FAZ 05.02.2026
19:01 Uhr

Kein Wort zu Missständen: Die heile Welt der Kirsty Coventry


Alles „awesome“ beim Internationalen Olympischen Komitee? Die Präsidentin schlägt bei ihren ersten Olympischen Spielen neue Töne an. Bei kritischen Fragen aber sagt sie auffallend wenig.

Kein Wort zu Missständen: Die heile Welt der Kirsty Coventry

Es sind meistens die ersten Olympischen Spiele, bei denen ein neuer Präsident, eine neue Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) einen Tonfall setzen kann. Bei Thomas Bach war es 2014 so, als er in Sotschi mit Wladimir Putin anstieß. Kirsty Coventry, die in Bachs Jahren an der Spitze des IOC nach und nach zur Nachfolgerin aufgebaut wurde, tritt in Mailand als Repräsentantin einer jüngeren Generation auf. Am Mittwochabend, bei ihrer Pressekonferenz nach der 145. IOC-Session, die mit einer Art Brainstorming hinter verschlossenen Türen zu Ende gegangen war, klang dieser Generationswechsel sehr deutlich durch. Sie habe ein paar „wirklich nette Dinge erleben dürfen“. Sie führte die Session auf und kam dann zu ihrer Form eines Leitmotivs: Sie habe „mit den Sportlern im Athletendorf abhängen können“. Gegessen wurde auch. Der Originalton trägt an dieser Stelle den Generationswechsel: Das Mittagessen war „awesome“. Die Präsidentin spricht betont Instagram-gerecht Awesome, seit Jahrzehnten ein Lieblingsadjektiv amerikanischer Schüler und Studenten, verrät Coventrys Collegezeit in Alabama und wird in englisch-deutschen Wörterbüchern mit „großartig“ übersetzt. Man könnte die Wiedergabe der Erfahrung eines Mittagessens im Athletendorf der IOC-Präsidentin auf Deutsch aber auch durchaus mit „echt geil“ übersetzen. Awesome ist ein Wort, das Thomas Bach eher selten über die Lippen kam bei öffentlichen Auftritten. Die Athleten, berichtete Coventry, seien jedenfalls „superhappy“. Die 42 Jahre alte frühere Sportministerin Simbabwes trägt durchaus betont eine Instagram-gerechte Sprache in die Öffentlichkeit. Das ist per se keine schlechte Entwicklung, schon gar nicht für das IOC. Bachs Auftritte waren womöglich durch eine vielfältigere und bildungssprachlichere Adjektivverwendung gekennzeichnet, verhinderten aber nicht den Impuls des Weiterswipens der Gen Z, wenn man versuchte, sie in ein Reel zu pressen. Der Versuch wurde vergleichsweise selten unternommen. Organisationschef von L.A. und Liaison zur Epstein-Komplizin Allerdings tritt Bachs Erbin bei diesen Spielen in eine Welt, die nicht unkomplizierter geworden ist. Eine Welt, in der Inhalte zählen sollten. In Mailand ist der Ärger groß, dass der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance, der sich für die Eröffnungsfeier angekündigt hat, von Beamten des Immigration and Customs Enforcement bewacht wird. ICE sei eine „Miliz, die tötet“, sagte Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala schon vor Tagen und bringt damit Fakten und Stimmung recht präzise auf den Punkt. Zudem hat sich Casey Wasserman, der Organisationschef der kommenden Sommerspiele in Los Angeles, jeder Möglichkeit einer Befragung durch Journalisten entzogen. Wasserman, das zeigen die Epstein-Akten, hatte offenbar eine Liaison mit der zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Sexualstraftäterin, Menschenhändlerin und Epstein-Komplizin Ghislaine Maxwell. Wie geht es weiter mit russischen Sportlern, jetzt, da Coventry die Neu­tralität der Spiele und des IOC in jeder Konflikt- und Weltlage betont, während Wladimir Putin die Bürger der Ukraine Richtung Erfrierungstod bombardiert? Was hat die Aufnahme der Iranerin Soraya Aghaie ins IOC zu bedeuten, nachdem das Regime in Teheran Tausende, womöglich Zehntausende Menschen, darunter zahlreiche Sportler, hatte erschießen lassen? Wird das IOC unter der früheren Schwimmerin Kirsty Coventry künftig verhindern, dass die Islamische Republik ihren Sportlerinnen den Weg zu Olympia in etlichen Sportarten, darunter Schwimmen, untersagt? Coventrys Antworten auf all diese Fragen, die in die olympische Welt dringen, unterscheiden sich nicht allzu sehr. Zu Wasserman hat sie nichts weiter zu sagen. Vielleicht könne sie ihn bewegen, bei nächster Gelegenheit „ein bisschen zu plaudern“ (wörtlich: „to have a little chit-chat“). Ansonsten, Stichwort ICE, Stichwort J. D. Vance, solle sich die Welt inspirieren lassen von der Flamme. Auf die Frage der F.A.Z. zum tausendfachen Morden in Iran und einem möglichen Ende des Olympiaverbots für Ringerinnen, Schwimmerinnen und andere iranische Sportlerinnen antwortete Coventry: „Soraya ist eine unglaubliche junge Dame, die eine sehr gute Sportlerin war und eine sehr gute Trainerin ist.“ Auch sie sei beim Gang ins Olympische Dorf dabei gewesen, man habe Erfahrungen ausgetauscht und gemerkt, dass beide sich viel mehr ähnlich als unterschiedlich seien. Kein Wort zur fortgesetzten Diskriminierung. Die Botschaft, die Kirsty Coventry am Mittwoch nicht nur in dieser Sache vermittelte, lässt sich also so zusammenfassen: Alle Menschen sind gleich. Die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees entdeckt das im olympischen Dorf. Wer nicht hineindarf, hat in ihrer Welt Pech gehabt.