FAZ 02.02.2026
16:10 Uhr

König Lear in Kassel: Ist das Shakespeare für unsere Zeit?


Das Schauspiel Kassel bringt Thomas Melles Fassung von „König Lear“ auf die Bühne – als Pulp Fiction unter nah Verwandten.

König Lear in Kassel: Ist das Shakespeare für unsere Zeit?

König Lear ist ein Greis. In Kassel nicht. König Lear ist verbittert. In Kassel schreit er zumeist nur großmäulig herum, seine Wut genießend. Weil er abzutreten vorgibt, will er das Reich unter seinen Töchtern aufteilen. In Kassel sind die beiden älteren Töchter zornige Feger, die den Generationenaufstand proben. In Shakespeares Stück sind Familie und Staat verbunden, weil der Staat von Familien beherrscht wird. In Kassel könnte der familiäre Streit auch über ein paar Eigenheime oder Aktienpakete entbrennen. Bei Shakespeare überbieten sich Goneril und Regan in ausgestellter Vaterliebe, und der Alte fällt drauf rein. In Kassel hakt er die falsche Devotion lässig ab, wie ein Barmann, den man für seine Cocktails lobt. Cordelia, die dritte, widert der Zwang zur rhetorischen Liebeserklärung an, wofür sie der erfolglos Liebeserklärungen fordernde Vater verstößt. Das immerhin auch in Kassel. Dort ist also wenig so wie in Shakespeares Stück. Thomas Melle hat es ins Halbstarke übersetzt. Auch die Älteren sprechen so: „Jetzt motz dein Reden kurz mal auf, sonst wird es eng mit deinem Glück“. „Codewort? Banane!“. „Ich bin geladen. Na, dann schieß los!“ Shakespeare schrieb ein Trauerspiel. In Kassel macht die Regie von Lars-Ole Walburg eine gut choreographierte Groteske daraus, mit Musik von Martin Engelbach an fast allen Instrumenten. Das Publikum lacht, zurecht. Ein alter Angeber, der abdankt und doch weiter herrschen will, wird von seinen kaltherzigen Töchtern rücksichtslos aufs Kreuz gelegt. Die Töchter sind voller Spott über die Welt ihrer Eltern und deren Getue. Nur Cordelia nicht, die spielt in Kassel aber keine große Rolle. Das Geschehen konzentriert sich ganz auf die bösen Geschwister. Und auf Edmund, den innerlich leeren Bastard des Grafen von Gloucester, der sich, nur aus Ehrgeiz bestehend, an ihren Intrigen beteiligt. Seinen Vater gibt es in Melles Fassung nicht, nur die Gattin ist übrig geblieben, um alles zu erleiden, was im Stück dem Grafen geschieht. Schreckliche Vergnüglichkeit Die Reduktion der Figuren auf eine Zahl, die dem Disponenten eines deutschen Schauspielhauses mittlerer Größe keine Schwierigkeiten macht, gelingt in Kassel. Die Gloucesters sind halbiert, Albany und Cornwall, die Gatten der Töchter, der König Frankreichs – der bei Shakespeare Cordelia ehelicht – und der Graf von Burgund kommen gar nicht mehr vor, aus dem Hofstaat Lears werden unsichtbare „Follower“. Der Narr, der bei Shakespeare zentral ist, weil im Verlauf des Stücks fast alle irre werden, wird mit dem Grafen Kent vereinigt. Clemens Dönicke gibt beide anrührend als die Einzigen, die nicht den Verstand verlieren. Das macht die Inszenierung in Kassel zu einem Familien-Comic, der auf Tempo und Verkürzung setzt. Pulp Fiction unter nah Verwandten. Höfisch ist hier nichts. Alle reden wie in der Kneipe: Der Alte ist „ein grauer Star auf Abschiedstour“, bei Unglück heißt es „Es scheint, die Götter haben dich nicht abonniert“. Alle schimpfen in Pointen. Wir sehen eine Screwball-Tragödie. Wer dagegen protestieren wollte, müsste von der schrecklichen Vergnüglichkeit des Abends voll absurder Mordlust ebenso absehen wie von dem, was Susan Snyder „die komische Matrix von Shakespeares Tragödien“ genannt hat. Auch davon, dass Shakespeare selbst ein Theatermann war, der zeitgemäß schrieb. Einen letztgültigen Text von „König Lear“ gibt es außerdem gar nicht, bis weit ins neunzehnte Jahrhundert wurde ausschließlich eine Fassung gespielt, in der es keinen Narren gibt und am Ende Cordelia Edgar, den zweiten Sohn Gloucesters, heiratet. In Kassel wird seine verbitterte Mutter, als Betrogene je schmerzhafter desto besser gespielt von Annett Kruschke, nicht von Cornwall, dem Gatten Regans geblendet, sondern in einer schrecklichen Szene von den grausamen Schwestern, was viel besser passt. Die Sterne des Abends sind Philipp Staschull als Edmund, der im grün-blauen Zuhälterhabit die Attitüden des Angebers ausspielt, das Publikum umwirbt – „Geht’s euch gut?“ – und revolutionäre Phrasen drischt, um von den Schwestern dann doch als Weichei entlarvt zu werden. Emilia Reichenbach als sein trauriger Bruder Edgar, der sich in den zweiten Narren „Major Tom“ verwandelt und sehr überzeugend in einen Baum. Sowie Annalena Haering als äußerst anziehende und äußerst abstoßende, virtuose Regan. Am Ende sind nach einem Taumel aus Familienhass, Ehrgeiz, Sadismus und Wahnsinn alle tot, ermordet mit knallgelber Acrylfarbe aus Wassereimern, von sich selbst besudelt. Zuvor findet der Lear Hagen Oechels auf den letzten Metern doch noch vom Großmaul zu leiseren Tönen des verzweifelten Büßers. An dieser Stelle wird der Preis fühlbar, den Inszenierung und Bearbeitung für ihre Abkürzungen zahlen. Lear ist bei Shakespeare fast zu viel: liebesbedürftig, herrschsüchtig, streng, impulsiv, ungerecht, vertrauensselig, cholerisch, gewalttätig, enttäuscht und verwirrt. In Kassel ist er fast zwei Stunden lang zu wenig. Es wird ihm die Bildersprache genommen, in der sich bei Shakespeare seine Anstrengung ausdrückt, die eigene Lage, die eigenen Irrtümer und die eigenen Schwächen zu verarbeiten. Toxische Familienaufstellung So erscheint er lange als der abgetane Trottel, für den ihn die beiden bösen Töchter halten, dem im Grunde recht geschieht. Goneril, keifend verlogen gespielt von Lisa Natalie Arnold, und der zynischen Regan wachsen dadurch die Hauptrollen zu. Die Cordelia Zazie Caylas hingegen gerät ganz schuldlos in den Hintergrund, fast hatte man sie am Schluss des Stücks schon vergessen. Denn sie war ohne Gift, und damit kann diese Deutung dramatisch noch weniger anfangen als Shakespeare. Jede Zeit müsse ihren eigenen „Lear“ erfinden, heißt es im Programmheft. Durchaus. Doch was ist das Eigene unserer Zeit nun? Es dürfte nicht genügen, Formeln wie „polarisierte Gesellschaft“, „Ungleichheit“, „alternative Wahrheiten“ oder „Zeitenwende“ aufzurufen, um sie irgendwie mit Textstellen Shakespeares zu verbinden. Zumal das Stück durch Streichung der Adelsgruppen und die Verwandlung von Truppen in Followers entpolitisiert werden musste, um als angekündigtes Kernfamilienmassaker gegenwärtig zu erscheinen. Auf der Bühne sehen wir ein absurdes Puppenspiel, eine toxische Familienaufstellung und einen sich durch die Handlung fressenden Hass. Komisch wirkt das, weil die Schauspieler ständig lästern, höhnen, Witze machen und jede Gelegenheit ergreifen, das Publikum von ihrer Niedertracht und Verzweiflung abzulenken. Das gelingt unterhaltsam und lässt uns dadurch ratlos zurück.