Zielstrebig bewegt sich die Stadt Köln in diesen Tagen auf die emotionale Ausnahmesituation zu, die als Karneval bekannt ist. Die Verkleideten bevölkern längst die Straßen, Säle und Kneipen und grölen Lieder, die zu Ohrwürmern werden. Bevor es in der kommenden Woche richtig losgeht, steht der Stadt Köln aber an diesem Mittwoch (18.00 Uhr bei DAZN) noch eine andere Veranstaltung bevor, deren Rahmen der Fußballtrainer Stefan Ruthenbeck „komplett wahnsinnig“ findet. Ruthenbeck coacht die U-19-Mannschaft des 1. FC Köln, die das Wagnis einging, für ein Spiel vom kleinen Franz-Kremer-Stadion am Geißbockheim in die große Arena nach Müngersdorf umzuziehen. Nach drei Tagen waren alle 50.000 Tickets für das Duell gegen Inter Mailand ausverkauft, worüber nun auch in München, Dortmund und Stuttgart gestaunt wird. Er müsse aufpassen, „dass die Jungs nicht zu euphorisch sind“, sagt Ruthenbeck, was gut verständlich ist angesichts des Hypes in der Stadt. „Ein Teil des Problems liegt in unserer Ligensystematik“ Zwar stehen auch andere deutsche Klubs im Sechzehntelfinale der Youth League, Bayer Leverkusen spielt beim FC Villarreal, Borussia Dortmund in Alkmaar, Frankfurt bei Atlético Madrid, nur Bayern München ist bereits ausgeschieden. Doch Köln nimmt eine Sonderrolle ein. Im Gegensatz zu den etablierten Europapokalkräften, die ihre Teilnahmeberechtigung aufgrund der Champions-League-Qualifikation der Profiteams erworben haben, erreichten die Kölner den Edelwettbewerb als deutscher U-19-Meister über die sogenannte Meisterrunde. Sie repräsentieren einen Klub, für den Besuch aus Mailand zu einem Pflichtspiel große Emotionen weckt, und stellen nun einen Zuschauerrekord in einem Wettbewerb auf, in dem deutsche Mannschaften bisher erstaunlich erfolglos waren. Noch nie erreichte ein deutscher Klub das Halbfinale, seit die Youth League 2013 eingeführt wurde. Die ewige Tabelle wird von Real Madrid, dem FC Barcelona und Benfica Lissabon angeführt. Bayern München und der BVB stehen auf Rang elf und zwölf. Aber woran liegt das? Die deutschen Nachwuchsnationalteams sind schließlich recht erfolgreich. „Ein Teil des Problems liegt in unserer Ligensystematik“, sagt Jochen Sauer, der Direktor Jugendentwicklung bei Bayern München. Die U-19-Spieler bewegen sich in einem komplexen Wettbewerbsumfeld, in dem es nicht leicht ist, eine gute Orientierung zu entwickeln. Sie haben die Chance, sich in den Profimannschaften in der Bundesliga zu etablieren, wo sie aber oft nur Ergänzungsspieler sind. Sie können sich verleihen lassen oder in den zweiten Mannschaften der Vereine zum Einsatz kommen, die zumeist einer der fünf Regionalligen angehören. Deutsche Unwuchten im Übergangsbereich Sie können in einer U 19 in den früheren U-19-Bundesligen spielen, die seit eineinhalb Jahren DFB-Nachwuchsligen heißen. Dortmund, Mönchengladbach und Leipzig nehmen mit eigens aus U-19-Talenten und jungen Regionalligaspielern konstruierten Teams am so genannten Premier League International Cup U 21 teil, wo sich in Achtergruppen 16 Premier-League-Vereine mit 16 Klubs aus anderen Nationen messen. Und schon bald soll es auch in Deutschland eine eigene U-21-Liga geben. Es ist ziemlich herausfordernd, in diesem System den jeweils besten Ort für eine gute Entwicklung der deutschen Talente zu finden, und fast nie treten die besten theoretisch verfügbaren Spieler tatsächlich in der Youth League an. Die Altersgenossen in Spanien, Österreich oder Portugal können hingegen oft schon Erfahrung in den zweiten Mannschaften der Klubs in den jeweiligen zweiten Ligen sammeln und sich für die ganz großen Spiele eben in der U 19 versetzen lassen. Die Unwuchten im Übergangsbereich vom Jugend- in den Erwachsenenfußball sind aber nur ein Grund für den bescheidenen Erfolg deutscher Klubs im U-19-Fußball. So erzählt beispielsweise Jefta Bresser, der Leiter des NLZ von Bayer Leverkusen, dass die besten in der Youth League spielberechtigten Leverkusener gar nicht da sind. Francis Onyeka wurde nach Bochum verliehen, Artem Stepanov zum FC Utrecht, weil es bei Bayer 04 keine U 21 und damit keine passende Mannschaft für solche Leute gibt. „Herz auf dem Platz lassen, viel Leidenschaft“ Außerdem sind weiterhin die Nachwirkungen eines alten Fehlers sichtbar, sagt Paul Schaffran, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) von Borussia Dortmund in einem Podcast des Klubs: „Wir haben zu wenig auf die individuelle Entwicklung fokussiert, sondern auf den mannschaftlichen Erfolg.“ Die Jugendfußballexperten in anderen Nationen seien viel besser darin, nicht nur die aktuelle Stärke eines Spielers zu sehen, sondern auch künftige Entwicklungen, sagt Jefta Bresser: „Am Ende der Ausbildung, wo die körperlichen Unterschiede nicht mehr so groß sind, sind die Spieler aus den Ländern stärker, wo im Alter zwischen zehn und 16 Jahren mehr auf Entwicklung und weniger auf Ergebnisse geschaut wurde.“ Jetzt, in der K.o.-Phase der Youth League, sind die Ergebnisse aber schon wichtig für alle Beteiligten, auch wenn der Kölner Trainer Ruthenbeck sagt, er wisse, was erwartet wird: „Herz auf dem Platz lassen, viel Leidenschaft, niemand braucht Angst zu haben.“ In jedem Fall werden die Kölner kostbare Erfahrungen sammeln, denn so ein großes Spiel mache etwas mit den Jungs, glaubt Jochen Sauer, der Münchner Direktor für Jugendentwicklung. „Wenn du da als U-19-Mannschaft vor 50.000 Leuten Fußball spielen kannst, ist das natürlich sensationell“. Einige Spieler werden „einen Push bekommen, anderen wird man aber vielleicht auch wieder helfen müssen, in den Alltag der Nachwuchsligen zurückzukommen“. Wobei ja Karneval bevorsteht, die Zeit, in der die Bodenhaftung auch mal verloren gehen darf.
