FAZ 17.05.2026
14:39 Uhr

Kipppunkt – F.A.Z.-Klimablog: Trumps dreifach falsches Lob an den Weltklimarat


Neue Emissionsszenarien +++ „Code Red“ für stärksten El Niño seit 155 Jahren +++ Ein solarer Schutzschirm? +++ Schnellere Erwärmung in Bergen +++ alles Wichtige im F.A.Z. Klimablog „Kipppunkt“.

Kipppunkt – F.A.Z.-Klimablog: Trumps dreifach falsches Lob an den Weltklimarat

\"Ein Glück, dass ich das los bin!\" Mit dem Stoßseufzer, den Donald Trump zuletzt allen Kanälen inklusive seinem @WhiteHouse-Konot auf X abgesetzt hat, geht der US-Präsident in eine neue, etwas überraschende klimapolitische Offensive. Statt den menschengemachten Klimawandel wie bisher totzuschweigen oder geradeheraus zu leugnen, glaubt er nun, der Beweis sei wissenschaftlich erbracht, dass der Alarmismus angesichts der Klimakrise überzogen gewesen sei: \"Nach 15 Jahren, in denen die Demokraten versprochen haben, der 'Klimawandel'  würde den Planeten zerstören, hat jetzt das TOP Klimakomitee der Vereinten Nationen zugegeben, dass seine eigenen Projektionen (RCP8.5) FALSCH waren! FALSCH! FALSCH! FALSCH!\" Allzu lange seien die Amerikaner verängstigt worden. Was Trump nicht in den Sinn kommt in seiner nicht endenden Tirade, ist die Möglichkeit, dass er damit endgültig den Weltklimarat IPCC und die ihn beratenden Forscher ungewollt reahabilitiert. Denn die Diskussion um das Worst-case-Emissionsszenario - SSP5-8.5 (die Basis für das Klimaszenario RSP8.5) - in den Klimamodellen wird seit Jahren intensiv diskutiert. Nicht, weil es von Anfang unrealistisch war, sondern weil sich die Voraussetzungen dafür in den vergangenen zwanzig Jahren realpolitisch und realökonomisch deutlich geändert haben. Kurz gesagt: Die globale Energiewende mit den gewaltigen Fortschritten bei den erneuerbaren Energiequellen haben die Kalkulationen für künftige Emissionen sukzessive gedrückt. Die IPCC-Gremien haben diese Einschätzungen in ihren jüngsten Festlegungen der möglichen Emissionesszenarien für den siebten Sachstandsbericht berücksichtigt. Die Klimamodelle werden mit dem ganzen Spektrum der möglichen Treibhausgas-Emissionen - von niederigen bis hohen Emissionen - quantitativ gefüttert. Was am Ende allerdings eben genau das nicht bedeutet: dass die verbleibenden Klimawandelolgen und Katastrophen ausbleiben. Im Gegenteil: Die jüngsten Expertendiskussionen um die Klimawirkung der CO2-Emissionen sprechen eher dafür, dass Atmosphäre, Eisschilder und Ozeane sogar etwas sensibler als erwartet auf weitere Emissionen reagieren. Was die Emissionsszenarien und das alte Worst-case-Szenario angeht, hat der US-Klimaforscher Zeke Hausfather vom Berkeley Earth Lab   schon vor vier Jahren in \"Nature\"  und noch einmal zwei Jahre später (hier) ausführlich begründet, wieso die Entwicklung inzwischen gegen ein RCP5-8-5-Szenario spricht. Kurz gesagt: Hätte die Welt klimapolitisch einen Stillstand erlebt, wie es sich Trump und die neuen Klima-Delayer wünschen, wäre es auch beim RCP8.5-Szenario geblieben. Zeke Hausfather auf der Social-Plattform X äußert sich ironisch zu Trumps Der-Klimawandel-ist-abgeblasen-Deutung: \"So kann man das sicher auch sehen.\"  Die US-Klimaforschungsszene ist nach wie vor sichtbar eingeschüchtert. Angehängt an seinen Post hat Hausfather die jüngste wissenschaftliche Veröffentlichung vom 7. April im Journal der European Geosciences Union, in der die zuständigen IPCC-Experten ihre neuen Emissionsszenarien begründen - auch eine Richtigstellung. Zitat: \"Für das 21. Jahrhundert fällt die Bandbreite der Emissionen schmaler aus als früher: am oberen Ende ist das Hochemissionsszenario (SSP5-8.5) angesichts des Trends bei den Kosten für Erneuerbaren, den klimapolitischen Maßnahmen und den jüngsten Emissionstrends unplausibel gerworden.\"