Dass ein Satzzeichen in Verruf gerät, ist selten. Doch ausgerechnet der Gedankenstrich, eigentlich in der Regel eine elegante Lösung, steht inzwischen beinahe unter Generalverdacht. Auf Karrierenetzwerken wie Linkedin sowie in anderen sozialen Medien ist er mittlerweile allgegenwärtig. Kaum ein Beitrag auf diesen Plattformen kommt ohne ihn aus, oft tummeln sich sogar gleich mehrere in einem Absatz. Auffällig ist, dass der Gedankenstrich viel häufiger verwendet wird, seit Sprachmodelle auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) verstärkt zum Einsatz kommen. Seit KI-generierte Texte das Internet fluten, wirkt der Stil vieler Beiträge gleichförmig: kurze, pointierte Sätze, viele Absätze, gespickt mit Frage- und Ausrufezeichen sowie eben den Gedankenstrichen. ChatGPT, Gemini, Claude und Co. lieben den Gedankenstrich. Die Sprachmodelle verwenden ihn allerdings nicht auf die klassisch überlegte Weise, wie man es aus stilvollen Texten kennt. Das Problem dabei ist, dass die Sprachmodelle aus ihren eigenen Texten lernen, wodurch sich bestimmte Muster selbst verstärken, darunter auch der übermäßige Gebrauch des Gedankenstrichs. Natürlich bedeutet eine häufige Verwendung des Gedankenstrichs nicht automatisch, dass ein Text von einer Künstlichen Intelligenz stammt, manche Menschen benutzen ihn ebenfalls inflationär. Wenn der Stil jedoch allzu glatt wirkt, die persönliche Handschrift fehlt und das Satzzeichen in auffälliger Dosis auftaucht, liegt die Vermutung jedenfalls nahe, dass eine KI im Spiel war. Der Gedankenstrich muss deshalb nicht boykottiert werden. Im Gegenteil. Richtig eingesetzt kann er Spannung aufbauen, eine unerwartete Wendung andeuten oder zwei eigentlich widersprüchliche Gedanken miteinander verbinden. Seine Wirkung entfaltet er aber nur dann, wenn er sparsam und gezielt verwendet wird. Ein bewusst gesetzter Gedankenstrich kann einem Text jene Tiefe verleihen, die Maschinen so oft vermissen lassen. In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
