Hunger ist ein fieses Gefühl, das tief verwurzelt ist im Körper. Hunger verhindert, dass Körper und Geist die Energie ausgeht. Er ist also existenziell. Und deshalb gibt es nicht nur unter Evolutionsexperten und Psychologen schon lange die Überzeugung, dass die Stimmungen, die bei vielen mit dem Aufkommen des Hungers schnell mal aufkommen – Ungeduld, Gereiztheit bis hin zur Wut – von einem physiologischen Automatismus hervorgerufen werden. Sinkt der Glukosespiegel, unsere Energiequelle Nummer eins im Kopf, drehen wir quasi am Rad. Tatsächlich aber ist durchaus umstritten, was zuerst da ist: der Glukosemangel im Stoffwechsel oder der Ärger im Kopf. Inzwischen lässt sich das ganz gut studieren. Die Patches am Arm, die heutzutage zum kontinuierlichen Glukose-Monitoring von Diabetes-Patienten eingesetzt werden, sowie Smartphones, die man als „Ansprechpartner“ nutzen kann, machen eine fast kontinuierliche Beobachtung der Menschen im Alltag möglich. Eine Gruppe von Psychiatern um Nils Krömer von der Universität Bonn und Psychologen aus Tübingen haben so neunzig Männer und Frauen mit ganz unterschiedlichen Stoffwechselvoraussetzungen untersucht. Im Lancet-Magazin „eBio Medicine“ berichten sie über ihre Befunde. Und die sind im Hinblick auf die Quelle der „Hangry“-Gefühle durchaus aufschlussreich. Denn offenbar gibt es diesen direkten Zusammenhang zwischen Glukose-Status und Emotionen gar nicht. Der Blutzuckerspiegel spielt demnach beim Entstehen des Hungergefühls zwar eine Rolle, aber den nächsten Schritt – den Ärger – produzieren wir ganz allein und ganz bewusst. Körpersignale psychisch abpuffern Die schlechte Stimmung durch Hunger ist also reine Kopfsache. Es gibt durchaus Menschen, die auch bei einem niedrigen Blutzuckergehalt völlig ausgeglichen sind und erst, wenn sie den Hunger als solchen auch empfinden, mit Gereiztheit reagieren. Mit anderen Worten: Der Ärger entsteht durch Interozeption, die Deutung der eigenen, unbewussten Körpersignale. Erst wenn die Körpersignale im Gehirn – bewusst – als Hunger gedeutet werden, entsteht die schlechte Stimmung. Wie viel man in seinen Körper hineinzuhören vermag (und wie sensibel wir dafür sind), spielt also in der Hangry-Phase eine entscheidende Rolle. Und da unterscheiden sich die Psychen der Menschen. Wie die Bonner Wissenschaftler festgestellt haben, sind offenbar Menschen, die ihre Körpersignale präziser deuten können, eher in der Lage, ihre schlechte Stimmung beim Hunger in den Griff zu bekommen – durch bewusste Gegenmaßnahmen im Kopf. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass das bewusste Spüren des eigenen Körpers eine Art Puffer für die Stimmung sein kann“, sagt Nils Kroemer.
