Ihren Höhepunkt wird die Gletscherschmelze auf der Erde Mitte des Jahrhunderts erreicht haben: Je nachdem, welchen Klimaschutzpfad die Menschheit einschlägt, werden dann bis zu 4000 der ehemals 200.000 Eisflächen pro Jahr verschwinden. Diese Zahlen haben Forscher der ETH Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft berechnet. Einer der Studienautoren, Matthias Huss, beschreibt, wie der Verlust eines Gletschers eine Landschaft verändert: „Sie wird grau und schwarz, statt weiß.“ Bisher hatten Wissenschaftler vor allem den Verlust von Volumen und Masse des Eises untersucht. Wasserknappheit statt Ski-Tourismus Was die aktuellen Studienergebnisse für die Alpen bedeutet, steht in einer neuen Publikation in „Nature Climate Change“: In dem Gebirge gibt es nur kleine bis mittelgroße Gletscher, daher sind die Eisflächen dort auch früher dran. Bereits im nächsten Jahrzehnt, zwischen 2033 und 2041, wird es die meisten seiner Gletscher verlieren. Bleibt die Klimapolitik unverändert, also auf einem 2,7-Grad-Pfad, sind am Ende des Jahrhunderts noch 110 Gletscher in den Alpen übrig. Das sind drei Prozent der heutigen Eisflächen. Bei einer globalen Erderwärmung von vier Grad werden im Jahr 2100 nur noch um die zwanzig übrig sein. Und der Aletsch-Gletscher im Kanton Wallis, der flächenmäßig größte in den Alpen, wird auf mehrere kleine Eisflächen zusammengeschrumpft und fragmentiert sein. Bereits zwischen 1973 und 2016 hat allein die Schweiz mehr als tausend Gletscher verloren. „Jeder Gletscher hat eine Bedeutung“, sagt Lander Van Tricht, Erstautor der Studie, sei es für den Tourismus, für die Landschaft, für die Kultur oder die regionale Identität. In vielen Bergregionen sichern die Gletscher die Wasserversorgung. „Selbst wenn ein Gletscher klein ist, kann sein Verlust lokal einen großen Einfluss haben.“ Würde das 1,5-Grad-Ziel nach dem Pariser Abkommen eingehalten, würde das weltweite Abschmelzen der alpinen Gletscher im Jahr 2041 ihren Peak erreichen, und bis zum Ende des Jahrhunderts wären noch 100.000 Gletscher übrig. Droht eine Erwärmung um global vier Grad, verschiebt sich der Höhepunkt bis ins Jahr 2055, und am Ende des Jahrhunderts würden lediglich noch in großen Höhen in Alaska oder auf Spitzbergen schätzungsweise 18.000 Eisflächen übrig sein. Das Schmelzwasser der Gletscher ist eine der Ursachen für den weltweit steigenden Meeresspiegel.
