Normal ist heute nichts mehr. Zumindest nicht das Wetter der Arktis. Hier erhitzt sich das Klima viermal so schnell wie im Durchschnitt der Welt, viel schneller und stärker, als Forscher es noch vor zwanzig Jahren vorhergesagt haben. Und anders, als die Szenarien, die sie vor damals entworfen haben, führt die Erwärmung nicht einfach nur zum Ergrünen des hohen Nordens, machen Eis und Schnee nicht nur Moosen, Flechten und Büschen Platz. Der Klimawandel sorgt für extremes Wetter in der Region: Stürme werden häufiger, mitten im Winter fällt Sturzregen auf den Schnee, im Dezember taut das Eis auf den Gletschern. Mancherorts kommt es zu Dürren, der Permafrost taut, Feuer brechen aus, und Erdrutsche begraben die zarten Pflanzen der Tundra unter sich. Mit alldem müssen die Lebewesen der Polregion zurechtkommen. In der Arktis hat eine Ära der bioklimatischen Extreme begonnen, wie finnische Forscher gerade in „Science Advances„ nachgewiesen haben. Das Team hat die Langzeitdatenreihe ERA 5 ausgewertet, einen einzigartigen Datensatz, der von vielen Wettermessstationen aus Kanada, Norwegen, Grönland und anderen Ländern der Arktis gewonnen wird. Manche Messreihen gehen bis ins Jahr 1940 zurück, Werte zu Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit und Wetter werden einbezogen, Satellitenbilder und computergestützte Modelle helfen bei der Auswertung. Das Team um Juha Aalto vom Meteorologischen Institut Finnlands konnte so nachweisen, dass Wetterextreme in der Arktis seit den Fünfzigerjahren etwa dreimal häufiger geworden sind – vor allem in den vergangenen 30 Jahren. Die Bergregionen in Skandinavien und Spitzbergen, die Küsten Grönlands und die weit nördlich gelegenen Regionen Kanadas sind besonders stark betroffen – mehr als das grönländische Binnenland und Sibirien. Die häufiger werdenden Regenfälle auf Schnee und starken Warmphasen mitten im Winter setzen den Lebewesen ebenso zu wie die kürzere Schneesaison und der Wassermangel in den Sommermonaten. Die Häufung der Extremereignisse sei eine Gefahr für die Bestände von Tieren und Pflanzen, warnt das Team um Aalto. Sie hätten Schwierigkeiten, sich zwischendurch zu erholen. Langzeittrend zeigt: Es wird unbeständiger Dass Extremereignisse Ökosysteme schwächen können, ist lange bekannt – und das gilt besonders für die empfindliche Arktis. Besonders deutlich wurde dies im Winter 2018, als extreme Niederschläge im Norden Grönlands dazu geführt hatten, dass der Schnee erst sehr spät im Jahr schmolz. Der Extremwinter dauerte so lange, dass die Pflanzen der Tundra keine Chance hatten, Blüten oder Samen auszubilden. Tiere, die von Samen leben, konnten keine Jungen großziehen. Es kam zu einem nahezu vollständigen Reproduktionsausfall im gesamten Ökosystem. Natürlich gab es Extremereignisse schon immer, sie sind ein wichtiger Treiber der Evolution. Doch wenn sie, wie nun in der Arktis, in zu schneller Abfolge kommen, können Ökosysteme komplett verschwinden oder nicht mehr auf ihr ursprüngliches Niveau zurückkehren. Vieles hängt dann von Schlüsselarten ab. Haben sie dauerhaft Schwierigkeiten, sich gut zu vermehren, kann dies zum Zusammenbruch von Nahrungsnetzwerken führen. Populationen können genetisch verarmen oder ausgelöscht werden, ganze Arten Richtung Aussterben rutschen. Das weiß kaum einer so gut wie der Ökologe Rolf Ims. Er forscht seit drei Jahrzehnten in der Arktis und leitet hier ein großes Monitoringprogramm: COAT (Climate-ecological Observatory for Arctic Tundra). Der Norweger überwacht vor allem die Ökosysteme in Spitzbergen, das klimatologisch gesehen zur eisbedeckten und fast vegetationslosen Hocharktis gehört, und die der Tundra Nordnorwegens, also der Niederarktis. „Vor allem das, was mit den Lemmingen in Nordnorwegen passiert, beunruhigt mich“, sagt er. Die kleinen Nagetiere sind vielen als Reproduktionsmeister bekannt: In einem regelmäßigen Zyklus, alle vier, fünf Jahre treten sie in Massen auf, auch im Nordosten Norwegens, der Finnmark. Der Lemmingzyklus ist fester Bestandteil des Ökosystems, Pflanzen und andere Tiere sind darauf eingestellt. Besser gesagt: Die Massenvermehrung war ein fester Bestandteil, früher. Seit ein paar Jahren, sagt Ims, sei es damit vorbei. Die Lemminge graben im späten Herbst Tunnel in den Tiefschnee, hier leben und vermehren sie sich. Doch der Schnee fällt nun häufig erst spät im Jahr, und dann überzieht auch noch gefrierender Regen die Schneedecke mit einer Eisschicht. Das scheine den Lemmingen zu schaden. Massenvermehrungen werden dann seltener. Das ist schlecht für die Lemminge, da ihr Lebensrhythmus aus dem Takt gerät. Aber da sie eine Schlüsselart im Ökosystem sind, leiden darunter auch andere Arten. „Ohne Lemminge gibt es viel weniger Nahrung.“ Arten dringen von Süden vor Schlecht für die Polarfüchse der Finnmark. Sie sind auf Lemminge spezialisiert, nun müssten sie häufig hungern, erklärt der Ökologe. Und als sei dies nicht schwer genug, bringe der Klimawandel ein weiteres Problem mit sich: Rotfüchse dringen von Süden her in die Tundra vor. Sie sind weniger wählerisch als die Polarfüchse – und finden auch in schlechten Lemmingjahren Nahrung. Wie entscheidend die Nagetiere für polare Ökosysteme sind, zeigt eine traurige Nachricht. Kurz vor Weihnachten verkündete die Naturschutzorganisation Birdlife das Aus eines ikonischen Vogels: Die Schneeeule, vielen als Harry Potters Postbotin bekannt, ist aus der Wildnis Nordschwedens verschwunden. Seit zehn Jahren habe man keine Vögel mehr gesehen. Auch im Norden Norwegens geht es diesen Eulen schlecht, sagt Rolf Ims. In den vergangenen 21 Jahren sei hier nur einmal eine erfolgreiche Brut dokumentiert worden. Dass Eulen darben, wenn ihre Hauptnahrungsquelle schwindet, ist wenig verwunderlich. Aber andere Auswirkungen des Klimawandels haben die Wissenschaftler überrascht. Das COAT-Monitoringgebiet spannt sich über mehrere Klimazonen, in Norwegen etwa werden Arten sowohl in den südlicheren Birkenwäldern als auch in der nördlicheren Tundra erhoben. „Wir waren sicher, dass die Erwärmung dazu führen würde, dass sich die Birkenwälder nach Norden hin ausdehnen würden. Doch das Gegenteil passiert: Der Wald schrumpft.“ Schuld ist Operophtera brumata, der Kleine Frostspanner. Die Eier des unscheinbaren Falters überdauern Temperaturen von minus 35 Grad Celsius, geschlüpfte Larven sind frosttolerant. In Norwegen haben sie kaum Feinde – und fressen zusammen mit den lokalen Schädlingen bis zu 90 Prozent der Wälder kahl. Es sind also nicht nur die Wetterextreme alleine, die den Klimawandel zur Herausforderung für arktische Ökosysteme werden lassen. Die Verschiebung von Klimazonen setzt Tiere und Pflanzen zusätzlich unter Druck. Aber nicht nur sie: Die Samen halten in Lappland seit Jahrhunderten halb domestizierte Rentiere. Sie ziehen mit den Tieren von den Sommerweiden, wo die Tiere auf der Tundra weiden, zu den Winterlagern. Hier scharren die Rentiere mit Hufen und Nase den Schnee weg, um an Flechten, Moose und Gras zu kommen. Regnet es in den wärmeren Wintern auf den Schnee, können sie die entstandene Eisschicht nicht durchbrechen. Verletzungen an Nasen und Hufen sind die Folge, die Tiere hungern. Solche Regenfälle, die Schnee in Eisflächen verwandeln, nehmen zu, weil die Luft im Winter wärmer ist und mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Wolken bilden sich, es kommt zu Niederschlägen. In den Jahren 2006 und 2013 war die Luft über der Barents- und der Karasee in Russland so warm, dass es zu fortdauernden Regenfällen auf der Jamal-Halbinsel in Sibirien kam. Über dem Schnee wuchs in beiden Jahren eine harte Eiskruste. Viele Rentiere starben, 2013 waren es Schätzungen zufolge 61.000 Tiere, knapp ein Viertel der dortigen Population. In der Finnmark ist Eis auf dem Schnee mittlerweile häufig. „Die Samen müssen im Winter meistens Pellets und Heu zufüttern“, sagt Ims. Die Kultur der Rentiernomaden steht vor dem Aus. „Die Haltung wird mittlerweile von der Regierung subventioniert, sie rechnet sich nicht mehr.“ Wie die Arktis in Zukunft aussehen wird, welche Arten und Ökosysteme überleben – prognostizieren lässt sich das kaum. Denn Arktis ist nicht gleich Arktis, und der Klimawandel wirkt sich sehr unterschiedlich aus. Während die Rentiere im Norden Norwegens und in Kanada mit den neuen Wintern nur schwer zurechtkommen, geht es ihren Verwandten auf Spitzbergen gut. Sie sind kleiner, haben eine dickere Fettschicht und sind Extremwetterereignisse gewöhnt – auf der Inselgruppe ist das Klima auch im Winter häufig feucht. Spitzbergenrentiere können Eisschichten durchbrechen und überstehen dank ihrer dicken Fettdepots längere Hungerphasen. Niemand muss sie mit Heu füttern. So gut es den Rentieren auf Spitzbergen auch geht – in der neuen Welt der Arktis werden die Karten ständig neu gemischt. Und so können sich plötzlich Gefahren auftun, wo vorher keine waren. Rentiere auf Spitzbergen, die bisher keine natürlichen Feinde hatten, müssen neuerdings mit hungrigen Eisbären rechnen. Diese deckten bisher ihren Energiebedarf zu 90 Prozent mit Ringelrobben, die sie auf dem Meereis erbeuteten. Ohne Meereis fällt diese Beute weg (siehe Interview). Die Eisbären weichen deshalb auf andere Nahrung aus: Manche räumen innerhalb weniger Stunden die Nester ganzer Gänsekolonien leer, reißen Walrösser oder andere Robbenarten. Und manche Eisbären haben sich auf Rentiere spezialisiert. Zukunft der Eisbären ist ungewiss „Sie können alles Mögliche fressen, da sind sie Opportunisten“, sagt Jon Aars, der am Norwegischen Polarinstitut in Tromsø Eisbären auf Spitzbergen und in anderen Regionen der Arktis erforscht. „Den Eisbären auf Spitzbergen geht es noch gut, wir sehen keine mageren Tiere, und die Anzahl der Tiere ist auch konstant.“ Problematisch seien aber milde Phasen im Winter und – wie bei den Lemmingen – Regengüsse, die die Schneeschicht mit Eis überziehen: Solche Wetterereignisse können dazu führen, dass die Schneehöhlen einstürzen, in die sich die Eisbären zurückziehen, oder die Tiere wegen einer Eisschicht auf dem Schnee in diesen Höhlen zu wenig Sauerstoff bekommen. Einfach das Leben von Braunbären zu übernehmen, sei für Eisbären aber wohl keine Option, glaubt Aars. Sie müssten dazu beispielsweise ihre Ernährung komplett umstellen: „Braunbären essen vor allem Beeren und Gras, nur im Notfall reißen sie ein Tier.“ Eisbären sind darauf spezialisiert, ihre Jungtiere in Schneehöhlen zur Welt zu bringen und darin zu überwintern – Braunbären graben sich Höhlen in die Erde. In vielen arktischen Regionen gibt es unter dem Schnee und Gletscher aber keinen Boden, sondern nur Geröll und nackten Fels. Und Eisbären sind auf Meereis und Schnee spezialisiert. Würden sie, etwa in Kanada oder Sibirien, weiter in den Süden vordringen, würden sie sofort in Konkurrenz zu Braunbären, Wölfen und anderen Raubtieren geraten. Ökosysteme sind komplex aufgebaute, über Tausende von Jahren entstandene Beziehungsgeflechte. Wer neu dazukommt, hat nur dann eine Überlebenschance, wenn er, wie der Frostspanner in der Finnmark, Generalist und nicht Spezialist ist. Entsprechend unwahrscheinlich ist es, dass die hoch spezialisierten Eisbären neben den Arten bestehen können, die sich seit Jahrtausenden an die Regionen angepasst haben. Und noch ein Faktor bestimmt, ob Tiere sich in der neuen, extremen Arktis behaupten können: ihre Gene. Im Spiel der Evolution haben die Arten einen Überlebensvorteil, die einen möglichst großen Genpool haben. Populationen, in denen alle Tiere mehr oder weniger die gleichen Genvarianten in sich tragen, haben kaum Möglichkeiten, sich auf eine sich verändernde Umwelt mit neuen Klimabedingungen oder neuen Krankheitserregern einzustellen. Die Ökosysteme im hohen Norden ändern sich schnell. Welche Arten diesen Wandel überleben werden, wer Gewinner, wer Verlierer sein wird? Eine Prognose wagen Forscher nicht.
