den vollen Saal der Bodenkunde-Vorlesung. Mehr als dreihundert angehenden Studenten werden in diesem Moment, wie einst mir, wichtige Weichen im Denken gestellt. Ihr Denken wird auf ein klares Ziel hin arbeiten – es wird Probleme lösen wollen und eine praktische Anwendung für die Erkenntnisse suchen. Es ist das Denken der exakten Wissenschaften. Und es verdient den größten Respekt. Dennoch definiert sich selbst die Geographie als Spagatdisziplin zwischen dem scheinbar Unvereinbaren, den Natur- und den Geisteswissenschaften. Wird studienbedingt nur eine der beiden Seiten im Denken gefördert, spürt man im Gespräch sofort, zu welchem Lager das Gegenüber gehört. Es ist erstaunlich, wie selten man sich eigentlich im universitären Alltag bewusst begegnet. Ja, man sieht sich in der Mensa oder der U-Bahn, betrachtet sich misstrauisch, wagt dann gar manchmal das Gespräch. Doch ist man sich eigentlich der Dimensionen der Diskrepanz des Denkens bewusst? Einmal – ich war fast am Ende des Bachelors – traf ich mich mit einem Kommilitonen aus dem gemeinsamen Fach Japanologie, sein Hauptfach war Informatik. Die Szene: „Schau“, sagte er fast begeistert, „schau, wie bequem man doch schreiben kann.“ Ich schaue: Seine fünfzigseitige japanologische Bachelorarbeit tippte er in der Zeile des Computercodes, auf schwarzem Hacker-Bildschirm mit seinen kryptischen grünen Buchstaben. In den Haupttext mitprogrammiert sind Textgröße, Absätze und Quellenangaben – und rechts ein kleines Fenster, wo die bereits fertig formatierte Arbeit angezeigt wird. „Praktisch“, sagt er, „ich brauche die Absätze nicht selbst zu machen.“ Es war keine Show, keine Angeberei, sondern ehrliche technologische Begeisterung für das damals verfügbare Maximum an Mechanisierung des Bachelorarbeit-Verfassens. Das mag nach Einzelfall klingen, nach Anekdote – und doch begegne ich dem Spagat im Denken auf Schritt und Tritt. „Wissenschaft löst Probleme“, sagte man uns in der ersten Geographie-Vorlesung. Kein Einwand, der Computercode auf dem Bildschirm meines Bekannten macht es auch. Eine Theorie ist demnach gut, wenn sie eine hohe Problemlösungsfähigkeit besitzt. Damit verglichen fällt es einem Philosophen schwer, den Zweck des Denkens um des Denkens willen an die Außenwelt zu vermitteln. Was kann die Welt mit seinen Ergebnissen anfangen? Aber in den Momenten, in denen ich mich frage, ob wir uns eigentlich je verstehen werden, fällt mir der Mathematiker Henri Poincaré ein: „Der Wissenschaftler erforscht die Natur nicht, weil das nützlich ist; er erforscht sie, weil es ihm Freude bereitet, und es bereitet ihm Freude, weil sie schön ist.“
