FAZ 02.02.2026
14:49 Uhr

Kolumne „Kann weg!“: Entsetzt beobachtete ich, wie die Preise ins Unermessliche stiegen


Früher standen Pokémon-Karten für eine unbeschwerte Kindheit. Heute haben Preisexplosionen, künstliche Verknappung und blanke Gier die Magie der kleinen Taschenmonster zerstört. Unser Autor will da nicht mehr mitmachen.

Kolumne „Kann weg!“: Entsetzt beobachtete ich, wie die Preise ins Unermessliche stiegen

Vor ein paar Monaten überkam mich eine schmerzhafte Einsicht. Mein Hobby, das mir einmal Freude bereitet hatte, fühlte sich plötzlich nur noch nach hohlem Konsum an, nach Zeitverschwendung und Geldverbrennung. An jenem Tag suchte ich im Obergeschoss eines Frankfurter Drogeriemarkts nach den neuesten Pokémon-Karten, als ich dem Gespräch dreier Mitarbeiter lauschte. Sie witzelten darüber, dass sich einer von ihnen sämtliche Booster der Reihe „Prismatische Entwicklungen“ unter den Nagel gerissen hatte. Als sie bemerkten, dass ich ihre Unterhaltung mitbekommen hatte, wirkten sie sichtlich betreten. Hatte ich gerade tatsächlich mit angehört, wie die Verkäufer darüber scherzten, heiß begehrte Kundenware unterschlagen zu haben? Oder war es nur ein dummer Witz? Falls Ihnen das alles schleierhaft vorkommt und Sie sich fragen, warum ein 32 Jahre alter Mann nach Kinderspielzeug sucht, sollte ich ein paar Schritte zurückgehen: Am Anfang stand ein kleiner Junge aus Japan. Satoshi Tajiri liebte es, draußen zu spielen und im hohen Gras Insekten zu sammeln. Aus diesen Kindheitserlebnissen heraus wandte er sich später nicht der Käferkunde, sondern dem Entwickeln von Videospielen zu. 1996 brachte er das erste Pokémon-Spiel für den Gameboy auf den Markt, wenig später folgte das Sammelkartenspiel. Um die Jahrtausendwende hatten die kleinen Taschenmonster eine ganze Generation in ihren Bann gezogen. Meine Generation. Auch mich faszinierte diese riesige, facettenreiche Welt, in der man mehr als hundert Wesen von süß bis gefährlich fangen konnte. Zusammen mit meinen Freunden spielte ich oft stundenlang mit den Karten oder auf dem Gameboy. Wir tauschten Pokémon und gaben uns gegenseitig Ratschläge, wie sich die Rätsel des Spiels am besten lösen ließen. In einem Bretagne-Urlaub zockte ich mit dem französischen Nachbarsjungen Thibaud, obwohl ich kein Wort von dem verstand, was er sagte. 2019 wollte ich in mein nostalgisches Paralleluniversum zurückkehren Doch je älter ich wurde, umso weniger interessierten mich die Pokémon. So nahm ich auch erst viel zu spät Notiz davon, dass meine Mutter meine wertvolle Sammlung in einem Marie-Kondo-haften Aufräumanfall in den Müll geworfen hatte. Das war ein schwerer Schlag für mich, als ich 2019 in dieses nostalgische Paralleluniversum zurückkehren wollte. Aber für relativ kleines Geld konnte ich immerhin einige meiner Lieblingskarten auf Ebay erwerben. Ich war nicht der einzige Kartensammler von damals, der mittlerweile erwachsen geworden und mit einer gewissen Kaufkraft ausgestattet war. Und im Zuge der apokalyptischen Stimmung während der Corona-Zeit flüchteten sich auch viele meiner Altersgenossen zurück in die vermeintlich sichere Pokémon-Welt ihrer Kindheit. Über die vielen Neuankömmlinge war ich allerdings alles andere als begeistert. Entsetzt beobachtete ich, wie die Preise ins Unermessliche stiegen. Klickte ich auf Youtube, wurden mir Videos angezeigt, in denen bekannte Influencer unzählige Päckchen im Wert von Zehntausenden Euro in ihren Livestreams öffneten. Wie bei einem Glücksspiel hofften sie auf die eine seltene Karte, die Hunderttausende Euro wert sein konnte. Und mit den steigenden Preisen entdeckten schließlich immer mehr Menschen, die mit den kleinen Monstern nie etwas zu tun gehabt hatten, Pokémon-Karten als Spekulationsobjekt. Ich schlenderte durch die Stadt, doch alles war überall ausverkauft Was uns zurück in die Gegenwart und zu „Prismatische Entwicklungen“ führt. Das Set, wie man die verschiedenen Auflagen der Pokémon-Karten nennt, läutete im Januar 2025 eine neue Stufe des Hypes ein. Jeder Sammler wollte es haben! Denn das Thema des Sets war die Evolutionsreihe eines fuchsartigen Wesens namens Evoli, das zu den beliebtesten Pokémon aller Zeiten gehört. Wiederverkäufer, die sogenannten Scalper, kauften das neue, begehrte Produkt massenhaft auf. Die Ware landete dann zu unverschämten Preisen auf dem Zweitmarkt. Otto Normalsammler wie ich gingen leer aus. Immer wenn ich durch die Stadt bummelte, fragte ich in Supermärkten, Drogerien, Kiosken und Spielzeugläden nach, ob es noch „Prismatische Entwicklungen“ gebe. Oft bekam ich als Antwort, dass irgendjemand da gewesen war, der alles mitgenommen hatte. Auch im Internet war alles ausverkauft. Manche Läden reagierten, indem sie pro Kunde nur eine bestimmte Zahl an Produkten verkauften, andere schienen selbst von der Not der Sammler profitieren zu wollen und passten ihre Preise dem Zweitmarkt an: Booster, die regulär fünf Euro kosteten, wurden für zehn Euro angeboten. Und die mächtige Pokémon Company, das wertvollste Medien-Franchise der Welt, scheint dem Wahnsinn bislang keinen Einhalt bieten zu können. Sind Produktionsgrenzen oder Fehleinschätzungen der Nachfrage schuld? Unter enttäuschten Fans hält sich der Verdacht, die Verknappung sei einkalkuliert, um den Hype am Leben zu halten. Aber auch abseits dessen kann man den Eindruck gewinnen, die Company will den größtmöglichen Profit aus ihren treuen Fans herausquetschen. Sammler haben ausgerechnet, dass man ein Set vor rund 25 Jahren für 240 D-Mark vervollständigen konnte. Heute muss man mehrere Tausend Euro hinblättern, um alle Karten eines Sets zu erwerben. An dem Tag in der Drogerie, an dem ich endgültig meine Freude am Sammeln verlor, zweifelte ich daran, dass die Mitarbeiter die Karten wirklich selbst gekauft hatten, anstatt sie den Kunden anzubieten. Vielleicht handelte es sich bloß um Galgenhumor. Schließlich mussten sie jeden Tag unzählige frustrierte Sammler abwimmeln, von denen sie verdächtigt wurden, Scalper zu sein. Ich selbst wollte auf jeden Fall kein Teil dieses Universums mehr sein. So war es nicht nur eine schmerzhafte, sondern auch eine befreiende Einsicht, als ich mit einem Lächeln den Laden verließ und an meine Kindheit dachte, in der Pokémon noch keine spekulative Wertanlage für Erwachsene war, sondern das, was Satoshi Tajiri ursprünglich im Sinn hatte: eine phantastische Reise für große und kleine Abenteurer.