FAZ 15.01.2026
15:46 Uhr

Kinder als Nichtschwimmer: Gefährliches Versagen


Die Mehrzahl der Kinder in Deutschland verlässt die Grundschulen, ohne sicher schwimmen zu können. Die Risiken des Status quo sind erkannt, Verbände und Politik ringen um Lösungen. Geld allein genügt nicht.

Kinder als Nichtschwimmer: Gefährliches Versagen

Die Mehrzahl der Kinder in Deutschland verlässt die Grundschulen, ohne sicher schwimmen zu können. In Zahlen: Sechzig Prozent der Kinder haben im Alter von etwa zehn Jahren allenfalls ein „Seepferdchen“, nicht aber das Bronzeabzeichen, den „Freischwimmer“, geschafft, für den unter anderem nach einem Kopfsprung 200 Meter im Becken binnen einer Viertelstunde in zwei Körperlagen zurückgelegt werden müssen. Das ist gefährlich. Den Status quo haben nicht nur der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) erkannt, sondern auch die Abgeordneten des Sportausschusses im Bundestag. Am Mittwoch hatten sie deshalb das Spitzenpersonal der beiden Schwimmverbände und die für Sport zuständige Staatsministerin im Kanzleramt, Christiane Schenderlein (CDU), geladen. „Bädersterben“ als lebensbedrohliche Gefahr Dabei ist die Lage durchaus paradox, denn an mangelndem Interesse am Wassersport liegt es nicht. Ute Vogt, als SPD-Politikerin einst selbst Politikerin vom Stadtrat im badischen Wiesloch bis in den Bundestag, berichtete als Präsidentin der DLRG am Mittwoch von Mitgliederrekorden seit der Corona-Pandemie. Für zu viele Kinder im Land ist das Interesse am Wasser trockene Theorie, die Wege bis ins nächste Schwimmbad sind zu weit. Im Begriff „Bädersterben“ schwingt eine sehr reale, tatsächlich lebensbedrohliche Komponente mit. Und diese Bedrohung betrifft jedenfalls alle Flächenländer von West nach Ost und Nord nach Süd. Best Practice? Viel zu flächendeckend Fehlanzeige. „Drei größere Städte, drei Anträge auf ein Hallenbad“ Staatsministerin Schenderlein hat über vier Jahre 20 Millionen Euro aus dem Sondervermögen der Bundesregierung zur Verfügung, die dezidiert zur Steigerung der Schwimmfähigkeit der Kinder genutzt werden sollen. Weitere 250 Millionen Euro bringt ein Programm zur Sanierung kommunaler Schwimmbäder. Das weckt Wünsche. Dieter Stier, Abgeordneter der CDU aus Burgenland und Saalekreis im südlichen Sachsen-Anhalt, berichtete: „Drei größere Städte in meinem Wahlkreis, drei Anträge auf ein Hallenbad. Die Wünsche werden wir vom Bund nicht alle erfüllen können, das können wir heute schon sagen.“ „Bleiben Sie so ausdauernd, wir stehen hinter Ihnen“ Alle Probleme sind erkannt, etliche Lösungsvorschläge liegen wie „Puzzleteile auf dem Tisch“, wie es DSV-Präsident David Profit ausdrückte. „Es kommt darauf an, sie zusammenzubringen, in einem verbindlichen Rahmen. Dieser verbindliche Rahmen fehlt. Er entsteht durch Koordination.“ Und weil der Bau von Schwimmbädern zunächst eine kommunale Aufgabe ist, Bildungs- und damit auch Schulsportpolitik Ländersache und die Bundesregierung Geld verteilen kann, aber kaum Bäderbetriebe mit Kultusministern und Hausmeistern von Pflegestätten mit schwimmkursgeeigneten Becken vernetzen wird, ist das mit der Koordination so eine Sache. „Bleiben Sie so ausdauernd, wir stehen hinter Ihnen“, gab die Ausschussvorsitzende Aydan Özoğuz den Schwimmlobbyisten auf den Weg. Damit wird es nicht getan sein. Die Koordination, um die nicht nur Profit bittet, ist Aufgabe der Politik, von Berlin bis in die Kreistage und Stadträte. Dass sie fehlt, ist ein Ausdruck eines Versagens auf allen politischen Ebenen. Die Kinder von heute sind die Wählerinnen und Wähler von morgen. Wer die Aufgabe hat, das Land über Wasser zu halten, sollte aus ihnen Schwimmerinnen und Schwimmer machen.