FAZ 26.01.2026
15:39 Uhr

Kolumne „Nine to five“: Ihr Lieben!


Wertschätzung prägt zunehmend die berufliche Kommunikation und das ist gut so. Aber sie darf nicht zur Beliebigkeit verkommen. Das Risiko besteht allerdings.

Kolumne „Nine to five“: Ihr Lieben!

Wertschätzung ist ein Gut, das im beruflichen Kontext immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das spiegelt sich auch in der Art wider, wie wir miteinander kommunizieren. So ist die Anrede „Sehr geehrte, sehr geehrter“ einigermaßen aus der Zeit gefallen. Die informelle Variante – „Guten Tag . . .“ oder schlicht „Hallo“ – konnte sich als Anrede aber ebenso wenig flächendeckend durchsetzen. Wer heute eine E-Mail schreibt, der beginnt professionell mit „Lieber Herr“ oder „Liebe Frau“, das erzeugt beim Angeschriebenen eine positive Grundstimmung. Das Adjektiv ist allerdings längst nicht mehr nur im E-Mail-Wechsel populär, sondern hat zunehmend auch den Weg in die Alltagsbürokommunikation, etwa per Teams-Chat, gefunden und wird mitunter sogar in der – seltener werdenden – mündlichen Kommunikation verwandt. „Die Quartalskommunikation verantwortet die liebe Sybille“ oder „die nächsten fünf Folien stellt euch der liebe Heinz vor“. Aber ist Sybille wirklich lieb, oder terrorisiert sie ihre Kollegen mit viel zu knappen Abgabefristen? Und ist der Heinz lieb – oder hat er stundenlang an der Anordnung der Folien, der gewählten Schriftart und den Hintergrundbildern rumgemeckert und so seine Kollegen zur Weißglut gebracht? Allgemeine Wertschätzung verkommt schnell zur Beliebigkeit. Wer mit mäßigem Businessenglisch an einem Geschäftstreffen in Großbritannien teilnimmt, wird über den höflichen, wertschätzenden Ton der Teilnehmer begeistert sein. Bis er den Code der Briten entschlüsselt. Nennen diese einen Vorschlag „interesting“, so halten sie ihn mitnichten für interessant, sondern bestenfalls für das genaue Gegenteil, oft aber auch für ausgemachten Blödsinn. Was Briten wirklich über ihre Kollegen denken, offenbaren sie erst nach der Arbeit im Pub, wo die „Fu. . .“-Worte nur so durch die Luft fliegen. Wertschätzung, nur weil sie Zeitgeist ist, nützt niemandem. Wertvoller im Berufsleben sind ehrlich gemeinte Komplimente – umso wirksamer in größerer Runde.