Man kann ja durchaus den Eindruck haben, in Deutschland wäre auf nichts mehr Verlass. Aufruhr in der Regierung? Den veranstalten plötzlich nicht mehr die Jusos, sondern die Junge Union. Sich an Weihnachten mit Schokolade ins Koma snacken? Geht zwar theoretisch noch, wird dieses Jahr aber ganz schön teuer. Die einzige Konstante ist die Deutsche Bahn, die verlässlich unzuverlässig ist. Bei all diesen Dingen würde man sich wünschen, dass es einfach mal läuft. Auf anderes könnten wir durchaus verzichten – genau diese Dinge halten sich aber umso hartnäckiger. Das Anstandshäppchen zum Beispiel, darauf ist beharrlich Verlass. Selbst wenn es bei einer Party eigentlich zu wenig Essen gab, bleibt am Büfett bis zum Schluss keine Platte vollständig leer. Viel drauf ist aber nicht mehr: Da schwimmt dann eine einsame Olive in einem Schüsselchen, der letzte Käsewürfel fängt schon unappetitlich an zu schwitzen, und das übrig gebliebene Stück Pizza trocknet allmählich vor sich hin. Das letzte Stück: Es will keiner. Wobei, das ist nicht ganz richtig. Die Standardkonversation an solch einem Büfett geht ungefähr so: „Gibt’s noch ein Stück Pizza?“ – „Ja, eins noch.“ – „Nur noch eins? Nee, nee, dann nicht, alles gut!“ Das letzte Stück zu essen, gilt gemeinhin als unhöflich, auch wenn ich mich bis heute frage: unhöflich gegenüber wem? Selbst der Partygast, der nach mehrstündiger Verspätung mit der Bahn kurz vor Mitternacht als Letzter eintrudelt, wird von der letzten Olive, dem letzten Cracker und dem angegammelten Pizzastück kaum satt werden. Eine Beleidigung für den Gastgeber! Was soll das Ganze also? Den Anstandsrest, so lese ich im Internet (immer noch die beste Quelle), gab es schon seit der Antike. Er ist bis heute in verschiedenen Kulturen verbreitet und soll wahlweise signalisieren, dass der Gastgeber nicht zu geizig war oder der Gast ohnehin so wohlgenährt ist, dass er das Aufessen gar nicht nötig hat. Eine Zeit lang waren die Reste auch für die Armen oder die Diener gedacht. Heutzutage ist davon – zumindest in Deutschland – nichts mehr zeitgemäß, insbesondere Personal lockt man heute eher durch anständige Bezahlung denn durch Reste an. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Der Anstandsrest ist im Jahr 2025 eine Beleidigung für den Gastgeber! Der muss ihn nämlich am Ende wegschmeißen. Vorher steht aber alles stundenlang herum, weil der Gastgeber das Büfett nicht schnell mal abräumen kann, schließlich liegt da ja noch was auf den Tellern, und vielleicht will das ja noch jemand essen! (Spoiler: Spätestens wenn der Käsewürfel schon drei, vier Stunden lang rumlag, will ihn wirklich niemand mehr, selbst wenn in der Bahn mal wieder das Bordbistro geschlossen war.) Ich appelliere deshalb an Sie: Erbarmen Sie sich des Anstandsrests! Zugegebenermaßen muss man sich dafür am Anfang ein wenig überwinden. Schließlich sichern soziale Konventionen den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, und niemand gilt gern als unhöflich. Aus eigener Erfahrung kann ich aber berichten: Ich esse seit einiger Zeit regelmäßig den letzten Happen, und ich werde immer noch zu Partys eingeladen. Wer mag, kann sich vorher rückversichern („Will das noch jemand?“) und sich im unwahrscheinlichen Fall, dass sich noch jemand meldet, sogar als großzügig inszenieren und dem anderen das letzte Stück überlassen. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Verlässlichkeit könnte dann künftig bedeuten: Der Gastgeber kann sich sicher sein, dass er am Ende nichts wegwerfen muss. Vielleicht ist also noch nicht alles verloren – zumindest wenn man die Bahn außen vor lässt.
