FAZ 13.12.2025
20:12 Uhr

Kolumne „So isst Politik“: Auf der Toilette gibt’s Weisheiten auf einem Post-it


Im Weihnachtsfilm „Tatsächlich ... Liebe“ laufen alle Episoden am Flughafen zusammen. Im Berliner Regierungsviertel kommt dem wohl das Tagesbistro „Flamingo“ am nächsten – ein Geschenk inklusive.

Kolumne „So isst Politik“: Auf der Toilette gibt’s Weisheiten auf einem Post-it

Der beste Weihnachtsfilm (und wahrscheinlich der beste Film überhaupt) ist bekanntlich „Tatsächlich . . . Liebe“. Er zeigt in miteinander verschränkten Episoden die Liebes- und Liebeskummergeschichten seiner Protagonisten in der Vorweihnachtszeit, Schauplatz ist London. Der britische Premierminister verknallt sich in seine Mitarbeiterin, ein Schuljunge, der schon lange in seine Mitschülerin verknallt ist, wagt den ersten Schritt – und so weiter. Die Anfangs- und die Schlussszene spielen am Flughafen Heathrow, Menschen kommen an, fliegen ab, erwarten einander, umarmen einander, gehen allein, da sie niemand erwartet, Richtung Gepäckband. Im Film laufen hier alle Episoden zusammen, im echten Leben auch, weshalb Flughäfen so herrliche Orte sind. Am nächsten kommt ihnen im Regierungsviertel das Tagesbistro „Flamingo“. Es liegt für alle und jeden auf dem Weg, gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße, gleich neben dem Bundespresseamt. Zu Fuß sind es fünf Minuten zum Jakob-Kaiser-Haus, wo viele Abgeordnete ihre Büros haben. Und dahinter ragt schon der Reichstag auf. Ein Vorbeikommen-kurz-bleiben-und-wieder-gehen-Bistro Das Flamingo ist aber kein Sehen-und-gesehen-werden-Restaurant wie das „Einstein“, sondern ein Vorbeikommen-kurz-bleiben-und-wieder-gehen-Bistro, wie es sie eben auch in Abflughallen gibt, man bestellt an der Theke, oft auch nur zum Mitnehmen. Wer bleibt, sieht Abgeordnete, deren Mitarbeiter und jede Menge Journalisten, Lobbyisten und auch Touristen, die über Stadtplänen grübeln, wo es als Nächstes hingeht. Ein kleines Schild neben der Tür bringt den Spirit auf den Punkt: „Work hard and eat lots of sandwiches.“ Schön ist, wie am Flughafen, dass Menschen aus unterschiedlichsten Tageszeitzonen zusammentreffen, zum Beispiel am Donnerstag um 15.30 Uhr: Ein älterer Mann ist seelisch offenbar schon im Feierabend, er trinkt Weißwein und telefoniert, wobei er auffallend viel lächelt. Zwei Frauen bestellen ein spätes Mittagessen, das Tagesgericht: Curry mit roten Linsen und Blumenkohl, dazu Babyblattsalat. Eine andere gabelt Kuchen und scrollt dabei konzentriert durch einen schier endlosen Mail-Posteingang. Wer den üppigen Genüssen des Schlemmermonats Dezember etwas Gesundes hinzufügen will, bestellt einen frischen Minztee, der mit 4,20 Euro auch noch deutlich günstiger ist als der Glühwein auf den umliegenden Weihnachtsmärkten. Wobei man beides kombinieren kann, denn das Flamingo schließt um 18 Uhr. Nicht aber, ohne die Besucherin zu beschenken. Am Spiegel des Damenklos klebt an diesem Tag ein Post-it mit handschriftlicher Notiz: „All you can do with regard to your own life is choose the best path that you believe in.“ Aus „The Courage to Be Disliked“. Passt auf alles, die Politik, das Leben, die Weihnachtstage, wie und wo auch immer man sie verbringt.