Umgeben von Trümmern sitzt eine junge Frau auf einer Decke an der Kirche Groß St. Martin in Köln, in ihren Armen hält sie ein Kind. Ihr Mann steht mit ein paar Blumen in der Hand daneben. Um sie herum Ruinen. Ein festes Dach über dem Kopf haben sie nicht. Eine Kinderhand patscht an die Scheibe, welche die Szene von der gut besuchten Einkaufspassage im Kölner Hauptbahnhof trennt. „Schau mal, Mama, die sind ja alle kaputt, die Häuser.“ „Ja, die sind im Krieg zerbombt worden“, sagt die schwer bepackte Mutter des kleinen Jungen. Der Junge und seine Schwester laufen um die außergewöhnliche Krippe mitten im Hauptbahnhof herum und pressen abwechselnd ihre Hände und ihre Nasen an die Scheibe. Zu sehen gibt es viel: die kleinen Messdiener, die Trümmerfrauen, eine provisorisch verkleidete, musizierende Gruppe Kölner, die inmitten von Schutt im Nachkriegsdeutschland Karneval feiern. Und dann gibt es da noch das Porzellangeschäft, das im November 1938 von Nationalsozialisten zerstört wurde – „um daran zu erinnern, auch daran, dass Jesus ein Jude war“, erklärt Caroline Maria Weber. Sie ist die Vorsitzende der Landesgemeinschaft der Krippenfreunde in Rheinland und Westfalen sowie Veranstalterin der Aachener und Kölner Krippenwege. Die mehr als 250 Mitglieder der Krippenfreunde haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Kulturgut Weihnachtskrippe zu fördern und zu pflegen. Ein Krippenweg quer durch Köln und die Stilrichtungen 115 Krippen können beim 30. Krippenweg in Köln noch bis zum 6. Januar besichtigt werden. Sie stehen in Kirchen, Schaufenstern oder auf öffentlichen Plätzen, teils sogar bis Anfang Februar. Manche der Krippen sind recht originell, andere eher klassisch und bibelnah. Die Krippen müssten „einen gewissen Inhalt und eine künstlerische und historische Qualität haben“, sagt Weber. Sie kuratiert die Ausstellung jedes Jahr. „Massenware zeigen wir nicht.“ Weber hat Ethnologie studiert. Dann half sie 1996 bei der Organisation eines Krippenkongresses und stellte den ersten Kölner Krippenweg zusammen. „Das hat mir unheimliche Freude gemacht“, sagt sie. Also trat sie den Krippenfreunden bei. Seither lassen sie die Krippen nicht mehr los. Mehr als 300 Exemplare hat sie in ihrer privaten Sammlung in einem Lager, schätzt sie. Mit ihrem Büro für Kultur- und Eventmanagement organisiert sie zusammen mit dem Verein jedes Jahr den Kölner Krippenweg, finanziert durch Sponsoren, Fördergelder und Einnahmen durch Krippenführungen. Mit Liebe zum Detail Zu jeder Krippe, zu jeder Figur können Weber und ihr Krippenfreund Günter Leitner etwas erzählen. Die Pose des Hirtenmädchens, das den Betrachter mit dem Finger am Mund zum Stillsein auffordert, erinnere an den heiligen Petrus von Verona von Fra Angelico. Der Löwe und das Kalb in der Stadtkrippe auf den Treppen zum Dom erinnerten an Jesaja, Kapitel 11, sie stünden für gewaltfreie Harmonie. Und die Inschrift „Situs vilate inis et avernit“ auf einer Hausfassade in der Brauer-Krippe in der Dominikanerkirche Sankt Andreas sei ein Scherz. Richtig ausgesprochen und betont, stehe dort: „Sieht aus wie Latein, ist es aber nicht“ – auf Kölsch: „Sit us vi Latein, is et aver nit“. Schlagzeilen macht in diesem Jahr die knapp dreieinhalb Meter breite Baustellenkrippe des Bildhauers Rudi Bannwarth, mit vielen kritischen Anspielungen und witzigen Details – unter anderem ist dort der Sänger der Kölner Band BAP, Wolfgang Niedecken, als geschnitzter „Friedensengel“ zu sehen. Auf dem Stall steht „Gier frisst Hirn“. Weber und Leitner überlegen bereits, wie sie die Krippe für den Verein ankaufen könnten. Dafür müssten Sponsoren her. Weber und Leitner haben über den Verein viele Freunde gefunden und Menschen getroffen, denen sie sonst wohl kaum begegnet wären. Die Krippenfreunde treffen sich regelmäßig mit Krippenvereinen aus anderen Ländern, schicken sich gegenseitig Krippen für ihre Ausstellungen. „Städtepartnerschaften und Völkerverständigung mit Krippen“, sagt Weber. So können Besucher des Krippenwegs in diesem Winter auch Krippen aus Spanien, Großbritannien, Kolumbien und der Ukraine sehen. „Die Zeiten werden hier auch härter.“ An Gleis 1 am Kölner Hauptbahnhof steht im Fenster der Bahnhofsmission eine weitere besondere Krippe. Die modellierten Figuren sind zu einer für eine Weihnachtskrippe ungewöhnlich drastischen Szenerie arrangiert: Sanitäter tragen eine Person auf einer Trage davon, zwei Männer sind in einen Streit verwickelt, die Polizei versucht zu schlichten. Ein Mitarbeiter der Bahnhofsmission zeigt einer Familie mit Koffern und Rucksäcken den Weg. Maria sitzt mit ihrem Kind auf dem kalten Boden des Bahnsteigs. Der Vorgänger dieser Krippe, die von einem in der Bahnhofsmission ehrenamtlich tätigen Künstler modelliert und gebaut wurde, steht in der Basilika St. Gereon. Dort stellt die Landesgemeinschaft der Krippenfreunde anlässlich ihrer Gründung vor 100 Jahren neben dem Krippenweg noch weitere besondere Krippen aus. Die Anmutung der neuen Krippe der Bahnhofsmission sei etwas heftiger als die der alten, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Ursula Lennartz zu den Besuchern, die sich vor dem Fenster versammelt haben. „Aber die Zeiten werden hier auch härter.“ Innen am Fenster der Bahnhofsmission steht eine Frau von ihrem Tisch auf und macht die Außenstehenden winkend auf die Rückseite der Krippe aufmerksam. Mit den Händen spielt sie eine imaginäre Querflöte und zeigt immer wieder auf die Rückseite der Krippe. Dann kommt sie heraus. Hinten sei die Krippe auch bemalt, erzählt sie, da stehe ein Flötist mit einem Hund. Süß sei der, „das wärmt mein Herz“, sagt sie mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen. Jesus habe auch erst keinen Platz gehabt. Aber die Krippe zeige, dass alle Menschen einen Platz bekommen sollten. „Die Krippe bedeutet mir Liebe und Geborgenheit.“ Anstoß zum Nachdenken, Anlass zum Zusammenkommen An den Krippen kämen die unterschiedlichsten Leute miteinander ins Gespräch, sagt Weber. Für viele Familien sei es inzwischen zur Tradition geworden, von Ort zu Ort zu gehen und die verschiedenen Krippen anzuschauen. Meistens seien es schöne Gespräche, nur selten treffe man auf Menschen wie den Mann an der Friedenskrippe im Hauptbahnhof an diesem Morgen, der die Schuld für den Zweiten Weltkrieg nicht bei den Nazis sehen wollte. „Wir sind da mitten im Leben“, sagt Weber. Dass die Friedenskrippe genau dort platziert ist, wo so viele unterschiedliche Menschen vorbeikommen, sei eine bewusste Entscheidung gewesen. Sie soll zum Nachdenken anregen. Die Friedenskrippe ist ein Gemeinschaftsprojekt der Krippenfreunde. Auch dank ihres inzwischen gestorbenen Mitglieds Hermann Nick, der sich noch gut an seine Kindheit in Köln nach dem Krieg erinnern konnte, hätten sie sich genauer mit dem Leben zu dieser Zeit befasst, sagt Weber. Von Nick stammten auch die kleinen historischen Plakate an den Häuserruinen der Krippe: Werbung aus der Zeit, Informationsblätter, ein Plakat der Nationalsozialisten, auf dem sie zum Volkssturm aufrufen. Links daneben versteckt sich ein junger Mann unter einer zerbombten Brücke. Die Figuren hat Caroline Maria Weber gemacht. Oft seien die Krippenfiguren von Bekannten oder dem Leben des Künstlers inspiriert, erklärt sie. Eines der Kinder in der Kirchenruine hat blonde Zöpfe. „Ich will nicht sagen, dass ich das bin, aber das Mädchen hat meine Katze auf dem Arm“, sagt sie und grinst. Über der Szene hat sie auf der Mauer der Kirchenruine diesmal eine kleine weiße Taube platziert. Auch der Vogel ist eine Anspielung, eine Hommage an das Friedenslied „Die wiesse Duuv“ von Ludwig Sebus. Darin heißt es, dass die weiße Taube immer höher fliegen werde als der braune Dreck. Ein Lied gegen Rechtsextremismus. Und natürlich sei die Taube ein Symbol für Frieden, sagt Weber. Aber eigentlich sei jede Krippe ein Symbol für die Hoffnung auf Frieden.
