Ob wir ein Familienzimmer mit oder lieber ohne Gitterstäbe wünschten, hatte die freundliche Dame am Telefon gefragt. Worauf wir vier, die wir schon so manchen Aufenthalt in engen Familienzimmern erlebt hatten, einhellig um eines ohne Gitter baten. Das war die richtige Entscheidung: Kaum öffnete nun unsere hölzerne Zimmerkarte mit einem matten Klacken die Stahltür, fanden wir uns in zwei hübsch renovierten ehemaligen Einzelzellen wieder, die durch einen winzigen Flur miteinander verbunden waren. Als die Stahltür hinter uns ins Schloss fiel, machte sich trotzdem Beklommenheit breit. Wir waren in Finnlands zweitgrößter Stadt Turku in einer ehemaligen Sicherungsanstalt für einige der berüchtigtsten Verbrecher des Landes. Draußen zogen Wolken am Himmel. Pappeln rauschten. Am Aura-Fluss aßen die Menschen jetzt wohl Pizza oder spazierten durch die Parks. Und wir starrten auf den Obstteller, den uns das Hotel Kakola freundlicherweise zur Begrüßung hingestellt hatte. Warum sind wir hier, schien der Blick des lebenslangen Sohnes zu fragen. Sein lebenslanger Vater wusste keine Antwort darauf in diesem Moment. Das Granit-Schloss Gefängnisse, das immerhin konnten wir an diesem Sommerabend sagen, sind kein leichter Ort zur Hotelumwidmung – zumal dieses. Der Serienmörder Matti Haapoja saß ebenso in Kakola ein wie „Volvo“ Markkanen, Finnlands skrupellosester Bankräuber. Zu Hochzeiten waren 1320 Schwerkriminelle zugleich im „Graniittilinna“, dem „Granit-Schloss“, inhaftiert, das seit 1853 als dreigeschossiger Massivbau auf dem Kakolanmäki, dem Hügel über der Stadt, thront. Immerhin waren wir nicht in diesem Kakola-Staatsgefängnis untergebracht, sondern im früheren Bezirks- und Untersuchungsgefängnis Turkus ein paar Schritte dahinter. Das rote Backsteingebäude von 1890 wirkte nicht ganz so grimmig und hätte auch als Kaserne durchgehen können – wären da nicht die vergitterten Fenster und die über vier Meter hohe Mauer gewesen. Die hatte der neue Eigentümer selbstverständlich belassen, als das Hotel Kakola nach zweijähriger Umbauzeit 2020 eröffnete. Schließlich soll den Gästen neben Spa, Restaurant und Konferenzsälen auch gehobener Gefängniskitzel geboten werden. „Kommt ihr?“ fragten eine gut gelaunte Frau und eine frisch geduschte Tochter am nächsten Morgen. Die Tür fiel wieder ins Schloss, diesmal von außen. Die Schritte hallten – nicht. Sie wurden gedämpft vom grauen Teppichboden mit Fünfstrichmuster, vier Strich hoch, ein Strich quer. Das Frühstücksbüfett war dann aber wieder völlig anstaltsfrei. Es gab vier Sorten Kaffee, selbst gemachte Marmelade, „Finn Crisp“, Lachs und leckeren Aamupuuro – den finnischen Frühstücksbrei, der wie Haferschleim aussieht, aber mit Vanille, Zimt und Kardamom verfeinert wird. Handschellen in der Hotelbar Damit hatte das Kakola endgültig seinen Schrecken verloren, und hätte Anu Salminen uns nicht über den gesamten Hügel geführt, hätten wir vermutlich auch vergessen, wo wir überhaupt gelandet waren. Gefängnisse aber, auch ehemalige, sind ernste Orte. Das weiß vielleicht niemand besser in Turku als Salminen, die 2014 ein Buch über Kakola geschrieben hat. „Gehen wir erst mal zu den Zellen-Zimmern“, sagte die Mittfünfzigerin fröhlich, nachdem sie uns in höchst dekorativem Zustand mit Handschellen im Rücken vorgefunden hatte. Die Handschellen hingen an den Rückenlehnen der Ledersessel der Hotelbar. Und tatsächlich: Drei Zellenräume im Erdgeschoss waren weitgehend unrenoviert geblieben. „In denen können sich jeweils zwei Gäste freiwillig einschließen“, sagte Salminen und führte uns weiter zur Gefängniskapelle, „beliebt bei Hochzeiten“, sodann in den Hof, mithin ins Freie, zu einem ummauerten Segelboot. Mit dem sei der Eigentümer des Kakola früher gesegelt, nun könnten bis zu sechs Leute darin schlafen. Welch ein Jammer, dachten wir, solch ein stolzes, schönes Schiff gehört aufs Wasser und nicht hinter Mauern und Glas, doch da waren wir schon auf dem frisch asphaltierten Weg zum Granit-Schloss. Wolken zogen am Himmel. Die Ostsee lag in stählernem Blau vor uns. Salminen zeigte auf unansehnliches Geröll. „Das ist der Granit, mit dem die Häftlinge das Zentralgefängnis selbst bauen mussten.“ Und nicht nur sie saßen in Kakola ein. „Noch vor rund 100 Jahren steckte die Polizei Männer, die vormittags in Turku herumlungerten und keinen Arbeitgeber nachweisen konnten, zur Besserung hierher.“ Wie sich die Zeiten auch hier gewandelt haben! Aus dem vormals berüchtigten Gefängnis Finnlands wurde 2015 eine Apartmentanlage mit Eigentumswohnungen, Gym, Sauna, Spielplatz und Craft-Beer-Brauerei. Auch eine kleine Möbelboutique gab es, in der geschreinerte Waren aus Turkus neuer Strafanstalt außerhalb der Stadt verkauft wurden. Geranien blühten auf den Balkonen, der Granit blendete, kaum dass die Sonne durch die Wolken brach. Salminen öffnete die Tür zu einem der vier Trakte. Sofort war die Beklemmung wieder da. Die Treppen, die Netze, die massiven Beschläge der vormals völlig überfüllten Gruppenzellen: All dies hatten die Architekten so belassen, wie sie es 2007 vorgefunden hatten. Eine Tür fiel scheppernd ins Schloss. Nicht jeder halte es hier aus, sagte unsere Führerin. Manch Eigentümer veräußere seine Wohnung nach ein paar Monaten wieder. Gute Führung, fanden wir, nachdem sich Salminen verabschiedet und uns in die Freiheit entlassen hatte. Gefängnisse sind keine leichten Orte. Die Vergangenheit klebt an ihnen wie eingetrockneter Haferbrei.
