FAZ 30.12.2025
15:43 Uhr

Kleidergröße: Mode für Kleinwüchsige – ein Ausnahmefall


Für kleinwüchsige Menschen kann jede Shoppingtour zur Qual werden, denn die meisten Kleidungsfirmen denken nicht an sie. Eine Berliner Modedesignerin kämpft mit ihrem Label dagegen an.

Kleidergröße: Mode für Kleinwüchsige – ein Ausnahmefall

Durch die Läden streifen, die neueste Mode anprobieren und vielleicht das ein oder andere Schnäppchen mitnehmen – Shoppingtouren sind für viele eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen. „Für mich ist Klamotten einkaufen der absolute Horrortrip“, sagt dagegen Mick Morris Mehnert. Er ist Ende zwanzig, Schauspieler für Theater- und Filmproduktionen und sehr stilvoll gekleidet. Also kein Modemuffel. Unter anderen Umständen hätte er wahrscheinlich auch Freude am Einkaufen. Aber Fashion von der Stange passt ihm nicht. Mick ist kleinwüchsig. Die Hosen, Hemden oder T-Shirts, die er im Laden findet, muss er erst mal zur Änderungsschneiderei bringen – wie die meisten der rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland. Mit jedem Kleidungsstück zur Änderungsschneiderei Das bedeutet nicht nur zusätzlichen Aufwand, das kostet auch einiges an Geld. „Ich möchte aber kein Micky-Maus-T-Shirt tragen, nur weil das gerade passt“, erklärt Mick. „Mode ist ein Grundbedürfnis, und jeder Mensch sollte einen einfachen Zugang zu passender Kleidung haben.“ Das findet auch Sema Gedik aus Berlin. Ihre Cousine Funda lebt in einer türkischen Großstadt und ist etwa gleichaltrig. Als Kinder haben sie in den Sommerferien viel Zeit miteinander verbracht. Ihre Eltern kommen aus Kayseri. „Aber ich habe von klein auf bemerkt, dass Funda und ich nicht den gleichen, niedrigschwelligen Zugang zur Welt haben“, sagt Sema. Schon die Spielplätze waren eher auf Semas Größe ausgerichtet. Denn auch Funda ist kleinwüchsig. Später teilen die zwei Cousinen eine große Leidenschaft: fließende Stoffe, schöne Schnitte und die neusten Trends. Funda liebt Mode, trägt ihre Kleidungsstücke voll Stolz. Sema entscheidet sich sogar für ein Modedesignstudium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Doch mitten im Bachelor steckt sie in einer kleinen Krise: Warum sollte sie Designerblusen für Menschen entwerfen, die sowieso schon einen viel zu vollen Kleiderschrank haben? Dann kommt ihr die Idee: Mode für diejenigen, die von der Industrie übersehen werden. Mode für Menschen wie Funda. Da Funda in der Türkei und somit weit weg wohnt, entscheidet sich Sema, mit dem Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien in Kontakt zu treten. Und so lernt sie vor etwa zwölf Jahren Mick kennen. Er wird Teil eines dreiköpfigen Modelteams, die ersten Models für Semas Bachelorprojekt. Daraus entsteht später ihr Modelabel Auf Augenhöhe. Die Modestudentin nimmt Maße und führt zahlreiche Gespräche. Was wünscht sich die Community? Was fehlt, und warum? Eine Konfektionsgröße gibt es für kleinwüchsige Menschen bis dahin noch nicht. Ärzte, Betroffene und deren Familien sind sich einig: Kleinwüchsige Körper sind zu unterschiedlich, zu einzigartig, als dass man sie in Konfektionsgrößen kategorisieren könnte. Sema denkt sich: „Aber mein Körper sieht doch anders aus als der Körper meiner besten Freundin, und trotzdem können wir ja anhand eines Systems unsere Produkte kaufen.“ Die Vermessung Also vermisst die junge Modedesignstudentin zahlreiche kleinwüchsige Menschen. Erst nur in Deutschland, dann in Europa, schließlich an den unterschiedlichsten Orten der Welt. Sie stellt schnell fest: Die Schulterlängen der Models, egal, ob in Deutschland, der Türkei oder in Chile, ergeben ein Muster. Genauso die Armlängen, der Gesäßumfang, die Maße der Beine. Und so arbeitet Sema Konfektionsgrößen für kleinwüchsige Menschen aus: „Ich habe alle Messungen per Hand selbst durchgeführt.“ Der erste Schritt in Richtung Mode von der Strange. Das Textilatelier an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin teilen sich mehrere Designstudierende. Hier hat auch Sema studiert. In dem hellen, schlauchförmigen Raum stehen Nähmaschinen, Stoffballen und Schneiderpuppen. Diese Schneiderpuppen konnte Sema für ihr Label Auf Augenhöhe nicht nutzen. Sie entsprechen alle den Standardkonfektionsgrößen. Für ihr Vorhaben musste sie ihre eigene Schneiderpuppe entwerfen und selbst herstellen. Heute hat sie ihren Master abgeschlossen, arbeitet aber weiterhin als Dozentin an der HTW Berlin. Ihr Fach: Inklusives Design. Gemeinsam entwickelt sie mit ihren Studierenden Ideen, wie mehr Menschen verschiedene Produkte nutzen könnten. Was kann wie ersetzt werden, um weniger Menschen auszuschließen? Magnetknöpfe an Blusen und Hemden wären so ein Beispiel, erzählt Sema, denn motorisch eingeschränktere Menschen können die kleinen Hemdknöpfe oftmals nicht allein öffnen. Ihr Seminar besuchen Studierende aus dem Bereich Gaming, Museumskunde oder Industriedesign. Jede Idee soll von Grund auf für möglichst viele Menschen und deren Einschränkungen mitgedacht werden. Mehr Selbstbewusstsein Semas Kollektionen von Auf Augenhöhe kann man seit 2017 online kaufen. Von Strumpfhosen und Miniröcken über klassisch weiße Hemden hin zu hippen Collegejacken bietet Sema eine breite Auswahl für in Berlin produzierte Mode. Schauspieler Mick ist weiterhin als Model dabei. Er kriegt, wenn er zum Beispiel wieder mal auf ein wichtiges Event oder auf einen roten Teppich eingeladen ist, von Sema ein schickes Outfit designt. „Auf Augenhöhe hat mir auf jeden Fall mehr Selbstbewusstsein verliehen“, sagt Mick. Er wünscht sich, dass mehr Modefirmen auch für kleinwüchsige Menschen Kleidungsstücke im Sortiment hätten. Sema kann von ihrem Label aktuell noch nicht leben. Auf Augenhöhe trägt sich gerade so selbst, verrät sie. Alle arbeiten als Freelance, auch sie selbst hat noch einen Teilzeitjob in einem Accelerator-Programm und unterstützt andere Start-ups, auf die Beine zu kommen. Man könne zwar mit inklusiver Mode ein gutes Geschäft machen, die Kunden wären da, es gebe kaum Konkurrenz – meint sie. Aber die Produktion in einer kleinen Schneiderei in Berlin ist relativ teuer, gleichzeitig sollen die Kleidungsstücke trotzdem günstig bleiben. Eine Sommerjacke gibt es zum Beispiel für 89,90 Euro oder ein Kleid mit Animalprint für 69,90 Euro. Faire Produktion gehört aber zum Konzept ihres Labels. Sema wünscht sich für die Zukunft einen etablierten Partner aus der Fashionwelt. Zwar war sie mit Auf Augenhöhe schon auf der Fashion Week Berlin, doch der Durchbruch ist schwer. „Die Modebranche ist leider oberflächlich, traditionell und konservativ, obwohl Mode wahrscheinlich als alles andere als traditionell, konservativ oder altmodisch bezeichnet werden möchte“, sagt Sema. Die Idee von inklusiver Mode sei für große Player der Modewelt zwar oftmals erst interessant, aber an sich sei die Branche bisher nicht progressiv genug, um sich auch langfristig zu verändern. „Diversität wird von manchen Marken wie ein Trend behandelt, wenn das eine Label was Inklusives launcht, ziehen andere vielleicht für eine Saison nach“, sagt Mick. „Aber Diversität ist kein Trend, sondern Gleichberechtigung muss eingeführt werden, um zu bleiben.“ Auch Sema findet, dass Diversität und Inklusion nicht wie eine Trendfarbe aussortiert werden dürften. Deshalb versucht sie Überzeugungsarbeit zu leisten, dass inklusive Modelinien nachgefragt seien. Sich vielleicht auch positiv auf das Image des Labels auswirken und so zusätzlich die Absätze steigern könnten. Klar ist das bisher nicht. Der Markt ist immer noch kaum erforscht. Aber bei den Umfragen, die Sema mit kleinwüchsigen Menschen und in ihrem Umfeld geführt hat, haben sich viele gewünscht, einfach miteinander einkaufen gehen zu können. So wie Sema und Funda zum Beispiel, als Freundinnen oder Cousinen. Dass sie endlich in den gleichen Laden gehen und sich gemeinsam das gleiche Lieblingsteil aussuchen könnten. Jede trägt es in ihrer Größe, keine muss mehr zum Änderungsschneider oder in ein Spezialgeschäft. Kleidung kaufen wäre dann vielleicht auch für Mick kein Horrortrip mehr.