Drei Uraufführungen in zehn Monaten: Im März „Das glühend Männla“ am Schauspiel Bonn, im Oktober „Amiwiesen“ an den Münchner Kammerspielen und im Dezember „Lila“ an den Städtischen Bühnen Nürnberg. Der Einstand, den die Dramatikerin Kerstin Specht im Jahre 1990 hinlegte, war nachdrücklich und vielversprechend wie selten einer und wurde, auch wenn das szenische Format mit der Studiobühne auskam, stark beachtet: Die 1956 in Kronach geborene Autorin, geschult an der Tradition des kritischen Volkstheaters, ließ aufhorchen, ihre poetische, vom oberfränkischen Dialekt gefärbte Kunstsprache setzte einen neuen Ton. Eine jüngere Schwester von Fassbinder, Sperr und Kroetz, eine Enkelin der Fleißer. Die Stücke führen an Ränder – der Gesellschaft, der Welt, der Sprache. Schauplatz ist der Frankenwald, finstere Provinz, Zonenrandgebiet. „Das glühend Männla“ zeichnet in knappen, filmisch geschnittenen Szenen das Gegenbild eines trauten Familienheims – Mutter, Oma, Sohn, die, zurückgeblieben und heillos verstrickt, es nicht miteinander aus- und umso heftiger aneinander festhalten; „Amiwiesen“ ist der Monolog einer alten Dienstmagd, die mit dem debilen Kind ihrer verhassten „Herrin“ im Buckelkorb auf den Acker zurückkehrt, wo sie als Halbwüchsige „den Amerikaner“ getroffen hat, und ihr verpfuschtes, geschundenes Leben erzählt; „Lila“ beschreibt den Einbruch des Fremden, in Person einer von den Philippinen mitgebrachten Schwiegertochter, in die enge Dorfgemeinschaft, wo sie für alles Unglück einstehen muss. Miniaturen, kantig und tiefenscharf. Mordgeschichten, brutal und blutig. Schwarze Idyllen. Heimathöllenfahrten. Der Frankenwald ist überall. Die Autorin, von Tankred Dorst gefördert, sammelte Stipendien, Auszeichnungen, Preise. Die Stücke wurden nachgespielt, die Trilogie als Buch verlegt. Die Taktung des Senkrecht-Starts aber ließ sich nicht durchhalten. Die nächsten Stücke vergrößern den gesellschaftlichen Ausschnitt, aber auch den Abstand zwischen Thema und Sprache. „Die Froschkönigin“ (1998), ein „Küchenmärchen“, sucht mit Tempo und Witz Anschluss an die Komödie; „Das goldene Kind“ (2002), ein in die surreale Groteske entgleisendes Ehedrama, findet, sich vom Dialekt abwendend, zurück zur szenischen Stenographie. Fortschreiben eines antiken Mythos Spätere Arbeiten, darunter Adaptionen, Märchenbearbeitungen und Auftragswerke, gehen in verschiedene Richtungen: „Die Zeit der Schildkröten“ (2009) verfolgt den Weg von zwei „Illegalen“ aus dem Maghreb zwischen geplatzten Träumen und neuen Illusionen, Absurdistan und Apokalypse; „Marieluise“ (2010) verdichtet den Bilderbogen, mit dem die Stadt Ingolstadt 2001 den hundertsten Geburtstag ihrer berühmtesten Tochter begangen hat, zum Monolog; „Odysseus!“ (2013) schreibt den antiken Mythos des Heimkehr-Helden sarkastisch in die Gegenwart und das ewige Eis der Antarktis fort. Ins Repertoire haben es diese Versuche selten geschafft. Sie neu auf die Probe zu stellen, könnte einen Versuch wert sein. Auch weil Kerstin Spechts Stücke damit überraschen, dass sie Schauspieler zu Auftritten herausfordern, bei denen ihnen Flügel wachsen. Das fing mit Grete Wurm in Bonn an, wurde von Doris Schade in München in vielen Facetten aufgefächert und gerade erst von der 89 Jahre alten Nicole Heesters bestätigt, die am Berliner Renaissance-Theater als Souffleuse in „Na also. Geht doch“ glänzt. Auf Kerstin Specht ist weiter zu zählen. Heute wird sie siebzig Jahre alt.
