FAZ 21.11.2025
12:04 Uhr

Koloniales Erbe: Wie kamen die Kameruner Speere nach Hessen?


Das Museum Wiesbaden untersucht sein koloniales Erbe in einer Sonderausstellung. Woher stammen die Alltagsgegenstände?

Koloniales Erbe: Wie kamen die Kameruner Speere nach Hessen?

Wo verläuft die Grenze zwischen sammeln und stehlen? Und wie lässt sich der Nachweis einer nicht legalen, gar gewaltsamen Aneignung von Kulturgütern und Alltagsgegenständen führen? Fragen, die nach mehr als 100 Jahren, wenn überhaupt, kaum zu beantworten sind. Die deutschen Museen sind aber gesetzlich gefordert, ihre Sammlungen und Bestände im Hinblick auf eine unbedenkliche Herkunft zu durchforsten. Im Fokus steht die koloniale Vergangenheit, auch wenn das Deutsche Reich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges seine Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien aufgeben musste. Beispiel Kamerun: Rund 32 Jahre lang, zwischen 1884 und 1916, umfasste die deutsche Kolonie das heutige Gebiet des westafrikanischen Staats und weitere Gebiete. Die wirtschaftliche Ausbeutung war facettenreich. Die einheimische Bevölkerung wurden zur Arbeit in den Plantagen zur Gewinnung von Kakao, Kaffee, Kautschuk und Bananen herangezogen. Nach Deutschland gelangten in jenen Jahren viele kulturelle Schätze und exotische Alltagsgegenstände. Überschaubarer Bestand Rund 40.000 Exponate aus Kamerun liegen heute in deutschen Museen und zeugen von der kolonialen Epoche. Diese Museen sind in einem vor zwei Jahren erschienenen „Atlas der Abwesenheit“ erfasst. Anders als beispielsweise das Berliner Humboldt-Forum ist der Bestand in Wiesbaden allerdings überschaubar. Neben einigen Hundert präparierten Tieren und Pflanzen befinden sich nur 29 ethnologische Objekte im Fundus, darunter 16 Wurfspeere mit eisernen Spitzen, die der Jagd oder der kriegerischen Auseinandersetzung in einem von rivalisierenden Stämmen und Königtümern geprägten Kamerun dienten. „Speerspitzen der Erinnerung“ nennt das Museum deshalb seine jüngste Studienausstellung. Sie soll dazu ermutigen, sich der Verantwortung im Umgang mit dem kolonialen Erbe zu stellen. Zugleich gibt sie Aufschluss über die schwierige Arbeit von Provenienzforschern wie Yvonne Finzler, die die Ausstellung kuratiert hat. Neben den Speerspitzen sind es Taschen, ein Schwert, eine Schürze und ein Fächer, die in einem kleinen Raum des Museums gezeigt werden. „Wir haben keine menschlichen Überreste und augenscheinlich keine sakralen Objekte“, sagt Finzler. In Wiesbaden seien vor allem „Dinge des Alltags“ vorhanden. Deren unmittelbare Herkunft liegt auf der Hand. Der mit dem Museum ehrenamtlich eng verbundene Sammler Carl Feldmann hatte die Exponate auf Vermittlung von Justo Weiler dem Museum übersandt. Allerdings ohne eine nachvollziehbare Dokumentation, wie er an die Objekte gekommen war. Herkunftsnachweis wird selten gelingen Beide Sammler waren laut Museum „als Mitglieder großer Plantagengesellschaften in die kolonialen Wirtschaftsstrukturen eingebunden und sammelten Stücke aus Kamerun aus verschiedenen Ambitionen heraus“. Denkbar ist, dass manche Objekte auch getauscht oder auf Hafenmärkten erworben wurden. Finzler versucht, ihrer Herkunft nachzuspüren. Anhaltspunkte können die Archive der Kolonialverwaltung geben, aber auch Tagebücher und Dokumentationen aus jener Zeit wie die Aufzeichnungen von Soldaten. Klar scheint schon jetzt, dass ein überzeugender und nachvollziehbarer Herkunftsnachweis wohl nur in wenigen Fällen gelingen wird. Damit bleibt zunächst offen, ob es bei dem einen oder anderen Objekt womöglich zu einer Rückführung nach Kamerun kommen kann. Dem Museum geht es mit der Ausstellung darum, die „Erwerbswege“ der Objekte und die dafür verantwortlichen „Sammler“ offenzulegen, aber auch um die Frage, „wie aus Sicht des heutigen Kamerun mit dem kolonialen Erbe umgegangen wird“. Zur Ausstellungseröffnung sagte Direktor Andreas Henning, eine der wichtigsten Aufgaben der Provenienzforschung liege darin, „Transparenz zu schaffen und daraufhin neue Brücken zu schlagen“. Das will auch Finzler erreichen. „Nachdem in Wiesbaden in den vergangenen Jahren zunächst die Bestände aus Namibia im Fokus lagen, standen Weiler und Feldmann schon lange auf der Liste der dringend zu untersuchenden Personen.“ Das Museum Wiesbaden organisiert parallel zu der von der Alfred-Weigle-Stiftung geförderten Ausstellung ein vielfältiges Begleitprogramm mit Workshops, Vorträgen und Sonderführungen.