FAZ 24.11.2025
12:00 Uhr

Klimagipfel Cop30: „Die Delphine wurden von den hohen Temperaturen gekocht“


Der Amazonas-Urwald am Kipppunkt: Ein Gespräch mit dem brasilianischen Geographen Carlos Souza über Entwaldung, Dürren und mögliche Lösungen.

Klimagipfel Cop30: „Die Delphine wurden von den hohen Temperaturen gekocht“

Am Amazonas-Institut für Mensch und Umwelt „Imazon“ in Belém, dem Austragungsort des Weltklimagipfels, wird mit Geodaten die Abholzung im Amazonasgebiet überwacht. Der Geograph Carlos Souza promovierte an der University of California in Santa Barbara und entwickelte anschließend ein mit einem Innovations-Preis ausgezeichnetes System für Echtzeitbeobachtung, das Gemeinden dabei hilft, illegale Abholzung einzudämmen. Herr Souza, wie steht es um den Amazonas-Regenwald? Auch wenn ich noch optimistisch bin, sage ich: nicht gut. In den zwölf Monaten bis Ende Juli dieses Jahres verloren wir knapp 5700 Quadratkilometer Wald. Die Entwaldungsrate ist zwar im letzten Jahr um elf Prozent gesunken. Aber die Abholzung breitet sich vom Entwaldungsbogen, der an der Grenze zur Cerrado (Anm.: Feuchtsavanne im Inland) und dem Pantanal verläuft, bis zum Herz des Amazonas aus. Zusätzlich haben wir andere Probleme wie die Degradierung des Waldes. Was meinen Sie genau damit? Brände sind ein Beispiel. Landbesitzer nutzen Feuer, um Unkraut zu bekämpfen. Das kann außer Kontrolle geraten und auch abgeholzte Wälder verbrennen, die weniger feucht sind und wegen der Rückstände mehr brennbares Material enthalten. Dadurch weist der Wald weniger Biomasse auf. Lokale Baumarten können aussterben. Die Daten dazu sind nicht in den offiziellen Entwaldungszahlen der Regierung enthalten. Eines unserer Spezialgebiete ist es, degradierte Gebiete zu erkennen. Das ist nicht leicht, weil die Anzeichen oft subtiler sind als bei Kahlschlag. Wir erkennen sie an Narben. Zum Beispiel abgebrannte Stellen, Infrastruktur und Schäden an der Baumkrone. Hinzu kommt noch der Klimawandel. Schon jetzt erleben wir ja viele Extreme. In den letzten zwei Jahren hatten wir schwere Dürren im Amazonasgebiet. Das waren auch Jahre, in denen Rekorde für die globale Mitteltemperatur gebrochen wurden. Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, sehen den Amazonas kurz vor einem Kipppunkt. Danach wandelt sich der Regenwald zu einer Savanne. Sehen Sie den Punkt bald erreicht? Das ist durchaus plausibel. Der Wald kann nicht mehr viel verkraften. Es ist nur schwer zu sagen, wo genau dieser Kipppunkt liegt. Ein zusätzlicher Baum, der gefällt wird, führt nicht zum Kippen. Was wir wissen, ist: Wir nähern uns dem Kipppunkt an, es gibt erste Anzeichen. Zum Beispiel? Zuerst verändern sich Feuchtgebiete wie Sümpfe, Moore, Flüsse, Seen. Sie wirken wie ein riesiger Schwamm. Und sie sind wichtig, um Wasser zu filtern und Süßwasser zu erzeugen. Außerdem reichern sie Nährstoffe an. Nun hat sich aber der Sommer verändert. Die Trockenzeit ist hier von Mai bis Oktober. Jetzt dauert sie zweieinhalb Wochen länger als üblich. Dazu regnet es mal lange nicht, dann wieder sehr viel auf einmal. Wenn der Wasserspiegel sinkt und Temperaturen steigen, erhitzen sich die Feuchtgebiete. Im Dürrejahr 2023 haben wir 3,3 Millionen Hektar Oberflächenwasser verloren. Tausende von Amazonas-Flussdelphinen sind verendet, weil sie in flachen Seen isoliert waren und die Temperatur auf 41 Grad stieg. Man kann sagen, die Delphine wurden von den hohen Temperaturen gekocht. Die Feuchtgebiete und der Wasserkreislauf sind wichtige Warnsignale, wenn etwas nicht stimmt. Und sie schlagen Alarm. Wir überschreiten diese gefährliche Schwelle. Die Dürre trifft nicht nur die Amazonasregion, sondern den gesamten südamerikanischen Kontinent. Der Amazonas sorgt ja eigentlich immer wieder selbst für Regen, weil über die Blätter Feuchtigkeit an die Luft abgegeben wird. Wie wirkt sich die Entwaldung darauf aus? Der ganze Kreislauf wird davon beeinträchtigt. Es ist ein selbstverstärkender Effekt. Ein Teil des Regenwassers gelangt in den Boden und wird von den Bäumen über ihre Wurzeln aufgenommen. Durch Verdunstung gelangt überschüssige Feuchtigkeit wieder in die Atmosphäre. Das kühlt die Luft. Wir wissen, dass die Durchschnittstemperatur in entwaldeten Gebieten um mindestens ein Grad Celsius steigt. In manchen Gebieten ist sie bereits um drei Grad Celsius gestiegen. 40 bis 50 Prozent des Regens werden im Amazonasgebiet recycelt, das bedeutet, das Wasser bleibt dort. Ein Teil dieser Feuchtigkeit wird durch sogenannte „Flying Rivers“ nach Süden in den Südosten Brasiliens transportiert. Werden Bäume gerodet, wird auch weniger Wasser in die Luft transportiert. Sie verliert Feuchtigkeit. Bei großen Flächen kann sich das auch auf den Regen auswirken. Hinzu kommt: Der entwaldete Boden kann weniger Wasser aufsaugen. Was passiert, wenn der Wasserkreislauf gestört wird? Die angespannte Wassersituation wirkt sich auf die Produktivität der Landwirtschaft aus. Brasilien ist einer der größten Agrarexporteure. Für viele Menschen wird es schwerer, ihren Eigenbedarf zum Beispiel durch Fische zu decken. Auch die Açaí-Produktion leidet. Hinzu kommt: Indigene Menschen bilden einen großen Teil der Bevölkerung im Amazonasgebiet. Sie beziehen viele Ressourcen aus dem Wald. Wenn wir die Vielfalt an Tieren und Pflanzen verlieren, hat das direkte Folgen für sie. Auch beeinflusst es, wie viel Strom wir aus Wasserkraft gewinnen können, auf die wir in Brasilien angewiesen sind. Falls es wirklich zum Kipppunkt kommt, bricht das ganze Wirtschaftssystem zusammen. Aber ich sehe es auch als eine Chance für unsere Gesellschaft, zu verstehen, dass wir Rodungen eindämmen müssen, die Wiederaufforstung vorantreiben und die Holzgewinnung besser steuern müssen. Denn sie kann ein Verbündeter im Kampf gegen die Waldkrise sein. Wenn man Holz schonend erntet, bleibt der Wald erhalten und die Bäume wachsen nach. In einer wichtigen Studie dazu heißt es, der südöstliche Teil des Amazonas habe sich bereits von einer Kohlenstoffsenke zu einer Quelle gewandelt. Stimmen Sie dem zu? Ja, wenn Wälder unter Wassermangel leiden, sterben die Bäume ab. Dadurch geht ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden, verloren, bereits gebundener wird wieder freigesetzt. Bei einem Brand geschieht das schnell. Im Falle von Dürre dauert der Prozess länger. Wie viel Kohlendioxid freigesetzt wird, ist schwer zu messen. Der Zustand der Feuchtgebiete ist ein guter Maßstab für uns, wie es um den Amazonas steht. Mit dem Waldschutz-Fonds „Tropical Forests Forever Facility“, kurz TFFF, möchte Präsident Lula da Silva es lukrativer machen, den ­Regenwald zu schützen, als ihn zu roden. Kann der Wald so gerettet werden? Den TFFF halte ich für einen guten Schritt. Aber bei der Umsetzung brauchen wir Indikatoren, die messen, ob die Investitionen effektiv eingesetzt werden. Am Ende muss der TFFF beweisen, dass er wirklich zu weniger Rodungen führt und einem gesünderen Wald. Selbst wenn das erreicht ist, können wir den Regenwald nicht retten, wenn die Emissionen aus fossilen Brennstoffen nicht gestoppt werden. Auf der Klimakonferenz ist der Zeitpunkt, das zu lösen.