FAZ 27.02.2026
12:07 Uhr

Kolumne „Uni live“: Mit Bulldogge durch das Studentenleben


Viele Studenten träumen davon, sich einen Hund anzuschaffen. Doch zwischen Vorlesungen und Nebenjob stellt sich die Frage: Passt so ein Tier in den Studentenalltag, und reicht das Geld dafür?

Kolumne „Uni live“: Mit Bulldogge durch das Studentenleben

Es ist 1.41 Uhr nachts. Während meine Kommilitonen irgendwo betrunken zu Cascadas „Everytime we touch“ grölen, stehe ich bibbernd im Pyjama in der Kälte. Mein Handy zeigt minus fünf Grad an. „Gustav. Mach. Jetzt. Bitte“, flüstere ich genervt. Doch der Hund denkt nicht daran, seinen Haufen zu setzen. Er schnüffelt genüsslich an einem Busch. Wie konnte ich darauf kommen, dass ein Hund in mein Studentenleben passen würde? Viele Studierende träumen von einem Hund. Zwischen Hörsaal, Nebenjob und der ersten eigenen Wohnung wächst die Sehnsucht nach etwas Liebe und Halt. Nach jemandem, der da ist. Der mich nicht irgendwann ghostet, weil er genug von mir hat. Als mir Gustav vor einigen Jahren angeboten wurde, konnte ich nicht Nein sagen. Gustav, eine englische Bulldogge, war damals zwei Jahre alt. Er ist verspielt, frech, ein Balljunkie, liebt ausgedehnte Spaziergänge, ist gut erzogen, aber stur. Und er hasst Kuscheln. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir einen solchen Hund anzuschaffen — ich habe Bulldoggen schon immer für eine Qualzucht gehalten. Sie können kaum atmen, haben ständig Allergien und Krankheiten und sind im Schneckentempo unterwegs. Doch Gustav hat schneller mein Herz erobert als jeder Mann zuvor. Ich konnte nicht anders, als ihn zu übernehmen. Ständig droht die nächste finanzielle Überraschung Das Schwere zu Anfang. Ein Hund bringt nicht nur Liebe ins Leben, sondern vor allem eins: Rechnungen. Abgesehen von der abenteuerlichen Wohnungssuche mit Hund und den monatlichen Fixkosten wie Futter und Hundesteuer wartet ständig die nächste finanzielle Überraschung. Ganz oben auf der Liste: Tierarztkosten. Gustav ist zwar vermutlich die robusteste Bulldogge Deutschlands. Trotzdem reicht schon eine harmlose Untersuchung, um mich in Schnappatmung zu versetzen. Dank der neuen Gebührenordnung für Tierärzte habe ich jetzt das Gefühl, selbst für einen kurzen Blick ins Hundeohr einen kleinen Privatkredit aufnehmen zu müssen. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn wirklich einmal etwas Ernstes wäre – vermutlich müsste ich dann anfangen, Leergut zu sammeln. Ansonsten verlangt mein haariger Freund besonders eins: meine ständige, ungeteilte Aufmerksamkeit. Er lässt sich nicht irgendwo abstellen, sondern ist immer überall dabei. Er hasst geschlossene Türen und verschlossene Kartons. Alles wird durchsucht und ausgepackt. Wieso auch nicht? Der Hund hat nur dich und seine begrenzte Umgebung — du hast die Entscheidung getroffen, ihn aufzunehmen, jetzt musst du ihn auch beschäftigen. Doch kaum ist ein Spiel gespielt, der Bauch gekrault und ein Leckerli verfüttert worden, geht es schon weiter. Ich werde wohl nie wieder die Energie einer Bulldogge unterschätzen. Und dann probier mal, für eine Prüfung zu lernen, während dich empört schnaubend ein Hund anstarrt und dir klarmacht, dass seit zwei Stunden keiner mehr mit ihm gespielt hat. In ein Auto bekommen ihn keine zehn Pferde Ich wäre ohne meine Mutter, die einen Terrier besitzt, aufgeschmissen gewesen. Sie übernimmt das Hundesitten, wenn ich in die Uni oder zur Arbeit muss. Sobald ich mich mit Freunden abends treffen möchte, bekomme ich einen ermahnenden Blick ab. Ausgelassene Studentenpartys habe ich höchstens auf Instagram gesehen. Genauso wie Entspannungsurlaube am Strand, denn Hitze verträgt mein Hund nicht, und in ein Auto bekommen ihn keine zehn Pferde. Er wohnt in seinem Viertel. Basta. Gustav hat eine besondere Gabe: Er spürt genau, wann ich mich souverän und stark fühle – und zeigt mir dann meine Grenzen. Wenn es ihm draußen zu kalt wird, wirft er sich gern mal vor die Nachbarn auf die Straße, um nicht weiterzulaufen. Zwinge ich ihn dazu, bin ich eine Tierquälerin. Einmal fing er plötzlich an, den Stiefel einer Bekannten anzupinkeln. Können Bulldoggen eigentlich auch dement werden? Würdevoll Gassi gehen kann man mit diesem Hund nicht. Er lässt sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Dieser gierige Blick, wenn er Käse wittert Und trotzdem: Da ist dieses Wedeln an der Haustür, wenn ich aus der Uni komme. Das zufriedene Schmatzen, wenn er sich abends auf meine Beine legt und glücklich aussieht. Die freudigen Augen, wenn er einen Ball sieht, und die zuckersüßen gierigen Blicke, sobald er ein Stück Käse wittert. Er trägt im Winter kratzige rote Pullover, die ihn aussehen lassen wie eine riesige Tomate. Er nimmt es mir auch nicht übel, wenn ich ihn mitten auf dem Feld mit peinlichen Namen rufe, die ich in dieser Kolumne nie nennen würde. Gustav gehört jetzt zu mir. Auch wenn ich oft schimpfend durch die Gegend stapfe, weil er mich wieder in Verlegenheit gebracht hat. Er verzeiht mir meine Schimpfwörter und mein Fernbleiben schnell und würde niemals nachtragend sein. Er ist immer an meiner Seite und nimmt mich so, wie ich bin. Im hohen Alter noch frech und ungestüm Mittlerweile ist Gustav mit seinen zehn Jahren fast ein Methusalem und pflegebedürftig. Er bekommt Schmerzmittel gegen Arthrose. Wenn man ihn nicht die Treppen hinauftragen kann, erleichtert ein Gurt ihm den Weg in die Wohnung. Er kann nur noch um die Ecken spazieren gehen, und zum Feld hilft ein Hundebuggy. Dann kann er über den Acker sprinten und sich anschließend wieder bequem nach Hause kutschieren lassen. Frech und ungestüm ist er immer noch. Er springt gern im Herbst und Winter durch die Pfützen, liebt es, wenn ich in gespielter Aufregung hinter ihm herrenne, und wälzt sich, wenn er Aufmerksamkeit will, in seinem Körbchen herum. Ich genieße jeden Augenblick mit ihm. Trotzdem würde ich mir nicht noch einmal einen Hund anschaffen. Die Zeit mit ihm hat mir bewusst gemacht, wie liebenswert dieses Tier ist, aber auch wie wenig man ihm gerecht werden kann, wenn man ein eigenes Leben führen will. Er verändert den Alltag völlig, verschiebt Prioritäten und kann auch Freundschaften und Beziehungen gefährden. Ein Hund braucht ständige Aufmerksamkeit, und sein Besitzer ein gut gefülltes Konto. Gerade als Studentin, die viel unterwegs ist, oft Vorlesungen und nur begrenzt Zeit und Geld hat, sollte ich darauf achten, mit wem ich meine Zukunft plane. Weder Hund noch Mensch dürfen zu kurz kommen, gleichzeitig muss sich jeder an den anderen anpassen. Allerdings soll sich die Frage nach einem neuen Hund auch gar nicht stellen. Gustav soll gefälligst hundert Jahre alt werden.