FAZ 16.02.2026
10:52 Uhr

Kolumne „Nine to Five“: Nach den Großen angeln


Manche Menschen übertreiben es mit dem Netzwerken und werfen sich nach dem Vortrag an die Topleute ran. Das kann peinlich werden – eine Gruppe ausgenommen.

Kolumne „Nine to Five“: Nach den Großen angeln

Die Jagd ist eröffnet. Das Revier ein Foyer nach dem Fachvortrag. Die Gäste vertreten zwei Lager. Die einen genießen es, sich nach dem Sitzmarathon die Beine zu vertreten, begrüßen alte Bekannte und angeln sich ein Glas Grauburgunder. Die anderen angeln etwas anderes. Sie dürstet es nach Kontakten, nach Menschen in hohen Positionen, deren Bekanntschaft zu machen ein Erfolgsversprechen in sich trägt und als Trophäe verbucht wird. Welcher Hochkaräter in Erscheinung treten wird, haben die Statushungrigen im Vorfeld eruiert. Ihr Jagdtrieb zeigt sich im fiebrig kreisenden Blick: Der Platzhirsch wird ausgespäht und klargemacht. Noch scheint er abgeschirmt vom eilfertigen Büroleiter, kein Problem, nur forsch herangepirscht. Einer dieser umtriebigen Gäste klaubt zwei Gläser vom Ta­blett und gibt den Kellner. Blöd nur, dass der Umworbene abblockt, vor 19 Uhr meide er Wein, danke, Wasser reiche. Andere streifen mit hungrigen Blicken zwischen den Stehtischen umher, wo sich noch eine Gelegenheit bieten könnte, etwas anzubahnen. Bei manchen gibt es kein Halten, sie lassen Gesprächspartner stehen, sobald sie Einflussmächtigere sichten, drängeln sich ins Zweiergespräch, feuern Floskeln über den beeindruckenden Internetauftritt, den beeindruckenden Linkedin-Post, den beeindruckenden Vortrag ab. Blöd nur, wenn sich der Gepriesene von derlei Lobhudelei so gar nicht beeindrucken lässt und sich nach knappem Nicken dem Nachwuchs widmet. Denn die ganz Jungen, die sich ambitioniert in ihre dunkle Kombi geworfen haben, die findet der Manager deutlich interessanter. Klar, die Neulinge übertreiben es ebenso mit der Kontaktaufnahme, flirren in Grüppchen durchs Foyer, erröten, als sie sich dem Head of Soundso nähern, sagen dann aber Namen und Fach auf. Es handelt sich dem Benehmen nach um verunsicherte Demnächst-Absolventen, aufgeschreckt vom schwierigen Arbeitsmarkt. Je früher sie sich ins Gespräch bringen, desto besser. Das birgt keine Fremdschämmomente, das verdient Respekt. In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.