Auf dem Spielplatz haben wir schon oft den „Dad Joke“ gemacht, man müsste jetzt nur einmal laut „Noah“ rufen – und mindestens drei Kinder würden aufschauen. Kein Wunder, sagen Sie jetzt, ist ja auch seit Langem einer der beliebtesten Vornamen. Und ist ja auch ein schöner Name: kurz, weich, okay, irgendwie auch biblisch. Und kurz und weich scheint sowieso ein Trend zu sein, beziehungsweise ultrakurz und ultraweich. Es soll selbst F.A.Z.-Redakteurinnen geben, die ihrem Kind einen weichen, zweisilbigen L-Namen gegeben haben. Andere Kinder auf dem Spielplatz heißen Nilo, Mio, Nola, Pia, Mia, Ava, Alva, Mila, Bo . . . Sicher haben wir den ein oder anderen einsilbigen Laut vergessen, von dem man bis vor Kurzem nicht einmal wusste, dass es sich dabei um einen Namen handelt, und dann noch für einen Menschen. Solche Namen rufen die Eltern mit Möhren- und Apfelstücken in Tupperdosen auf dem Spielplatz in bürgerlichen Großstadtvierteln ihren Sprösslingen nach. Verständlich! Auch uns wäre es komisch vorgekommen, unserem Kind einen langen oder harten Namen zu geben. Tatsächlich kürzen wir den eh schon kurzen Namen oft zu einem noch kürzeren ab. Ein unschuldiges Kind heißt plötzlich Hans-Peter Man stelle sich den Krankenhausmoment von einst vor. Wie haben Eltern das anno dazumal gemacht? Als sie ihren unschuldigen, schrumpeligen, schreienden und zuckersüßen Säugling auf dem Arm hatten und sich dachten: Dieses kleine Wesen von einem anderen Stern nenne ich Hans-Peter! Oh, meine süße Gertrude! Und was riefen sie, als ein späterer Bundeskanzler auf die Welt kam? Ein kleiner Helmut! Allerliebst! Das denken wir heute nicht mehr. Wenn wir unser kleines Kind im Arm halten, wollen wir es mit einem Namen bedenken, so kurz und weich, dass der Säugling gleich weiß: Du musst nicht hart sein. Du bist unser Liebstes, mit dir sind wir weich geworden. Wir überlegen uns Namen mit „N“ oder „L“ oder „V“, finden sie in irgendwelchen Vornamenbüchern und stellen fest, dass es eigentlich skandinavische Vornamen sind, und es somit gut passt. Und dann, lange nach dem Krankenhausmoment, stehen wir im Büroflur, fragen nach „Alfons“ und hören, dass er gerade mit „Hans-Christian“ spricht. In ein paar Jahrzehnten steht unsere L-Tochter vielleicht im Flur und ruft: „Ist Luna da?“ – „Nee, die ist gerade im Meeting mit Mio.“ – „Mit Neo?“ – „Mit Nio!“ – „Ah!“ Helmut und Hans-Christian werden dann ihre Arbeitsplätze längst geräumt haben, Johanna, Sebastian und Aylin arbeiten langsam auf den Ruhestand zu. Und wer weiß? Vielleicht wird in Zeiten der ultraweichen Namen alles ganz anders sein: ultralieb, ultrasoft – und mit „L“ am Anfang.
