FAZ 01.12.2025
07:26 Uhr

Kinofilm „Roofman“: Von ganz oben nach ganz unten


Aus dem Gefängnis in den Plüschstore: Channing Tatum flieht in der traurigen Gaunerkomödie „Roofman“ in eine Kleinstadt und versucht mit Kirsten Dunst einen Neuanfang.

Kinofilm „Roofman“: Von ganz oben nach ganz unten

Vor den Haupteingang ein schweres Schloss, die Fenster mit Gitter verstärken und über die Hintertür eine Kamera – man kann nie genug für die Sicherheit tun. Und doch gibt es auch dann noch Lücken; findige Einbrecher sind immer für eine Überraschung gut. In den Vereinigten Staaten war Ende der Neunzigerjahre ein Räuber unterwegs, der sich über das Dach in Fast-Food-Filialen Zugang verschaffte. Er wartete dann auf die Morgenschicht, begrüßte sie mit vorgehaltener Waffe, wies dem Personal den Weg in die Kühlraum und machte sich mit den Bargeldbeständen davon. Viele der Opfer stellten ihm ein gutes Zeugnis aus: Sie mussten immerhin nicht in der Arbeitskluft frieren, eine Jacke oder einen Mantel durften sie noch anziehen. In den Medien bekam Jeffrey Manchester, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, schnell ein griffiges Alias: „Roofman“, der Mann, der durch das Dach kommt. Und so heißt nun auch der Film, in dem Derek Cianfrance diese Geschichte erzählt. Es ist eine haarsträubende Geschichte, bei der man sich am Ende vielleicht ein wenig die Augen reiben wird, wenn im Abspann der „wahre“ Jeffrey Manchester mit den Stationen seines heroischen, ungeschickten Lebens präsentiert wird. Davor haben wir es mit dem Hollywood-Star Channing Tatum zu tun, der aus dem „Dachmann“ eine große, romantische Rolle macht. Für die Auswertung in Deutschland bekam der Film einen zusätzlichen Titel: „Der Hochstapler – Roofman“ hat auch eine inhaltliche Berechtigung, denn mit den Einbrüchen in Burger-Buden hatte es bei Jeffrey Manchester nicht das Bewenden. Wirklich spannend wurde die Sache erst, als er für diese Delikte schon ins Gefängnis musste, sich aber aus dem Staub machte und dann durch ein ganz anderes Dach in eine deutlich größere Sache einsteigt: ein riesiges Warenhaus für Spielzeug. Sein Tatort ist nun sein Wohnort Im Film lernen wir Jeffrey von der ersten Szene an als einen Getriebenen kennen. Er wäre eigentlich nichts lieber als ein guter Ehemann und Vater, aber er bekommt das wirtschaftlich nicht so richtig auf die Reihe. Das berühmte Wort von der schiefen Bahn trifft in seinem Fall vollständig zu, nur führt seine Bahn eben durch ungesicherte Luken im Dach. Für einen Gentleman-Verbrecher fehlt es ihm an Habitus, denn Jeffrey ist ein ganz normaler „American guy“, einer, den man sich beim Grillen dicker Koteletts oder am Steuer eines Lieferwagens vorstellt. Und einer, der seiner Tochter am liebsten die Welt schenken würde, um so manche Enttäuschung wettzumachen, die er ihr schon bereitet hat. Nachdem er als „Roofman“ zweifelhaften Ruhm erlangt hat, hat sich die erste Familie erledigt. Es bleibt nur eine unbezwingbare Hoffnung, es anderswo noch einmal zu versuchen. Das kann aber nur ein Hasard-Akt sein, wenn man sich überlegt, wo Jeffrey nun wohnt. Er hat sich nämlich in dem Supermarkt für Spielzeug in einer unbemerkten Ecke einen Verschlag gebaut, nachdem er eines Morgens dort beinahe ertappt wurde. Sein Tatort ist nun sein Wohnort, Nahrung bietet ihm das Süßzeug, das es in den Regalen in rauen Mengen gibt, und für größere Ausgaben trägt er eben Computerspiele zu einem Schwarzhändler. Wie ein moderner Robinson Crusoe baut Jeffrey sich inmitten der grellsten Konsumwelt eine Art Festung. Nachts gebietet Jeffrey über den Riesen-Store Dann beginnt er das Geschehen zu beobachten. Das Sagen hat ein Mann namens Mitch (Peter Dinklage, der kleinwüchsige Superstar aus „Game of ­Thrones“). Mitch schreibt die Dienstpläne, und damit hat er Macht über das Leben von Leigh, einer alleinerziehenden Mutter, der ein striktes Arbeitszeitregime nicht immer entgegenkommt. Da Mitch abends sein Büro nicht abschließt, hat Jeffrey, der nachts über den Riesen-Store gebietet, die Möglichkeit, Leigh mit kleinen Eingriffen die eine oder andere terminliche Erleichterung zu verschaffen. Es ist der erste Schritt zu einer Romanze, die durch ihre vielen, merkwürdigen Widrigkeiten wie von selbst zu wunderbarer Überlebensgröße getrieben wird. Irgendwann tritt Jeffrey nämlich Leigh gegenüber. Er kommt aus einem Versteck, nicht als der Einbrecher, der hinten bei den Kartons als Obdachloser haust, sondern als ein passabel sauberer, von der wochenlangen Gummibärendiät noch nicht komplett verunstalteter Durchschnittsamerikaner, der nur eben zufällig aussieht wie Channing Tatum. Da braucht es natürlich einen ebenbürtigen, weiblichen Star. Kirsten Dunst ist eine wunderbare Besetzung für die Verkäuferin Leigh. Seitdem sie, noch als Kind, mit „Interview With the Vampire“ berühmt wurde und dann als Mary Jane Watson in Sam Raimis „Spider-Man“ ein Blockbuster-Idol, hat sie einiges durchgemacht, mit dem Auftritt in Lars von Triers „Melancholia“ (2011) als ambivalentem Höhepunkt nach schwierigen Zeiten. Wer ihrem beiläufigen Glamour auf die Spur kommen möchte, sollte sich „Elizabethtown“ aus dem Jahr 2005 ansehen, eine der schönsten Komödien der Nullerjahre, mit einer durchaus bitteren Grundierung. Ein Schatz, der erst noch durch eine Geldwäsche gehen müsste Nun ist Kirsten Dunst längst erwachsen, und so spielt sie in „Der Hochstapler – Roofman“ eine Frau, die immer noch ein „American girl“ ist. Man nimmt ihr ab, dass diese Leigh werktätig ist, und man nimmt ihr vor allem ab, dass sie Jeffrey Manchester zu einem emotionalen Verzweiflungsakt inspiriert. Denn er weiß eigentlich, dass er als Ehemann und Stiefvater von Leighs Tochter keine Chance hat, selbst wenn er die ganze Christengemeinde auf seine Seite charmiert, in der sie betet und sich von Jesus erzählen lässt. In einer Welt, in der Melderegister und Schufa-Einträge jeden Versuch bestimmen, sich irgendwo eine neue Existenz aufzubauen, ist diese spezifisch amerikanische Anonymität beinahe eine Wohltat, die es erlaubt, einfach in einer Kleinstadt aufzutauchen und zuerst einmal nicht groß etwas vorweisen zu müssen. Aber auch diese Eigenheit des amerikanischen Föderalismus, die sich so mancher Serienmörder zunutze gemacht hat, stößt natürlich an Grenzen, wo es nicht mehr nur darum geht, eine illegale Existenz alltäglich aussehen zu lassen. Jeffrey ist so etwas wie ein Schatz, der erst noch durch eine Geldwäsche gehen müsste. Eine solche aber ist unmöglich. Und so bleibt Derek Cianfrance nicht viel mehr übrig, als das unwahrscheinliche Märchen von Jeffrey und Leigh so weit wie möglich auf die Spitze zu treiben. Und dann darauf zu vertrauen, dass das Publikum sich dem treuseligen Blick des Helden ebenso wenig entziehen kann wie Leigh. Das künstliche Paradies, die Plastikwelt des Spielzeugladens, strahlt so heftig auf den Film ab, dass auch ein Frontalangriff auf die Tränendrüse, den Channing Tatum hier vorlegt, wie ein subtiler Akt erscheinen kann. Unter diesem Vorzeichen kann man sich von „Der Hochstapler – Roofman“ gut unterhalten lassen. Und sich darüber freuen, wie Kirsten Dunst das Erbe der klassischen Hollywood-Ladys modern werden lässt.