Erzwungene Rücktritte britischer Premierminister folgen einem bekannten Drehbuch: Zuerst entsteht ein Grundton von Unzufriedenheit und Enttäuschung. Dann drohen seiner politischen Heerschar dramatische Niederlagen, etwa in Nachwahlen zum Unterhaus, schließlich galoppiert ein mutiger Abtrünniger mit dem Ruf davon, er vertraue der Siegeskraft des Anführers nicht länger. Die Rolle des Renegaten trägt die Bezeichnung „Dark Horse“: Es ist eine Opferrolle. Das schwarze Pferd wird selten mit Erfolg belohnt, aber es weist den Weg für andere Führungsfiguren, etwa für Kabinettsmitglieder oder bekannte Parteifürsten, die ihm folgen und die schließlich den Partei- und Regierungschef zu Fall bringen. In Margaret Thatchers Abschiedsdrama hieß das schwarze Pferd Michael Heseltine. Im Falle Boris Johnsons war es Rishi Sunak, der später doch noch selbst Premierminister wurde. In der aktuellen Revolte gegen Keir Starmer blies am Montag der schottische Labour-Parteichef Anas Sarwar zum Aufbruch, der in Glasgow eilig Journalisten zusammenrief, um ihnen mitzuteilen, dass sein „persönlicher Freund“ seinen Dienstsitz in der Downing Street zu räumen habe, weil „die Ablenkungen endlich aufhören müssen“. Labour in Schottland in den Umfragen abgestürzt Die Formel zielte auf die täglichen Berichte über die Verwicklungen des einstigen Labour-Fürsten Peter Mandelson in das Freundschaftsnetz des amerikanischen Finanziers und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein – und den Fehlgriff Starmers, ihn zum britischen Botschafter in Washington zu machen. Während diese immer wieder durch neue Details bereicherten Nachrichten die Schlagzeilen beherrschten, hätte Sarwar lieber Interesse für seinen Wahlkampf in Schottland geweckt. Dort billigten die Umfragen Labour lange Zeit eine Chance zu, die schottischen Nationalisten zu schlagen. Mittlerweile aber geben die Demoskopen Sarwars Partei bloß noch den dritten Platz, hinter den Nationalisten und den Rechtspopulisten von Reform UK. Nach dem Rücktrittsdrehbuch hätte auf Sarwars Schlachtruf ein Auszug weiterer bekannter Labour-Politiker folgen sollen. Doch das Team des Premierministers hatte die Gelegenheit, eine Abwehr zu organisieren. Denn der schottische Parteichef hatte immerhin den Anstand, Starmer vorab per Telefon von seiner Revolte zu unterrichten. Im Westminster-Jargon wird dieses Machtmanöver als „Stich von vorn“ bezeichnet, im Gegensatz zum üblicheren „Stich in den Rücken“. Kaum hatte der Schotte seine Rücktrittsforderung verkündet, veröffentlichten Starmers Kabinettsmitglieder im Minutentakt Solidaritätsadressen an ihren Chef: sein Stellvertreter David Lammy, die Außenministerin Yvette Cooper, die Innenministerin Shabana Mahmood, der als Konkurrent gehandelte Gesundheitsminister Wes Streeting und die als Konkurrentin geltende einstige Bauministerin Angela Rayner. Sie alle beteuerten, sie wollten Starmer weiter folgen und mit ihm in die bevorstehenden Wahlschlachten ziehen. Ende Februar steht im Großraum Manchester eine Nachwahl zum Unterhaus an in einem Wahlkreis, der bisher in Labours roter Farbe auf der politischen Landkarte markiert war; Anfang Mai folgen Regional- und Kommunalwahlen in vielen Teilen des Vereinigten Königreiches. Manche scheinen emotional bewegt Nach diesem Beistandsvotum wandte sich am Abend der gestärkte Anführer Starmer an seine Truppe. Er sprach auf der Sitzung der Labour-Regierungsfraktion. Nie sei der neugotische, holzgetäfelte Ausschusssaal Nummer 14 im Parlamentsbau an der Themse so überfüllt gewesen, berichteten Teilnehmer. Manche Abgeordnete, die sich vorzeitig aus der Tür zwängten und den Raum verließen, dampften vor Hitze; einige schienen auch emotional bewegt. Starmer habe drinnen „die Rede seines Lebens“ gehalten, sagte einer. Ein anderer, der bislang zu den öffentlichen Kritikern des Premiers gehörte, gab an, der Regierungschef habe sich für Fehler entschuldigt, aber „das war kein Mann, der auf den Knien lag“. Er sei vielmehr „unglaublich stark“ gewesen, „kraftvoll, entschlossen und einsichtsvoll“. 44 Fraktionsmitglieder redeten in der Aussprache, die doch nur wenig länger als eine Stunde dauerte; fast ebenso oft drang starker, mitunter jubelnder Applaus nach draußen. Diejenigen, die sich anschließend erleichtert aus dem Raum schoben, machten den Eindruck, als sei ihnen gerade ein neuer Parteichef erschienen, auch wenn es der alte war.
