Eine „ehrliche Bestandsaufnahme“ hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, angekündigt: Die sechste und letzte Vollversammlung des „Synodalen Weges“ befasste sich am Freitag in Stuttgart damit, was das bisher ambitionierteste Reformprojekt der katholischen Kirche in Deutschland bisher erreicht hat. Die in Form von zehn sogenannten Handlungstexten zwischen 2022 und 2023 verabschiedeten Forderungen reichen von der Bitte an den Papst, Ausnahmen vom Zölibat zuzulassen, über das Ersuchen an den Vatikan, Laien an der Wahl der Bischöfe zu beteiligen, bis hin zur Aufforderung an die deutschen Bischöfe, eine Handreichung für Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare zu erstellen, den Umgang mit Kirchenaustritten zu klären und die Missbrauchsprävention zu verbessern. Das „Monitoring“ seiner Beschlüsse hatte der „Synodale Weg“ an eine Kommission delegiert. Die Ergebnisse fußten auf einer Befragung der Diözesanbischöfe, 23 beteiligten sich daran, sowie der Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Irme Stetter-Karp. Die zentralen Ergebnisse lauteten: Kein Bistum habe bisher alle Beschlüsse verwirklicht, vieles sei jedoch in Angriff genommen worden. Als Hindernisse würden oft knappe personelle und finanzielle Ressourcen genannt. Anonymisierte Ergebnisse In der anschließenden Debatte ging es jedoch weniger um einzelne Beschlüsse und deren Verwirklichung, sondern um Grundsätzliches: Es hätte eine Umfrage in den Kirchengemeinden geben müssen, bemängelte ein Teilnehmer. Es dürfe nicht darum gehen, „wie das von uns gesehen wird, sondern, was im täglichen Leben an der Basis ankommt“. Unverständnis rief auch die Anonymisierung der Ergebnisse hervor, durch die nicht nachvollzogen werden kann, welches Bistum welche Beschlüsse verwirklicht hat. Das widerspreche dem erklärten Ziel des „Synodalen Weges“, Transparenz in der Kirche zu schaffen, sagte eines der rund 180 anwesenden Mitglieder der Vollversammlung. Mehrere Teilnehmer brachten auch ihren Unmut darüber zum Ausdruck, dass die Beschlüsse, selbst wenn sie verwirklicht würden, nicht weit genug gingen, vor allem zum Thema Frauen. Ein weibliches Mitglied sprach von „performativer und verbaler Hasenfüßigkeit“. Man brauche keine weiteren Forschungen zum Frauendiakonat mehr, das sei nur eine Verzögerungsstrategie. „Wir freuen uns über den Diakonat der Frau, aber natürlich wollen wir das Priestertum der Frau.“ Auch ihrem Ärger über die vom Vatikan unbeantwortet gelassenen Briefe, in denen jene Anliegen des „Synodalen Weges“ vorgetragen wurden, die einer weltkirchlichen Regelung bedürfen, machten mehrere Mitglieder Luft. Ein Vorschlag lautete: Man solle künftig mitteilen, dass man es als Zustimmung werten werde, wenn eine Antwort unterbleibe. Birgit Mock, die die Ergebnisse des Monitorings vorstellte, mahnte schließlich einen Perspektivwechsel an: Man solle nicht nur auf die „To-do-Liste“ schauen, sondern auch auf das, was schon erreicht worden sei. Bischöfe waren in dieser Debatte kaum zu vernehmen, nur drei der gut zwanzig anwesenden Diözesanbischöfe ergriffen das Wort. Harsche Kritik an dem Monitoring, aber auch an vorausgegangenen Wortmeldungen, äußerte der Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Sie ließen völlig außer acht, dass die Bistümer über sehr unterschiedliche Ressourcen verfügten, um Reformen zu verwirklichen. Er halte das für „arrogant und anmaßend und eventuell für ein West-Ost Problem“. Er lade alle „klugen und selbstgerechten Redner“ ein, in sein Bistum zu kommen und mit der dort üblichen geringeren Bezahlung ihre Arbeit aufzunehmen. Schon nach der Eröffnung der Vollversammlung am Donnerstag hatten Bätzing und Stetter-Karp wenig über konkrete Ergebnisse des „Synodalen Weges“ gesprochen. Beide stellten stattdessen einen „Kulturwandel im Miteinander“ zwischen Bischöfen und Laien in den Vordergrund, der durch das Reformprojekt in Gang gesetzt worden sei. „Einen Kulturwandel macht man nicht in fünf Jahren, er braucht eine lange Zeit“, sagte Bätzing. Selbstkritisch äußerten sich beide zum Umgang mit Missbrauchsopfern, die bis zuletzt nur den Status von Gästen des „Synodalen Weges“ hatten. „Wir haben es nicht geschafft, Betroffene von Anfang an mit einzubeziehen“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Stetter-Karp ermahnte am Donnerstag dazu, binnenkirchliche Themen nun wieder mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Christen könnten etwas beitragen zu Frieden, Freiheit und Geschwisterlichkeit in dieser Welt. „Deshalb dürfen wir uns nicht noch mehr mit uns selbst aufhalten.“ Man habe „das hier alles gemacht, weil wir glaubwürdig sein wollen“. Dass dieses Ziel mit dem „Synodalen Weg“ erreicht wurde, glauben indes offenbar viele Mitglieder des „Synodalen Weges“ nicht. Das ergab eine wissenschaftliche Evaluation des Reformprojekts durch die Eichstätter Pastoraltheologin Katharina Karl, die am Donnerstag in Stuttgart vorgestellt wurde. Demnach sind die meisten Mitglieder der Auffassung, der „Synodale Weg“ habe „kaum“ oder nur „etwas“ zur „Wiedergewinnung von Vertrauen“ beigetragen. Die meisten Befragten sahen die Wirkung des Reformprojekts vor allem in der „Enttabuisierung von Themen“. „Systemische Ursachen“ von sexuellem Missbrauch beseitigen Der Synodale Weg war 2019 ins Leben gerufen worden unter dem Eindruck der deutschlandweiten Missbrauchsstudie, die im Herbst 2018 im Auftrag der Bischofskonferenz veröffentlicht wurde. Sein erklärtes Ziel war es, die „systemischen Ursachen“ von sexuellem Missbrauch und seiner Vertuschung in der Kirche zu beseitigen, die von der Studie identifiziert worden waren. Dabei ging es um vier Themenkomplexe: die Machtverteilung zwischen Priestern und Laien, die Rolle der Frau in der Kirche, die kirchliche Sexualmoral und den Zölibat. Bätzing und Stetter-Karp zeigten sich zuversichtlich, dass die neue Synodalkonferenz, ein nationales Gremium aus Bischöfen und Laien, die Anliegen des Synodalen Weges weiter voranbringen werde. Der Vatikan und die deutschen Bischöfe müssen der Satzung noch zustimmen. Die Debatte am Freitag endete mit dem Thema, das den „Synodalen Weg“ von Anfang an überschattet hat: dem Streit mit dem Vatikan. Bischof Bätzing griff die Kritik an den unbeantworteten Briefen auf. Er habe eben den Apostolischen Nuntius gefragt, der ebenfalls nach Stuttgart gekommen war, und der wisse auch nicht, warum der Vatikan die Briefe nicht beantwortet habe, berichtete Bätzing. Zuvor habe er auch schon Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin gefragt – die Nummer zwei nach dem Papst ist eine zentrale Figur in den deutsch-vatikanischen Gesprächen. Der habe „mit Erstaunen“ reagiert, als er gehört habe, dass die Briefe unbeantwortet geblieben seien und wolle der Sache nachgehen. Aber Bätzing, der in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen bisweilen ungehalten reagiert hatte, gab sich am Freitag versöhnlich: Er werte den respektvollen Gesprächsprozess, der mittlerweile mit dem Vatikan begonnen habe, als eine Form der Antwort. So weit mochte die ZdK-Präsidentin nicht gehen. Sie sprach von einer „gezielten Kommunikationsverweigerung“, dies sei „inakzeptabel“.
