Wenn man bedenkt, dass die Erde mit einer Geschwindigkeit von etwa 107.000 Kilometern in der Stunde um die Sonne brettert und unser Sonnensystem samt allen Planeten mit ungefähr 800.000 Stundenkilometern im spiralförmigen Strudel um das Zentrum unserer Galaxie jagt, müsste einem eigentlich ganz schwindelig werden. Das Merkwürdige ist nur, dass wir von alldem nichts bemerken. Die scheinbare Bewegung der Himmelskörper um uns herum sieht gemächlich aus. Stundenlang muss man in den Himmel starren, um festzustellen, dass ein Sternbild ein paar Zentimeter weiterkommt. Dieser subjektiven und beschränkten Wahrnehmung nach könnte man tatsächlich meinen, dass wir gemächlich auf dem Rücken einer Schildkröte umherziehen. Bekanntermaßen spielen Schildkröten in den Schöpfungsmythen vieler alter Kulturen eine Rolle, von Indien bis Nordamerika. Der Gegenentwurf zum dynamischen Weltall Die damit verbundenen Vorstellungen sind zwar ein völliger Gegenentwurf zur modernen Kosmologie eines Weltalls, in dem eine unglaubliche Dynamik herrscht, in dem es kocht und brodelt und durch das unvorstellbare Energiemengen fließen. Aber dennoch ist das Bild von der Schildkröte, auf deren Panzer wir uns befinden, während sie beschaulich durch das Urmeer paddelt, sehr reizvoll. Es hat etwas Beruhigendes. Vielleicht sollte man es sich öfter geistig vor Augen führen. Es eröffnet eine metaphysische Außenperspektive. Oder einfacher gesagt: Es könnte im stressigen Arbeitsalltag schon helfen, wenn wir ganz allgemein an Schildkröten denken würden. Die Schildkröte ist die Ikone der Geduld. Sie symbolisiert Dauerhaftigkeit und Konstanz. In der altgriechischen Fabel von Äsop besiegt sie den Hasen. Eile mit Weile, sagt auch ein deutsches Sprichwort. Gerade in der immer schneller und hektischer werdenden Arbeitswelt empfiehlt sich das Schildkrötenprinzip. Lange To-do-Listen lassen sich besser im Langlauf- als im Sprinttempo bewältigen, wilde Hasensprünge helfen nicht, langfristige Planung und Zeiteinteilung schon. Schildkröten haben zudem praktischerweise ihr Haus immer dabei. Der Rückzug in die eigenen vier Wände, ins Homeoffice, ist immer und ohne viel Zeitverlust möglich. Das mobile Tiny House, das man bei Wasserschildkröten mit einem schwimm- und sogar tauchfähigen Wohnmobil vergleichen könnte, steht auch für eine gewisse Unabhängigkeit, für Freiheit und Selbstbestimmung. In moderner Lesart könnte die Schildkröte insofern zum Symboltier der Work-Life-Balance werden. Riesenschildkröte Jonathan macht es vor Schildkröten sind darüber hinaus die Meister der Zeit, vermutlich tauchen sie auch deshalb so gern in Geschichten von Anfängen und der Urzeit auf. Manche Schildkrötenarten werden ja bekanntlich uralt. Auf Wikipedia lesen wir über die Seychellen-Riesenschildkröte Jonathan, die um 1832 in dem Inselstaat geboren wurde, der ihrer Art den Namen gab und die nun auf der Atlantikinsel St. Helena lebt: „Sie gilt als ältester Bewohner der Insel und ist vermutlich das älteste lebende Reptil der Erde. Einige Quellen sprechen sogar vom ältesten lebenden Landtier der Erde.“ Erstaunlich, oder? Denn ein Fitnessarmband hat Jonathan sicher nie getragen, Sport getrieben hat er ohnehin nie und sich vermutlich auch nicht um eine gesunde Ernährung geschert. Immerhin: Geraucht und Alkohol getrunken hat Jonathan wohl nicht. Vor allem aber war ihm bestimmt sein gemächlicher, stressfreier und kontinuierlicher Lebensstil förderlich. Und stets war ihm gesunder Schlaf wichtig. Unsere sich daran anschließende Frage, ob Schildkröten Winterschlaf halten, beantwortet die KI thematisch passend so: „Ja, viele Schildkrötenarten, besonders europäische Landschildkröten, halten zwingend einen Winterschlaf (Winterruhe), um ihre Gesundheit zu erhalten.“ Seufz, wie gern würden wir gerade jetzt dem Vorbild der Schildkröten folgen!
