FAZ 15.01.2026
12:31 Uhr

Kerkeling und Herbst: „Ich glaube nicht, dass Horst Schlämmer ‚Longevity‘ aussprechen kann“


Hape Kerkeling und Christoph Maria Herbst haben zusammen den Film „Extrawurst“ gedreht. Im Interview sprechen sie darüber, ob früher alles besser war und welche Rolle Humor in Krisenmomenten spielt.

Kerkeling und Herbst: „Ich glaube nicht, dass Horst Schlämmer ‚Longevity‘ aussprechen kann“

Herr Kerkeling, Herr Herbst, vor 48 Jahren hat Ihr Kollege Loriot den gepflegten Restaurantbesuch zweier Paare über einem Dessert namens Kosakenzipfel eskalieren lassen. In Ihrem Film „Extrawurst“ zerbricht nun die vorgebliche Gemeinschaft eines Tennisvereins am Konflikt, ob für das einzige muslimische Mitglied ein zweiter, schweinswurstfreier Grill angeschafft werden soll, worauf sämtliche Streitfragen der heutigen Gesellschaft aufploppen. Waren es rückblickend selige Zeiten, als man sich einfach nur über ein verschlucktes Zitronencremebällchen entzweite? Kerkeling: Es ist damals auch schon eskaliert, es wurde nur weniger bemerkt. Herbst (schreit in Anlehnung an den Loriot-Sketch): Win-sel-stu-te! Jo-del-schnep-fe! Kerkeling: Das war schon sehr schön, es blieb aber in dem Lokal. Wenn heute ein solcher Streit entbrennt und jemand hält das Handy drauf, dann nimmt die ganze Nation daran teil. Das macht die Sache ein bisschen schwieriger. „Extrawurst“ ist Ihr erster gemeinsamer Kinofilm. Dabei entstammen Sie derselben Generation und beide dem Rheinland, wohnen wieder oder immer noch dort und sind seit Jahrzehnten in Comedy- und Schauspielszene unterwegs. Da mag man kaum glauben, dass Sie einander all die Jahre nicht aktiv ausgewichen sind. Kerkeling (lacht): Na, wir sind uns privat schon das eine oder andere Mal begegnet. Einmal war ich mit meinem Mann in Kuala Lumpur und habe gedacht: Hoffentlich kriegt das jetzt keiner mit, dass unser Hotel nicht besonders gut ist. Und wer steht an der Rezeption? Herbst: Meine Liebste und ich! Also, wenn Hape und ich uns getroffen haben, dann eigentlich nur in Kuala Lumpur. Als Hape Kerkeling mit gerade 20 Jahren seine ersten Fernsehshows präsentierte, waren Sie, Herr Herbst, noch Bankkaufmann in Wuppertal . . . Kerkeling: Was für ’ne schöne Geschichte! Aber vielleicht war das sogar spannender als meine Anfänge im Fernsehen. Herbst: Aber nicht lustiger! Wie groß ist die Genugtuung, heute mit Kerkeling in einer Gewichtsklasse zu spielen? Herbst (mit einem Blick auf Kerkeling): Also, das mit der Gewichtsklasse verbitte ich mir . . . Kerkeling (lacht): Altersklasse wird er sich auch verbitten! Herbst: Aber um noch eine ernsthafte Antwort zu versuchen: Das ist schon krass. Ich bin mit Hape groß geworden und habe immer zu ihm aufgeschaut. Er sitzt neben mir, und es ist komisch, das zu sagen, aber er ist eine Legende. Und wenn man dann noch erfährt, dass man quasi gleich alt ist, dann fragt man sich schon: Alter, was hast du eigentlich die letzten Jahre gemacht? Kerkeling: Eine vernünftige Ausbildung – im Gegensatz zu mir. Wenn in einem Film gut 90 Minuten lang erhitzt diskutiert wird, herrscht dann in den Drehpausen Schweigen? Oder debattiert man weiter? Herbst: Wir haben sehr viel sehr beredt miteinander geschwiegen. Es schien alles gesagt zu sein. Kerkeling: Wir brauchten zwischendurch tatsächlich auch Ruhe. Wir sind ja alle sehr intensiv an die Sache rangegangen. Und wenn man dann zwei oder drei sehr überzeugende Schauspielerinnen und Schauspieler vor sich hat, die einen anschreien – ich könnte nicht behaupten, dass das nichts mit mir macht. Herr Kerkeling, vor 20 Jahren sind Ihnen fünf Millionen Leser bei Ihrer Sinn- und Selbstsuche auf den Jakobsweg gefolgt. Was ist seither mit diesem Volk geschehen, dass heute ein Viertel der Wähler die Antworten auf die Fragen der Zeit ganz woanders sucht – nämlich sehr weit rechts? Herbst: Die Frage ist ja, ob das dieselben sind. Kerkeling: Wahrscheinlich nicht. Ich hoffe, dass die, die es gelesen haben, immer noch etwas mit dem Buch und seinem Inhalt anfangen können. Aber es hat seitdem so viele historische Umwälzungen gegeben. Eines Tages wird man hoffentlich eine vernünftige Erklärung finden, warum die Menschen in ihrer Verzweiflung offensichtlich falsch abgebogen sind. Man kann nur hoffen, dass wir sie wieder einfangen können. Ertappen Sie sich manchmal selbst bei nostalgischen Gedanken an alte Zeiten, in denen vieles vermeintlich besser war? Herbst: Ich weiß nicht, ob es besser war, aber es war anders. Ich bin auch froh, dass ich selbst mich ebenfalls verändert habe; der Christoph, der jetzt vor Ihnen sitzt, ist nicht der aus den Achtzigerjahren. Ich gucke jedenfalls nicht mit Verklärung zurück. Jede Zeit hatte ihre Krisen, auch wenn wir uns sicher in einer Multikrisenzeit befinden, aber ich gehe als unverbesserlicher Optimist durchs Leben und bin nach wie vor der Meinung, diese Zeit ist immer noch mehr Nichtkrise als Krise – zumal hier in Deutschland. Haben die Progressiven einen bestimmten Typus des alten oder zumindest älteren weißen Mannes zu Unrecht zum Feindbild erklärt – den jovialen, durchaus spießigen, letztlich aber harmlosen Konservativen? Kerkeling: Eine Gesellschaft tut grundsätzlich nicht gut daran, ihre Geschichte komplett abzulegen. Wir alle kommen nun mal aus diesem Biotop. In meinem Fall ist es ein rheinisches, gemütliches, durchaus konservatives Umfeld. Das nur als negativ zu sehen, wird der Sache nicht gerecht. Der alte weiße Mann war nun mal auch der Patriarch, der sich um seine Mitarbeiter in der Firma und deren Familien gekümmert hat. Wenn wir glauben, dass die Ideale unserer Eltern alle falsch waren, dann gehen wir auf revolutionäre Zeiten zu, und das Neue, das dann kommt, wird nicht automatisch viel besser sein als das, woraus wir erwachsen sind. Denn, und das sehe ich wie Christoph: Wir hatten im Großen und Ganzen ja Glück. Sie haben, Herr Kerkeling, zuletzt die alte Bundesrepublik für ihre „kleinen, rheinischen Lösungen“ gepriesen. Heißt das, um im „Extrawurst“-Jargon zu bleiben: Durchwurschteln ist eigentlich gar nicht so schlecht? Kerkeling: Das würde ich so nicht unterschreiben wollen. Doch natürlich gibt der durchschnittliche IQ des Bundesrepublikaners den Tritt vor. Aber das ist egal: Wir müssen auf einem ganz guten Weg gewesen sein, sonst gäbe es heute nicht dieses Woke-Sein – was ich gut finde. Herbst: Vielleicht können wir uns verständigen auf die Formulierung: Wir haben nicht alles ganz richtig gemacht. Kann es in der Krise eine Lösung sein, sich noch für das eigene Totalversagen abzufeiern wie in den selbstironischen Antiwerbespots der Bahn mit der Kollegin Anke Engelke? Herbst: Die Bahn kann doch am wenigsten dafür. Es gibt ja Menschen, Institutionen, sollte ich sagen: Ministerien?, die nicht wollten, dass sie wirklich gut funktioniert. Dass die Bahn dem nun mit Selbstironie begegnet und dafür eine Spitzencomedienne gewinnt sowie meinen „Stromberg“-Regisseur, das zeugt von einer gewissen humorvollen Ohnmacht. Ich fürchte aber, dass das dem Ganzen einen Bärendienst erwiesen hat. Ich liebe die Deutsche Bahn eigentlich auch, drehe aber trotzdem keine Durchhaltefilmchen. Wenn ich jemanden liebe bei der Bahn, dann die Menschen, die dort arbeiten: Die haben mit ihren Durchsagen, von denen ich mir manche direkt als Klingelton herunterladen würde, Humor längst bewiesen. War es einer der größten Fehler des linksliberalen Milieus, die Anarchie den Rechten zu überlassen? Während man sich selbst alle möglichen Zügel anlegt, um nur ja niemanden zu verletzen, lässt sich der immer breitere rechte Rand für jede Grenzüberschreitung bejubeln. Kerkeling: Das eine bedingt tatsächlich das andere. Dennoch glaube ich, dass die Linksliberalen auf dem richtigeren Weg sind, indem sie sagen, wir sollten noch genauer hinschauen, wo Diskriminierung anfängt, und uns fragen: War wirklich jede Entscheidung, die ich in den vergangenen Jahren getroffen habe, frei von Ressentiments? Ich finde das vernünftig und klug. Wenn auf der anderen Seite die Gesellschaft weiter verroht, dann hat das auch mit dem fehlenden Filter zu tun: Früher hätte man solche Meinungen gar nicht rausposaunen können. Social Media ist nun mal ungehemmt und ungezügelt. Um all dem noch Herr zu werden, sollte man schon ein Zaumzeug anlegen – aber dafür, fürchte ich, ist es schon zu spät. Herbst: Dafür sind die Tech-Riesen zu riesig. Aber auch ich freue mich, in einer Zeit zu leben, in der „schwul“ kein Schimpfwort mehr ist. Harald Schmidt hat Donald Trump als genialen Entertainer gelobt. Herbst: Das klingt mir zu positiv, damit ist die realpolitische Figur Trump nicht in Gänze erfasst. Aber ja, er ist ein genialer Entertainer, Comedian und Dealmaker – und noch nie habe ich das Wort „genial“ so ungern gesagt. Sie haben der deutschen Comedy zwei ihrer populärsten Charaktere geschenkt. Was hätten der Grevenbroicher Lokalreporter Horst Schlämmer und der Bürotyrann Bernd Stromberg einander heute bei einem Pils oder Doornkaat zu sagen? Kerkeling: Ich glaube, wenn die beiden schön einen im Tee hätten, dann würden sie . . . Herbst:  . . . zusammenziehen. Kerkeling: Das geht jetzt sehr weit. Aber sie wären zumindest kurz davor. Herbst: Es ist eine WG im Geiste. Nach Stromberg kehrt im März auch Schlämmer auf die Kinoleinwand zurück. Müssen wir fürchten, dass sich Schlämmer wie die verlorene Seele Stromberg von einer Brücke stürzt? Kerkeling: Ich will nicht zu viel über Horst Schlämmer sprechen, aber er wird sich etwas anders zeigen, als man es von ihm erwartet. Er wird deutlich melancholischer sein. Die Zeit hat ja auch mit ihm etwas gemacht, und was, sieht man dann in dem Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“. Und so viel kann ich sagen: Er findet es. Wird er noch rauchen und trinken dürfen? Das widerspricht doch dem allgemeinen Trend zur Longevity. Kerkeling: Ich weiß gar nicht, was süchtiger macht. Im Zweifelsfall der Alkohol, dem ist er treu geblieben. Herbst: Der konserviert ja auch! Ich glaube übrigens nicht, dass Horst Schlämmer Longevity aussprechen kann. Kerkeling: Geschweige denn, dass er weiß, was es ist. Ihnen, Herr Herbst, erlaubt es die Stromberg-Maskerade sogar, Werbung für McDonald’s zu machen, obwohl Sie gar kein Fleisch essen. Herbst: Als Stromberg darf ich alles! Was am lustigsten ist: Bis heute glaubt McDonald’s, Stromberg habe Werbung für sie gemacht – dabei hat McDonald’s auch Werbung für Stromberg gemacht. Es ist also ein Nehmen und Nehmen. Ich glaube, es haben mehr junge Menschen diesen Kinofilm gesehen als den ersten. Apropos: Sie feiern im Februar Ihren 60. Geburtstag . . . Herbst: Das geht wirklich niemanden was an . . . Und schon in „Extrawurst“ darf sich Ihre Filmfigur Torsten ständig Sprüche über ihr vermeintlich hohes Alter anhören. Ist das eine Form von Konfrontationstherapie? Herbst: Das ist der einzige Grund, warum ich die Rolle angenommen habe. Aber mit einer Kollegin wie Anja Knauer an meiner Seite kann ich ja nur alt aussehen. Wir sollten uns mit einem zweiten Teil von „Extrawurst“ jedenfalls nicht, wie bei „Stromberg“, zehn Jahre Zeit lassen, denn mit einem Rollator hätte Torsten auf dem Tennisplatz gar nichts mehr verloren. Sie, Herr Kerkeling, durften für den Film sogar schon im Treppenlift Platz nehmen. Kerkeling: Und im zweiten Teil von „Extrawurst“ muss ich dann keinen Meter mehr gehen. Vor der Kamera zu gehen, ist für einen Schauspieler ja auch immer eine Herausforderung – ich war froh, dass ich viel gesessen habe. Nachdem wir nun über allerlei ernste Themen gesprochen haben: Wo, meine Herren, bleibt das Positive? Kerkeling: Ich glaube tatsächlich an das Positive im Menschen, am Ende wird alles gut. Hannah Arendt hat, glaube ich, etwas gesagt, das ich in meine Worte zu kleiden versuche: Wenn die Zeiten immer düsterer werden, tut sich irgendwo am Horizont ein Licht auf, wir sehen einen neuen Weg und bauen etwas Neues auf. Herbst: Da sprach jetzt gerade auch der gläubige Hape aus dir, oder? Kerkeling: Ja, der spricht ja immer mit. Herbst: Den habe ich auch in mir. Am Ende hilft uns sogar die ebenfalls krisengeschüttelte Religion weiter? Kerkeling: Kommt drauf an, welche. Wenn wir daran glauben wollen, dass es ein schöpferisches Prinzip gibt, egal ob männlich, weiblich, sächlich oder was auch immer, dann ist das sicherlich grundsätzlich gut, wenn es nicht zu dogmatisch ist. Herbst: Über das Bodenpersonal sollten wir dann aber noch mal reden.