FAZ 22.11.2025
19:55 Uhr

Klimakonferenz: Armdrücken am Amazonasdelta


Das Ergebnis der Klimakonferenz in Belém hätten die Europäer vor Beginn wohl gerne akzeptiert. Nach einer verpufften Initiative stehen sie nun aber als Verlierer da.

Klimakonferenz: Armdrücken am Amazonasdelta

Klimakonferenzen sind unübersichtlich. Es gibt Dutzende Verhandlungsstränge, mal verhandeln Fachleute aus Ministerien, dann ihre Chefs. Zwischendrin gibt es Diskussionen in den Pavillons, die die Länder wie bei einer Messe betreiben. In Belém ging alles los mit einem Gipfel von Staats- und Regierungschefs, dann kamen die Unterhändler. Nach einer Woche etwa flogen aus den meisten Staaten die Minister ein. Wie lief die letzte Woche am Rand des Amazonasdeltas ab? Montag: Erst Donner, dann Schneider, dann der Papst Die zweite Verhandlungswoche beginnt am Montag im Plenarsaal, den die Brasilianer „Amazonas“ getauft haben. Die Zelthalle ist lang wie ein Fußballfeld. Dort, wo die Mittellinie wäre, steht am Rand eine Bühne, von der aus jetzt jedes Land sagen darf, was die Klimakonferenz erreichen soll. 194 Staaten haben Vertreter geschickt, zwei Tage dauert das nun. Für Grenada spricht Umweltministerin Kerryne James. Danach tritt Taofeg Abdulwahd Al- Sharjabi, jemenitischer Wasser- und Umweltminister, ans Mikrofon. Minister Hanif Faisol Nurofiq aus Indonesien fordert den Westen auf, mehr Geld bereitzustellen, damit ärmere Staaten sich an die Erderwärmung anpassen können. Zum Regen, der auf die Zeltdecke fällt, kommt jetzt erst der Donner. Dann ist der deutsche Umweltminister Carsten Schneider von der SPD dran, ehe der Papst ein Grußwort schickt. Schneider sagt, er sei gekommen, „um den Multilateralismus zu verteidigen“. Beim Klima „müssen wir wirklich mehr machen“, Deutschland unterstütze deshalb den Plan, einen „Fahrplan“ zu beschließen für den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Außerdem zahle Berlin 60 Millionen Euro in einen Fonds ein, der bei der Anpassung an den Klimawandel helfe. Zum Schluss ruft er: „Viva Amazonia!“ Da ist das Gewitter schon weitergezogen. Die meisten anderen Staaten ignorieren den Fahrplan in ihren Reden. Auch andere Staaten setzen sich zusammen. Die Briten haben in den heißen Zelten sogar den Mut, zu einem „Gespräch am Kaminfeuer“ einzuladen. Indiens Klimaminister Bhupender Yadav wird vom Briten Ed Miliband mit Lob für eine Kampagne überschüttet, in deren Rahmen Indien gerade auf zehn Millionen Dächern Solaranlagen aufbaut. Hinter den Kulissen, ist zu hören, spiele Indien eine weniger konstruktive Rolle. Aber immerhin, freut man sich gemeinsam im britischen Pavillon: Die Gespräche laufen. Trotz Trump, trotz Emissionsrekord in diesem Jahr, trotz Konferenzteilnehmern, die gerade Krieg gegeneinander führen. „193 Länder schwitzen hier zusammen“, sagt Ed Miliband. Ganz ohne Kaminfeuer, das glücklicherweise nur eine britische Redewendung ist. Dienstag: „Uns von fossilen Brennstoffen befreien“ In Belém sind Aktivisten und Vertreter von Indigenen präsent wie lange nicht mehr auf einer Klimakonferenz. Am Dienstagmorgen singt eine Gruppe ein Lied „als Erinnerung an jedes indigene Leben, das durch den Abbau von fossilen Rohstoffen und den Klimawandel beendet wurde“. Ein paar Meter weiter spricht Carsten Schneider vor einer überschaubaren Zahl Interessierter über den weltweiten Ausbau von Stromnetzen. Delegierte holen sich Wasser, das es hier vor allem aus Dosen gibt. Hinter den Kulissen haben sich 80 Staaten zusammengefunden, um die Fahrplan-Idee zu unterstützen. Am Nachmittag laden einige von ihnen kurzfristig zur Pressekonferenz. Es sind viel mehr Minister gekommen, als es Sitzplätze gibt. Carsten Schneider hat einen ergattert. Die Moderatorin von den Marshallinseln lässt ihn als Ersten sprechen. „Um uns von fossilen Brennstoffen zu befreien, muss ein globaler Mutirão angestoßen werden.“ Mutirão ist Portugiesisch und heißt so viel wie Gemeinschaftsprojekt oder gemeinschaftliche Initiative. Schneider sagt es in Belém dauernd. Und alle anderen auch. Ein gemeinsames Problem haben die Staaten ja auch wirklich. Schneider findet: auch eine gemeinsame Chance. Der Übergang zu Erneuerbaren „kann den Zugang zu Energie verbessern, die Preise für Haushalte und Unternehmen senken und unsere Energiesicherheit stärken“. Im Hintergrund werden weitere Unterstützer für das Fossil-Aus gesucht. Mittwoch: Die Turnschuh-Zeit beginnt Am Mittwoch wird klar, dass diese Suche nicht gut läuft. Eine Liste mit 82 Ländern kursiert – und es sind, anders als zunächst dargestellt, nicht einmal alle EU-Staaten dabei. Italien und Polen fehlen, genau wie fast alle Schwellenländer und Staaten mit hohem CO₂-Ausstoß. Die Fahrplanstaaten verursachen zusammen nur etwa zehn Prozent der gegenwärtigen Emissionen – dabei sind neben Initiator Brasilien zum Beispiel Mexiko, Großbritannien und Kolumbien. Zeit für ein bisschen Druck. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist dafür auf die Konferenz zurückgekehrt und lädt alle wichtigen Staaten und Verhandlungsgruppen zu Gesprächen. Parallel läuft die Shuttle-Diplomatie: Vermittler eilen hin und her zwischen Gruppen, deren Positionen weit auseinanderliegen. Auch Minister tragen jetzt Turnschuhe. Längst nicht nur die Ölstaaten lehnen Lulas Fahrplan ab, auch viele Entwicklungsländer sind skeptisch. Sie sagen: Emissionen, schön und gut. Aber wie sollen wir den Umstieg auf Erneuerbare und die Anpassung an den Klimawandel als überschuldete, kleinere Staaten bezahlen? Auf der anderen Seite gibt es in der EU und auch sonst nirgends erkennbar die Bereitschaft, deutlich mehr Geld bereitzustellen. Dafür wären ohnehin nicht die überwiegend anwesenden Umweltminister verantwortlich, sondern ihre Kabinettskollegen. Und so gibt es in diesen Tagen auch einiges an Telefon-Diplomatie: mit den Hauptstädten zu Hause. Carsten Schneider muss außerdem die Brasilianer besänftigen, die finden, dass Bundeskanzler Friedrich Merz ihre Stadt Belém beleidigt hat. Das fällt dem Sozialdemokraten nicht schwer. Seit er vor einigen Tagen einen Fischer im Regenwald getroffen hat und einen Mann, der auf eine Palme kletterte, um Açaíbeeren zu ernten, schwärmt er von alldem. Selbst das permanent schwüle Wetter scheint ihm nicht allzu viel auszumachen: Er sei morgens schon joggen gewesen, erzählt er Journalisten. Dabei habe er übrigens nur chinesische Elektroautos gesehen, keine von deutschen Autoherstellern, berichtet Schneider. Lula war in Belém auch in einem chinesischen Modell vorgefahren. Unterdessen in Washington: US-Präsident Trump kündigt an, untersuchen zu lassen, wer für die „kleine Verschwörung“ verantwortlich sei, bei der behauptet werde, die Welt würde sich erhitzen. „Tatsächlich wird es viel kälter“, behauptet Trump wahrheitswidrig. Donnerstag: Feuer in der Amazonashitze Am Donnerstag stellen Wissenschaftler in Brasilien eine Studie vor. Demnach wäre die aktuelle Dürre in Syrien, Iran und im Irak ohne den Klimawandel deutlich weniger wahrscheinlich gewesen. Mit den Verhandlungen hat das nicht direkt zu tun. Aber es ist die Art Begleitprogramm, von dem es auf Klimakonferenzen beinahe unendlich viel gibt. Manche fordern deshalb, die Verhandlungen von allen möglichen Ablenkungen zu trennen. Andere finden: Ohne solchen Input könnte man in den durch dröhnende Schläuche gekühlten Verhandlungsräumen die Hitze draußen vergessen. In die müssen dann doch alle Delegierten raus. Ein Feuer im Bereich der Länderpavillons brennt ein riesiges Loch in die Dachplane. Ernsthaft verletzt wird niemand, aber die Konferenz ist nun für viele Stunden unterbrochen. Dabei wäre es einen Tag vor Schluss höchste Zeit für eine Annäherung. Draußen an der Straße springt ein Mann aus Belém auf Hunderten Getränkedosen herum. Die hatten Konferenzbesucher bei ihrem Weg nach draußen entsorgt. Er will das Blech verkaufen. Freitag: Lässt die EU die Konferenz scheitern? Über Nacht wird deutlich, wie verfahren die Lage ist. Noch vor Sonnenaufgang liegt ein Paket an Abschlusstexten vor – und ein Brief der EU und anderer Staaten, die kritisieren, dass der Fahrplan zum Fossil-Aus darin nicht enthalten ist. Die Spannung lässt sich nicht lösen – die Gruppe arabischer Staaten, zu der 22 ölfördernde Länder gehören, kämpft gegen jede Erwähnung des Fahrplans, berichten Beobachter aus einem nicht öffentlichen Treffen. Zu diesem abermaligen Mutirão hatte Konferenzpräsident André Corrêa do Lago geladen und an die Staaten appelliert: „Diejenigen, die zweifeln, dass Kooperation der beste Weg ist, um beim Kampf gegen den Klimawandel voranzukommen, wären entzückt, wenn wir uns nicht einigen.“ Auch in der deutschen Delegation kippt die Stimmung. Bisher war man mit den Brasilianern hochzufrieden. Jetzt sagt auch Umweltminister Schneider: „So kann der Text nicht bleiben.“ Kolumbien, die Niederlande und einige andere Staaten hatten schon vorher genug: Sie kündigen an, den Fahrplan auf eigene Faust „in Ergänzung“ zu den UN-Klimaverhandlungen durchzuziehen. Im nächsten Frühjahr solle ein erster Gipfel in St. Marta in Kolumbien stattfinden. Nicht hilfreich, finden viele andere Delegationen. Die deutschen Unterhändler lassen kühl wissen, man fokussiere sich sich auf den aktuellen Gipfel: „Wir konzentrieren uns jetzt auf die Verhandlungen hier vor Ort auf der COP30 in Belém.“ Corrêa do Lago sagt dem „Guardian“: Zwar seien etwa 80 Staaten für den Fahrplan zum Fossil-Aus. „Aber genauso so viele Staaten haben klar gesagt, dass sie das im Moment nicht wollen.“ Samstag: Die EU hat verloren Über Nacht geht die Shuttle-Diplomatie weiter, es herrscht hektischer Stillstand. Am Morgen wird klar: Die EU gibt sich weitgehend geschlagen. „Europa hat alleine gekämpft“, sagt Umweltminister Schneider. Fossile Energien werden nicht im Abschlussdokument erwähnt, auch nicht der Fahrplan zu ihrem Ende. Die EU stimmt zu. Man will nicht riskieren, dass die Konferenz scheitert und mit ihr der Anspruch, im Zuge von  Klimaverhandlungen Probleme zu lösen. Carsten Schneider verteilt ein paar Getränkedosen an Journalisten, dann eilt er in das Amazonaszelt. Der Hammer fällt, die Konferenz ist beendet. Oder doch nicht? Nachdem Konferenzpräsident Corrêa do Lago alle Entscheidungen angenommen hat, melden sich verschiedene Staaten, auch Kolumbien. Dessen Vertreterin sagt: „Das hier sollte die Klimakonferenz der Wahrheit werden.“ Man könne nicht zustimmen, wenn „fossile Energie“ nicht einmal erwähnt werde. Mehrere Staaten beklagen sich, dass Corrêa do Lago ihre Meldungen übersehen hat, auch zu anderen Fragen. Der Konferenzpräsident versucht ein paarmal, die Redner zu vertrösten. Ihre Einwände würden notiert und dem Protokoll hinzugefügt. „Das ist kein Einwand, das ist ein Widerspruch“, sagt die Kolumbianerin. Corrêa do Lago blickt ratlos. Statt die Sitzung zu beenden, unterbricht er sie. Nach Stunden verkündet er dann: Seine Fachleute hätten ihm gesagt, was beschlossen sei, sei beschlossen.