Keir Starmer ist seit anderthalb Jahren Premierminister. Am 4. Juli 2024 führte er Labour zum Sieg bei der Parlamentswahl – das war zuletzt 2005 Tony Blair geglückt. Doch seit seinem Amtsantritt steht Starmer immer wieder unter Druck. Probleme und Skandale prägen seine Amtszeit. Schon im Monat seines Amtsantritts musste Starmer erkennen, dass eine große Mehrheit nicht bedeutet, dass er ungestört regieren kann. Am 23. Juli wurde im Unterhaus über einen Gesetzesvorschlag der schottischen Nationalisten (SNP) abgestimmt. Sie wollten, dass Kindergeld auch für mehr als zwei Kinder gezahlt wird. Die Labour-Führung war zu jenem Zeitpunkt dagegen. Doch sieben Abgeordnete ließen sich davon nicht beeindrucken und stimmten mit der SNP. Das Vorhaben scheiterte; die sieben Quertreiber wurden für sechs Monate aus der Fraktion ausgeschlossen. Vier von Ihnen kehrten nach der Strafzeit zurück; drei blieben vorerst suspendiert, weil sie in der Zwischenzeit weiter Kritik an der Parteiführung geübt hatten. Eine Abgeordnete verließ später sogar die Partei. Vor den Bauern eingeknickt Am 29. Juli kündigte Starmers Finanzministerin Rachel Reeves an, die Heizkostenbeihilfe für Rentner zu kürzen. Das sorgte insbesondere bei Labour-Anhängern für Kritik. Der Unmut resultierte in deutlich schlechteren Umfragewerten für die Regierung. Deshalb nahm sie am 21. Mai 2025, nicht einmal ein Jahr später, die Maßnahme weitgehend wieder zurück. Im September 2024 geriet Starmer zum ersten Mal persönlich unter Druck: Bekannt wurde, dass er und einige seiner Minister Geschenke von wohlhabenden Spendern angenommen hatten. Dabei ging es im Falle Starmers um finanzielle Zuwendungen für Kleidung für seine Frau Victoria sowie um Eintrittskarten für Fußballspiele und Konzerte. Britische Medien berichteten, seit 2019 sei dabei eine Summe von mehr als 100.000 Pfund zusammengekommen. Starmer sah sich daraufhin veranlasst, die Regeln für Geschenke und Zuwendungen für die gesamte Regierung zu verschärfen. Im Oktober 2024 wurde abermals Starmers Geldpolitik zum Problem: Die Regierung kündigte an, die teilweise Befreiung von der Erbschaftsteuer für Landwirte einzuschränken. Wie schon bei der Heizkostenbeihilfe knickte die Regierung aufgrund hartnäckigen Widerstands ein. Im Dezember 2025 wurde die Obergrenze für die Steuerbefreiung von einer Million Pfund auf 2,5 Millionen Pfund angehoben. Verluste bei den Kommunalwahlen Eine schon länger köchelnde Affäre kam im Januar 2025 wieder auf: Der Multimilliardär und damalige Berater der amerikanischen Regierung, Elon Musk, griff Starmer und dessen Regierung an – wegen eines Skandals um den Missbrauch minderjähriger Mädchen durch vor allem asienstämmige Männer an verschiedenen Orten in Großbritannien. Starmer hatte sich lange geweigert, diese Taten systematisch landesweit untersuchen zu lassen. Dem auch von Musk erzeugten Druck musste sich Starmer im Februar beugen. Er gab eine Prüfung in Auftrag, die ergab, dass die Missbrauchsfälle häufig heruntergespielt worden waren, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Behörden handelten rassistisch. Im Juni sah sich Starmer deshalb gezwungen, dann doch eine landesweite Untersuchung anzukündigen. Am 1. Mai 2025 fanden Kommunalwahlen statt – die erste landesweite Wahl seit Labours Sieg im vorherigen Jahr und damit ein wichtiger Stimmungstest. Labour verlor im Vergleich zur vorherigen Kommunalwahl 14 Prozentpunkte und 187 Mandate in den Kommunen. Der große Gewinner waren die Rechtspopulisten von Reform UK, die auf ein Drittel der Stimmen kamen und mehr als 650 Sitze hinzugewinnen konnten. Die Stellvertreterin muss gehen Starmer versuchte diesem Trend nur wenige Tage später Rechnung zu tragen. In einer Rede zur Immigration warnte er, Großbritannien riskiere, eine „Insel von Fremden“ zu werden. Sofort erhob sich ein Sturm der Entrüstung, erinnerte die Wortwahl doch an rassistische Reden aus der britischen Vergangenheit. Starmer bat daraufhin um Verzeihung; ihm sei die historische Anmutung nicht bewusst gewesen, sagte er. Im Juni 2025 verlagerten sich Starmers Probleme abermals ins Parlament. Mehr als 100 Labour-Abgeordnete revoltierten gegen die geplante Sozialhilfereform, mit der Milliarden Pfund eingespart werden sollten. Angesichts des anhaltenden Widerstands in der eigenen Fraktion strich Starmer einen großen Teil der Vorhaben wieder. Dennoch stimmten am Ende noch 49 Labour-Abgeordnete gegen die Vorlage. Personalprobleme machten Starmer im September 2025 das Leben schwer: Seine Stellvertreterin Angela Rayner musste ihr Amt abgeben, nachdem bekannt geworden war, dass sie für eine Wohnung zu wenig Grunderwerbsteuern gezahlt hatte. Starmer nutzte den Anlass für eine Kabinettsumbildung. Das größte Problem: Epstein-Kontakte Der Parteitag im September war von Spekulationen geprägt, der Bürgermeister des Großraums Manchester, Andy Burnham, könne Starmer bei der Parteiführung herausfordern. Zwar zog der Parteilinke damals zurück, doch das Signal war gesetzt. Im Januar 2026 kündigte Burnham an, ins Unterhaus wechseln zu wollen. Der Parteivorstand um Starmer versagte ihm jedoch die angestrebte Kandidatur bei einer Nachwahl. Im Januar 2026 musste Starmer abermals ein Vorhaben seiner Regierung zurücknehmen. Im September zuvor hatte er ein digitales Ausweissystem angekündigt, das vor allem bei Arbeitserlaubnissen obligatorisch werden sollte. Nach heftigem Widerstand hieß es dann, das System werde nur noch freiwillig sein. Zum größten Problem für Starmer wurde jedoch abermals eine Personalie: Im Dezember 2024 hatte er den früheren Minister Peter Mandelson zum Botschafter in Washington ernannt. Schon damals war klar, dass dieser Kontakte zu Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gepflegt hatte. Nachdem im September 2025 neue Informationen ans Licht kamen, wonach die Kontakte nach Epsteins Verurteilung im Jahr 2008 viel intensiver waren als vorher bekannt, wurde er von seinem Posten in den USA abberufen. Rücktrittsforderung aus Schottland Damit war die Affäre aber nicht beendet: Weitere Veröffentlichungen über Mandelson brachten Starmer in Erklärungsnot. In der vergangenen Woche sagte Starmer dann, er habe Mandelsons „Lügen“ geglaubt; niemand habe die „Tiefe“ des Verhältnisses zwischen Mandelson und Epstein gekannt. Weil der Druck in der Partei dennoch nicht nachließ, nahm Starmers Stabschef die Verantwortung auf sich und trat zurück. Dem schottischen Labour-Führer Anas Sarwar reichte das nicht: Am Montag forderte er Starmers Rücktritt. Die Parteiführung wies das jedoch zurück, alle Minister stellten sich demonstrativ hinter den Premierminister. Starmer selbst griff die Unzufriedenheit in einer Rede vor der Fraktion hinter verschlossenen Türen auf – aus dem Saal war wiederholt tosender Applaus zu hören. Ein Teilnehmer sagte anschließend, Starmer habe „die Rede seines Lebens“ gehalten. Doch die nächsten Herausforderungen zeichnen sich bereits ab: Im Mai stehen erneut Kommunalwahlen an. Sollte Labour wieder Stimmen und Mandate verlieren, dürfte Starmers Stuhl abermals wackeln.
