FAZ 20.11.2025
17:10 Uhr

Kelkheim im Taunus: Wie Kriegsgefangene zu Auftragsmalern wurden


Ein Hobbyhistoriker aus dem Taunus hat vergessene Bilder seines Heimatortes entdeckt – und deren überraschende Entstehungsgeschichte: Drei französische Kriegsgefangene haben sie im Zweiten Weltkrieg geschaffen.

Kelkheim im Taunus: Wie Kriegsgefangene zu Auftragsmalern wurden

Klaus-Detlef Voigt ist ein wissbegieriger und hartnäckiger Mann und zudem vielseitig interessiert. Als er beim Männergesangverein Euterpe im Stadtteil Hornau auf den letzten lebenden Müller stieß, war sein Interesse an den Mühlen der Stadt entfacht. Er selbst stammt aus einer schlesischen Müllersfamilie und erforschte fortan zielstrebig die Geschichte der Kelkheimer Mühlen. Als Mysterium allerdings stellte sich die Fingersmühle am Liederbach heraus, die 1965 abgerissen wurde und von der es keine Abbildung zu geben schien. Die allerdings brauchte er, um sein heimathistorisches Bändchen zu illustrieren. Wo er auch suchte, beim Bauamt, im Stadtarchiv: Fehlanzeige. Nun lässt Klaus-Detlev Voigt aber auch nicht locker. Er wurde auf eine Kelkheimerin verwiesen, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren eine Kamera besaß und mit Begeisterung fotografierte. Und tatsächlich, in ihrem Archivbestand fand sich ein Bild der Fingersmühle. Allerdings war das die Fotografie eines Gemäldes, das, wie Voigt schließlich ergründete, nun in Nordrhein-Westfalen hing. Er bat die Besitzerin, eine ehemalige Kelkheimerin, um eine Reproduktion. Ihr Vater habe es von einem französischen Kriegsgefangenen erworben, so viel wusste sie über die Herkunft. Untergebracht in einer Turnhalle Und weil Klaus-Detlef Voigt nun einmal Klaus-Detlef Voigt ist, ließ er es nicht dabei bewenden. Ein malender französischer Kriegsgefangener in Kelkheim? Er holte Stadtarchivar Julian Wirth mit ins Boot, und zusammen machten sie sich auf die Suche. Und stießen auf nicht nur einen, sondern sogar drei französische Maler: Aurélio Gianola, 1915 bei Lugano geboren und 2008 in der Normandie gestorben. Jacques Laplagne, von dem das Bild der Mühle stammt, 1917 in Paris geboren und 1995 bei Orleans verstorben. Der Älteste der drei war Marcel Lucien Grémillon, geboren 1906, der bereits 1967 in Paris verstarb. Die Umgebung der Fingersmühle haben sogar sowohl Gianola als auch Laplagne gemalt. Und von Marcel Grémillon ist ein Blick über die verschneiten Dächer des winterlichen Dorfes bekannt, von der Hochstraße aus zum Kloster hinüber. „Die Geschichte der Kriegsgefangenen ist in Deutschland noch nicht so gut untersucht“, sagt Archivar Wirth. In Hornau befand sich die Unterkunft in einer Turnhalle, zwanzig Franzosen lebten ab 1939 dort, darunter in einer statistisch unwahrscheinlichen Häufung drei studierte Kunstmaler. Sie mussten bei einem großen Möbelfabrikanten Munitionskisten aus Holz herstellen, auch einige weitere Schreinereien bekamen die Arbeitskräfte zugeteilt. Anfänglich wurden sie streng bewacht, doch bald durften sich die Franzosen nach Feierabend und an den Wochenenden frei bewegen. Damit waren sie Gefangene erster Klasse, denn solche Freizügigkeit dürften die Ukrainer und anderen Osteuropäer, die es ebenfalls gab, eher nicht genossen haben. Skizzen auf Packpapier Bald fiel den Kelkheimern auf, dass die drei Künstler Ansichten des damals noch sehr dörflichen Ortes mit Bleistift auf Packpapier skizzierten. Die Verständigung war etwas mühsam, kam dann aber doch zustande, da der ein oder andere des Französischen mächtig war. Und dann gelang es auch einigen Kelkheimern, mitten in der Kriegswirtschaft Malutensilien zu organisieren, also Leinwände, Ölfarbe, Pinsel und Terpentin. Bald gab es für die drei Franzosen die ersten Aufträge. Kelkheimer Ansichten waren beliebt, aber auch Kopien berühmter Gemälde wurden verlangt. Ein Auftraggeber wünschte sich Rubens’ „Raub der Töchter des Leukippos“, auf 2,10 mal 2,24 Metern, viel barockes Fleisch, wehende Mäntel und steigende Rösser, dazu ließ der künftige Besitzer das Gesicht seiner Tochter einfügen. Das Original hängt heute bei den Erben in Hamburg. 15 Bilder wurden bislang gefunden Wie viele Gemälde in Kelkheim entstanden, ist noch nicht bekannt, derzeit konnten Voigt und Wirth 15 Bilder orten und fotografieren. Ob Geld floss oder ob mit Naturalien bezahlt wurde, ist auch nicht klar. Denn üppig war die Versorgung der Gefangenen kaum, und Lebensmittel konnten nur Deutsche mit Lebensmittelkarten kaufen. Überraschend ist, wie die drei Franzosen einen Kelkheimer prägten. Der Heimatmaler Alois Steyer, dem gerade erst im Stadtmuseum eine Ausstellung gewidmet war, fiel schon früh durch sein künstlerisches Talent auf. Im Jahr 1940 war Alois 15 Jahre alt und hatte gerade seine Lehre beim Malergeschäft Gottschalk in Frankfurt-Höchst begonnen. Die Franzosen, einige Jahre älter als er, begann er damals wohl zu beobachten – und von ihnen zu lernen. Das Gemälde einer Hor­nauer Dorfansicht von Aurélio Gianola kopierte er nahezu perfekt, bis hin zu den zwei Hühnern in der Straße. Steyers Gemälde ist in Kelkheim bekannt, doch dass es auf einer Vorlage beruht, wusste man bislang nicht. Überhaupt scheint dieses Kapitel der Stadtgeschichte völlig vergessen, bis Voigt und Wirth es wieder ans Licht holten. Sie erhoffen sich nun weitere Hinweise, auch ein Bändchen oder eine Ausstellung sind denkbar. Die Aufträge an die französischen Maler ergingen natürlich heimlich, ohne das Einverständnis der Obrigkeiten. Mit einem Kunstbuch saß der Maler Gianola im Wohnzimmer des Auftraggebers und arbeitete im Verborgenen an seiner riesigen Rubens-Kopie. Man freundete sich an, und nach dem Krieg kam es noch zu mehreren wechselseitigen Besuchen in Frankreich und Deutschland. Marcel Grémillon, der einer Schreinerei zugeteilt war, saß dort regelmäßig mit dem Ehepaar am Tisch und aß mit ihnen gemeinsam. Im Jahr 1944 schenkte er ihnen das Bild einer Blumenvase. Auf die Rückseite schrieb er: „Un bouquet c’est peu, mais c’est toute mon amitié que je vous offre“. Auf Deutsch: „Ein Blumenstrauß ist wenig, aber es ist meine ganze Freundschaft, die ich Ihnen schenke.“