FAZ 03.12.2025
18:17 Uhr

Kelkheimer Schreinertradition: Eine Stadt verliert ihr Handwerk


Das Städtchen Kelkheim im Taunus war über Jahrzehnte eine Hochburg der Möbelhändler und Schreiner. Doch die Tradition droht abzubrechen, die Anbieter müssen sich neu orientieren, um zu überleben.

Kelkheimer Schreinertradition: Eine Stadt verliert ihr Handwerk

„Alles muss raus!“ steht weiß auf rot in großen Lettern an den Schaufenstern in der Bahnstraße. Aber bei Dirk und Simone Stelzer herrscht keine Trübsal, auch wenn nach über hundert Jahren eine Ära zu Ende geht. Im Jahr 1919 war Stelzer der erste Kelkheimer Schreiner, der nicht nur eine Werkstatt, sondern eine eigene Ausstellung hatte. So bleibt es bis zum Schluss: Vorne im Laden stehen die feinen Möbel europäischer Anbieter, hinten wird in der eigenen Schreinerei gewerkelt und passend gemacht, dazu kommt ein Stoffatelier für Vorhänge und Bezüge. Stelzer lieferte stets alles, außer Bäder und Parkett, und er bewegte sich dabei, auch dank Beratung, im hochpreisigen Segment. Dirk Stelzer verkauft keinen Stuhl, den der Kunde nicht probegesessen, keine Matratze, die nicht probegelegen wurde. Denn woher soll man sonst wissen, dass die Neuanschaffung zum eigenen Leben passt? „Jeder fühlt sich irgendwie als Interior Designer“ „Die Menschen machen sich oft wenig Gedanken“, sagt Stelzer. Sie schauten auf Pinterest, und jeder fühle sich irgendwie als Interior Designer. Andere Kunden wollten die Beratung und kauften dann im Internet. Viele Hersteller übergingen auch den stationären Handel und setzten auf Direktverkauf. Bei Stelzer hingegen arbeiten auf den verschachtelten 2000 Quadratmeter Fläche 15 fest angestellte Mitarbeiter. Zudem stehe eine teure Dachsanierung an. All das vor Augen, habe Dirk Stelzer vor einigen Wochen mit seiner Frau beim Frühstück beschlossen: „Wir lassen das jetzt.“ Bis zum 23. Dezember wird abverkauft, aber es werden auch noch neue Aufträge angenommen. Noch bis März bleiben die Angestellten, die oft seit vielen Jahren für Stelzer arbeiten, im Betrieb. Dann geht in der Bahnstraße 19 erst einmal das Licht aus. Wenn in der Familie der Autorin dieses Textes einst der Küchenschrank oder das Büfett in der Wohnung als „Kelkheimer Schreinermöbel“ bezeichnet wurden, so schwang in diesen Worten immer etwas Ehrfurcht mit. Auch nach dem zehnten Umzug stehen die Schränke der Großeltern da wie neu, mit Nussbaumfurnier oder eleganter Birke, mit Messingbeschlägen und eingearbeiteten Marmorplatten, mit Griffen aus Bakelit und Glasscheiben, die in bald hundert Jahren nie kaputtgingen. Es sind Möbel für das ganze Leben, und Kelkheimer Qualität hatte über Jahrzehnte einen Ruf wie Donnerhall. Diese florierende Kelkheimer Möbelwirtschaft war aus der Not heraus geboren: Als die kleinen Äcker die Bauern kaum mehr ernährten, die private Leinenweberei durch den mechanischen Webstuhl ersetzt wurde und auch das Erz im Taunus zu wenig Gewinn abwarf, stellte man fest, dass es Holz in rauen Mengen gab. Also begannen im Jahr 1860 zwei Familien, im Nebenerwerb Möbel herzustellen und per Pferdewagen bis nach Frankfurt, Wiesbaden und Mainz zu verkaufen. 1885 waren es schon 25 Schreinereien, um die Jahrhundertwende 105 und nach dem Zweiten Weltkrieg gut 180 Betriebe mit mehr als 700 Angestellten. Erst mit den modernen Möbelhäusern auf der grünen Wiese änderte sich der Anspruch der Käufer wieder. Doch „der klassische Zweit- und Dritteinrichter“, wie Dirk Stelzer sagt, wird noch immer in Kelkheim fündig. Kaufe man in anderen Ländern seine Immobilien gern möbliert, so gebe es in Deutschland immerhin einen Markt für Möbelhäuser. Und wer keine „Copy-und-Paste-Küche“ haben möchte, wie Simone Stelzer sie nennt, kann sich hier eine planen lassen, die genau passt und jahrzehntelang hält. „Wir fangen da an, wo der normale Schreiner aufhört“, sagt Tobias Duckhorn. Zusammen mit Kai Backes, beide gelernte Schreiner, führt er das Unternehmen Lange Innenausbau in der Hornauer Straße in Kelkheim. „Wir bauen auch mal einen Schrank“, sagt Backes, „aber das wird seltener.“ Die meisten Kunden verlangten das Rundum-sorglos-Paket. Auch das bieten die beiden mit ihren 25 Mitarbeitern an. Egal ob Küche oder Hausboot, das komplette Ferienhaus auf Mallorca, ein Tiny House auf dem Balkon – ja, die Kunden haben mitunter ausgefallene Wünsche – oder einfach nur ein neues Bett: Das Unternehmen liefert alles und macht es passend. Und für das, was die beiden nicht können, nämlich Elektroinstallation und Sanitär, arbeiten sie mit Handwerkern ihres Vertrauens zusammen. Das sei in Deutschland selten, auch weil die Gewährleistung am Ende bei ihnen liege, erklärt Kai Backes. Alles begann mit dem Werkstattgebäude, das, genau wie bei Stelzer, schon immer eine Schreinerei war. Hier sollte der Showroom entstehen, also legte man Parkett auf den Werkstattboden und zog Zwischenwände ein. Als die Kunden danach fragten, begannen Duckhorn und Backes, diese Leistungen anzubieten. Dann kamen die ersten Lampen und Küchen, und irgendwann hieß es, man mache alles außer Bäder. Das Prinzip hielt so lange, bis eine Kundin darauf bestand, das Haus nur dann von ihnen ausbauen zu lassen, wenn sie auch das Bad übernähmen. Und so finden sich neben Boxspringbetten und Ankleidezimmern, Küchen und Möbeln aus der eigenen Fertigung auch Waschtische mit sanfter Kurvatur, die von fluchenden italienischen Handwerkern aus einem massiven Stück Stein geschliffen wurden. Apple-Hocker made in Taunus „Wir haben einen Designanspruch, aber wir sind auch Handwerker“, sagt Duckhorn. Im Eingangsbereich ist die „Kreativecke“, hier liegen Parkettelemente neben Armaturen, Kacheln neben Zierleisten, gerade wird ein Altbau renoviert. Der geschwungene Massivholztisch für die Kundengespräche, erst seit wenigen Tagen am Platz, steht für den Stil des Hauses: schlicht, aber warm und wohnlich. Auf dem Tisch stehen die Filzmarker, denn Duckhorn stellt fest, dass das gemeinsame Arbeiten auf Papier zusammen mit den Kunden für beide Seiten angenehmer und flexibler ist. Darüber befinden sich zwei Stockwerke Showroom, komplett eingerichtet mit Lampen, Stühlen zum Probesitzen – das ist gern auch mal über das Wochenende erlaubt – und Stücken der Hausmarke „Made in Taunus“. Designobjekte, die es überall gibt, gibt es hier eher nicht. Man suche auf Messen nach unverbrauchten Klassikern. Das schätzten die Kunden, die recht informiert seien. „Ich glaube, dass das hochpreisige Segment nicht so krisengeschüttelt ist“, sagt Tobias Duckhorn. Das meint vor allem die Privatkunden, denn die Büro- und Objektausstattung sei ein äußerst umkämpfter Markt. Manchmal fällt aber auch ein Auftrag aus dieser Kategorie ab. In der Werkstatt, in einem Stapel im Eck hinter der automatischen Säge, die sie hier „die wilde Hilde“ nennen, findet sich noch ein Apple-Hocker. Diesen verzahnten Sitzkubus mit eingefräster Mulde aus Massivholz fertigten sie gleich tausendfach für Apple-Stores. Daneben entsteht ein beleuchteter Garderobenschrank, ein HiFi-Möbel wird für einen Kunden in München zusammengebaut, und ein scheibenweise aufgestapelter Nussbaumstamm wird zu einem Waschtisch gefertigt. „Auf die Einwohnerzahl gibt es immer noch viele Schreiner in Kelkheim, aber das produzierende Gewerbe ist schon zurückgegangen“, sagt Kai Backes, auch wenn der eigene Betrieb sich in der Nische behauptet, wie er sagt. Dazu kommen etliche Bad- und Küchenstudios, Fachbetriebe für Restauration und ein Spezialist für englische Antiquitäten. „Wir glauben nicht, dass das so zukunftsfähig ist“, sagt hingegen Dirk Stelzer. Zur Ruhe setzen will das Ehepaar Stelzer sich jedoch nicht so schnell. Derzeit bespielen sie in der Frankfurter Straße unweit des Stammhauses, in dem Dirk Stelzer aufgewachsen ist, einen Pop-up-Store. Zusammen mit einem Immobilienexperten, einem Kaminbauer und einem Polsterer möchte man Neues wagen und jüngere Zielgruppen ansprechen. „Haus of Home“ steht über den Schaufenstern, hier könnte ein gemeinsamer Raum entstehen, in dem auch Workshops zu Farbgestaltung für interessierte Laien stattfinden sollen. Die 106 Jahre Familienbetrieb habe sie immer als Verantwortung gesehen, sagt Simone Stelzer. „Aber Nostalgie ist keine Lösung.“