FAZ 21.01.2026
12:43 Uhr

Kolumne „Kopfsachen“: Geheimzutat zur Resilienz


Hoffnung auf bessere Zeiten reicht nicht, um gut durch Krisen zu kommen. Eine widerstandsfähige Psyche benötigt noch etwas mehr.

Kolumne „Kopfsachen“: Geheimzutat zur Resilienz

Viktor Frankl, der österreichische Psychotherapeut und Begründer der Logotherapie, wurde als 37-Jähriger mit seiner jüdischen Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort, seine Mutter, sein Bruder und seine Ehefrau wurden nach Verlegung nach Auschwitz beziehungsweise Bergen-Belsen ermordet und er selbst nach zweieinhalb Jahren von den Amerikanern aus dem Außenlager des KZ Dachau – Kaufering VI – Türkheim befreit. In seinem berühmtesten, 1946 erstmals erschienenen Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ verarbeitete er diese Zeit, in der er viele Menschen psychologisch betreut hatte, und machte Hoffnung und Sinnfindung zu den wesentlichen Grundpfeilern seiner Psychotherapie. Ich habe ihn selbst kennengelernt, viele seiner Bücher gelesen und teile neben der Anerkennung seiner Verdienste für die Psychotherapie auch die Kritik an ihm, unter anderem dass sein Satz „jeder habe sein Auschwitz“ die Unvergleichbarkeit der Menschheitskatastrophe der Schoa verharmlost, was wiederum von rechtsextremen Kreisen funktionalisiert wurde. Trotzdem bleibt die Frage, wie Hoffnung in schwierigen Zeiten unsere psychische und körperliche Gesundheit stabilisieren kann, uns also resilient macht, und wie sie uns hilft, die Dinge positiv zu verändern. Hoffnung richtet den Blick in die Zukunft und beschreibt die Überzeugung, dass ein gewünschtes Ziel erreichbar ist – auch wenn dessen Eintreten unsicher bleibt. Ich hoffe, dass etwas eintritt, auch wenn ich mir nicht sicher bin oder es sogar unwahrscheinlich ist, dass es so kommt. Bloße Hoffnung ist jedoch häufig nicht mit Resilienz und Veränderung assoziiert, in vielen wissenschaftlichen Studien sogar mit nichtresilienten Anpassungsreaktionen an Belastungen. Es wird schon alles gut werden! Deutlich positivere Zusammenhänge zeigen sich dagegen für Optimismus. Damit ist die generelle Erwartung gemeint, dass sich Dinge positiv entwickeln werden. Optimismus stellt also eine übergeordnete Grundhaltung dar: Ich bin guter Dinge anzunehmen, dass die Dinge genau so eintreten werden, wie ich es mir vorstelle. Kombiniert mit Selbstwirksamkeit als dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, eine Situation aktiv und positiv beeinflussen zu können, bildet Hoffnung eine dynamische Kette: Hoffnung liefert den Antrieb, Optimismus die Erwartung des Gelingens und Selbstwirksamkeit das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und das wiederum mündet in aktivem Coping, also einer problemlösungsorientierten Bewältigung von Herausforderungen. Ähnlichkeiten finden sich in dieser Kette mit dem Konstrukt des Kohärenzgefühls von Aaron Antonov­sky, das immer noch einer der am stärksten belegten Resilienzfaktoren ist. Dieses umfasst Verstehbarkeit (die Welt ist strukturiert und erklärbar), Handhabbarkeit (Anfor­derungen sind bewältigbar) und Bedeutsamkeit (Anforderungen sind sinnvoll und lohnend). Optimismus fördert Verstehbarkeit und Handhabbarkeit, während Hoffnung insbesondere Bedeutsamkeit stärkt, indem Ziele lohnenswert erscheinen. Auch wenn die von Frankl begründete Logotherapie nie richtig Fuß fassen konnte und auch die notwendigen Wirksamkeitsbeweise fehlen, ist Hoffnung sicher unverändert eine Ressource im Angesicht aktueller Polykrisen. Nicht aber als passives Abwarten im stillen Kämmerlein im Sinne von „jetzt hoffe ich mal, dass das schon irgendwie alles gut gehen und sich zum Guten wenden wird“, sondern als Antrieb für aktives Handeln und Problemlösen im Rahmen eigener Möglichkeiten – so wie Frankl selbst, der trotz widrigster Bedingungen im Konzentrationslager anderen aktiv psychologische Unterstützung bot. Wenn wir das in diesem Jahr beherzigen, kann aus bloßer Hoffnung Energie für Veränderung entstehen – das würde uns allen und unserem Planeten sicher sehr guttun.