FAZ 23.11.2025
07:32 Uhr

Knall in der Formel 1: Entscheiden 0,12 Millimeter die WM?


Die WM wird noch mal richtig spannend: Max Verstappen bejubelt in Las Vegas seinen 69. Karrieresieg. Und darf sich hinterher noch mal freuen, weil die Konkurrenten von McLaren aus der Wertung genommen werden.

Knall in der Formel 1: Entscheiden 0,12 Millimeter die WM?

Es ist selten ein gutes Zeichen in der Formel 1, wenn es gut zwei Stunden nach Rennende immer noch kein offizielles Ergebnis gibt, nur eine provisorische Zeitenliste. Die führte Max Verstappen als überlegenen Sieger des Großen Preises von Las Vegas, vor dem WM-Spitzenreiter Lando Norris und George Russell (Mercedes) an. Der zweite McLaren-Pilot Oscar Piastri wurde als Vierter geführt, womit sich für das spannende Titelrennen eine komfortable Position für Norris ergab: 30 Punkte Vorsprung auf den Teamkollegen, 42 auf Titelverteidiger Verstappen. Bei zwei noch ausstehenden Rennen samt einem Sprint hätte der Brite den Sack schon am kommenden Wochenende in Qatar zumachen und Königsklassenbester werden können. Das kann er immer noch, nur hat sich vier Stunden nach der Zieldurchfahrt, um 1.42 Uhr Ortszeit die Ausgangslage dramatisch geändert, und der Kampf um die WM-Krone in der Königsklasse scheint offener denn je: Norris und Piastri wurden disqualifiziert, Verstappen zog aufgrund dieser nachträglich verfügten Nullnummern mit Oscar Piastri gleich. Beide haben nun nur noch 24 Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter. Dreikampf in vollem Gange Der Dreikampf ist in vollem Gange, und nun kommt für die beiden McLaren-Fahrer noch eine zusätzliche Unsicherheit hinzu, während Verstappen aus dem Vollen schöpfen kann. Dessen etwas banal klingender Kernsatz für die nahe Zukunft hatte nach seinem triumphalen Erfolg mit 20 Sekunden Vorsprung mehr denn Gültigkeit: „Wenn Du gewinnen kannst, versuchst Du auch zu gewinnen. Der Abstand ist natürlich riesig, aber ich versuche immer, meine Möglichkeiten zu maximieren.“ Man durfte dem Achtundzwanzigjährigen daher keinesfalls glauben, als er vermeintlich schon abschließend bilanzierte: „Wir hatten viele Höhen und Tiefen in dieser Saison, ich habe viel gelernt. Das ist etwas, an dem wir uns festhalten müssen, um im kommenden Jahr stärker zurückzukommen.“ Auch, wenn seine Chancen zunächst rechnerisch geschwunden schienen, verkörperte er weiter einen echten Champion, brannte noch im letzten Umlauf die schnellste Runde in den kalten Asphalt. Norris hatte schon in der Wüste Nevadas auch mit einem Rennen zu kämpfen, das in seinem Kopf ausgetragen wird: den inneren Konflikt, voll auf Angriff oder doch lieber auf sichere Verteidigung zu setzen. Das war schon vor der ersten Kurve im Rennen sein Problem gewesen, als er zwar mutig Verstappen den Weg innen abschnitt, dadurch aber selbst aus der Bahn geworfen wurde und so Platz eins verlor, den er sich in der Qualifikation gesichert hatte. Was aber hatte nach dem Grand Prix nicht gestimmt, so dass das Resultat auf derart dramatische Weise korrigiert werden musste? Zunächst nichts Besonderes, denn nach allen Rennen begibt sich Jo Bauer, der Technische Delegierte des Automobilweltverbandes FIA, zum Rundgang durch die Garagen um stichprobenartig die Rennwagen auf die Einhaltung des Reglements zu überprüfen. Der Saarländer ist nicht nur erfahren darin, er ist auch pingeliger als die technischen Vorschriften. Diese Null-Toleranz-Mentalität wird auch von allen anerkannt. Petitessen mit größtmöglicher Auswirkung auf den Titelkampf So war bereits zwei Stunden nach Rennende klar, was passieren würde, als er die Nicht-Einhaltung von Artikel 3.5.9 des Technischen Reglements monierte, die die Mindestdicke des so genannten Skid Blocks unter dem hinteren Fahrzeugteil vorschreibt. Diese Schutzplanke aus Holz oder Metall muss nach Rennende neun Millimeter aufweisen. So kann kontrolliert werden, ob die Autos nicht zu tief liegen. Es ist ein Vabanquespiel für die Techniker. Stimmen sie den Wagen zu hoch ab, um auf Nummer sicher zu gehen, verlieren sie vielleicht entscheidende Sekundenbruchteile. Legen sie ihn zu tief, ist der Abrieb zu hoch. Das war im Frühjahr beim Rennen in Schanghai schon am Ferrari von Lewis Hamilton passiert, in Austin 2023 waren Hamilton (damals noch bei Mercedes) und Leclerc Opfer der Nachkontrolle gewesen. Die Teams verzichteten jeweils auf das Recht zum Protest. Der Block an Norris’ Auto war maximal um 0,12 Millimeter, der bei Piastri um 0,26 Millimeter zu stark abgeschabt. Petitessen mit größtmöglicher Auswirkung auf den Titelkampf. Deshalb ging auch die FIA nicht davon aus, dass die routinierten McLaren-Techniker absichtlich tricksen wollten, sie hatten sich wohl einfach nur verzockt. Teamchef Andrea Stella nahm alle Schuld auf sich, entschuldigte sich bei den Fahrern und machte die ungewöhnlich hohen Hüpfbewegungen als Ursache für den Faux-pas aus, durch die vielleicht die Beschädigungen am Unterboden zustande gekommen seien. Man versuche das nun zu ergründen. Offenbar hatten die Briten unterschätzt, dass die Bodenwellen auf der improvisierten Stadtrundfahrt in der Wüste Nevadas doch viel größer und damit gefährlicher für den Skid Block waren als gedacht. Viele Fahrer, darunter der im neuen Resultat auf Rang sieben aufgerückte Emmericher Nico Hülkenberg, hatten über diese Unebenheiten geklagt. Nur spürten diese die Auswirkungen eher an der eigenen Wirbelsäule als am Unterboden.„Ein frustrierendes Ende des Tages“, befand Norris in seiner Bilanz, „wir haben zum Schluss im Rennen einige Anpassungen am Fahrzeug vornehmen müssen nach Problemen, die dann leider zu unserer Disqualifikation geführt haben. Ändern kann ich daran nichts. Aber als Team sind wir stets bestrebt, die bestmögliche Leistung zu erzielen.“ Wie groß die Anspannung und der Zwiespalt gerade beim Titelfavoriten Norris ist, wurde schon vor der bitteren nächtlichen Ergebniskorrektur aus seinem Funkverkehr mit der Box deutlich. Mehr als einmal fragt er seinen Renningenieur Will Joseph: „Soll ich auf halten oder auf Angriff fahren?“ Fürs Erste hatte ihm sein Stratege geraten, bei Plan B zu bleiben, also der Verwaltung seines Vorsprungs. So bequem kann er es sich in Qatar, und falls die WM weiter so offen bleibt, auch in zwei Wochen beim Finale in Abu Dhabi sicher nicht machen. Plötzlich sind er und der sichtlich mental angeschlagene Kollege Piastri wieder auf einer Angriffslinie. Der Australier, der noch zu Beginn des Herbstes als kommender Weltmeister erschien, hat sich nach all dem Frust ohnehin eine mentale Durchhaltetaktik verordnet: „Alles, was ich tun kann, ist mich selbst in die bestmögliche Position zu bringen, um Kapital daraus zu schlagen, wenn etwas passiert. Aber natürlich muss jetzt einiges zusammenkommen, damit ich den Titel noch holen kann.“ Womit auch bereits verraten ist, wie der unverhofft wieder mitten in den Brennpunkt bugsierte Verstappen die nun doch wieder aus eigener Kraft mögliche Titelverteidigung angehen wird. Der Niederländer kann daraus zehren, dass er seit Wochen in der Form seines Lebens fährt, egal wie gut oder schlecht der Red Bull-Honda auf bestimmten Strecken liegt. Das neuerliche Paraderesultat in Las Vegas, auch seinem klugen Umgang mit den Reifen geschuldet, befreit den gegnerischen McLaren-Rennstall auch davon, sich für eine Stallorder zu Gunsten von Norris festzulegen – beide Fahrer in Papaya-Orange fahren nun wieder auf eigene Rechnung. Genau jener Dreikampf hat sich ergeben, auf den alle gehofft, an den sie aber nach dem ursprünglichen Ergebnis nur noch theoretisch geglaubt hatten. Die Karten sind neu gemischt, der Poker geht jetzt erst richtig los.