Hohe Krankenstände sorgen aktuell wieder für Diskussionen. In der CDU und CSU wird einmal mehr die telefonische Krankschreibung dafür verantwortlich gemacht. Auch die Arbeitgeberverbände schließen sich dem an. Grund dafür ist der hohe Krankenstand. In Hessen ist er 2025 im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben, allerdings auf hohem Niveau. Nach einer Auswertung der DAK unter den bei ihr Versicherten waren die Beschäftigten durchschnittlich an 20,4 Kalendertagen krankgeschrieben und hatten demnach genauso viel Arbeitsausfall wie im Vorjahr. Die meisten Fehltage kamen nach DAK-Angaben durch Atemwegserkrankungen zustande, gefolgt von psychischen Erkrankungen. Diese verursachten zehn Prozent mehr Fehltage als 2024. Auf Rang drei landeten Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die Fehlzeiten in Hessen sind deutlich höher als auf Bundesebene. DAK-versicherte Beschäftigte kamen 2025 im Bundesdurchschnitt auf 16,6 krankheitsbedingte Fehltage. Hessen liegt mit mehr als 20 Tagen 4,5 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Deutlich höher lagen die Fehlzeiten in Sachsen-Anhalt sowie in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Baden-Württemberg wies bundesweit den geringsten Arbeitsausfall auf. Für die aktuelle Analyse hat das Berliner IGES Institut die Daten von rund 257.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten in Hessen ausgewertet. Hohe Kosten für die Arbeitgeber Angesichts der Zahlen heißt es bei den hessischen Unternehmerverbänden (VhU): „Die telefonische Krankschreibung sollte so schnell wie möglich abgeschafft werden, weil sie die Hürden für das ‚Blaumachen‘ senkt.“ Die Kosten der Arbeitgeber für Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall belaufen sich nach VhU-Schätzungen hessenweit auf mehr als sechs Milliarden Euro im Jahr. VhU-Geschäftsführer Dirk Pollert sagte der Deutschen Presse-Agentur allerdings auch: „Missbrauch bei der Krankschreibung ist zum Glück nicht die Regel, aber es gibt ihn und er gehört unterbunden.“ Inwiefern die telefonische Krankschreibung eine Rolle spielt, lässt sich bei der DAK nicht klären. „Im Prozess der Übermittlung der Krankschreibungen an die Krankenkassen wird keine Information darüber mitgeliefert, ob eine Krankschreibung telefonisch ausgelöst wurde oder bei einem Praxisbesuch erfolgt ist“, heißt es auf F.A.Z.-Anfrage von der DAK Hessen. Daher gebe es keine Statistik darüber, welcher Anteil der Krankmeldungen durch die telefonische Krankmeldung entstanden sei. „Die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung ist grundsätzlich richtig, da sie insbesondere in Grippe- und Erkältungswellen Arztpraxen und Patientinnen und Patienten entlastet. Dies bestätigen auch die Hausärzte“, sagt DAK-Landeschefin Britta Dalhoff. In den Statistiken lasse sich kein signifikanter Anstieg des Krankenstands durch dieses Instrument erkennen. „Dennoch muss Missbrauch durch ‚falsche‘ Ärzte und Onlineplattformen verhindert werden“, ergänzt sie. Zudem weist sie darauf hin, dass die DAK parallel zur Einführung der telefonischen Krankschreibung im Mai 2020 untersucht habe, ob es Veränderungen bei den Krankschreibungen aufgrund leichter Atemwegserkrankungen gab. Das Ergebnis: Es gab keine Veränderung der Anzahl entsprechender Krankschreibungen. Grundsätzlich zeigt sich nach Darstellung von Dalhoff in den Daten der Krankenkasse, dass die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ein wichtiger Treiber für den Anstieg des Krankenstands sei. Denn spätestens seit Anfang 2022 gingen die Krankschreibungen von den Arztpraxen direkt an die Krankenkassen und müssten nicht mehr von den Versicherten selbst eingereicht werden. Daher gingen sie auch nicht mehr so leicht verloren. Die Folge des neuen elektronischen Meldeverfahrens sei ein statistischer Effekt mit einem sprunghaften Anstieg seit 2022, so Dalhoff. „Bevor wir aber über Einzelmaßnahmen diskutieren, sollten wir gezielt die Ursachen für den anhaltend hohen Krankenstand in Hessen analysieren und bewerten“, fordert sie. Mit rund 431 Fehltagen je 100 Versicherten nach 434 Fehltagen 2024 machen die Atemwegserkrankungen den größten Anteil der Krankschreibungen aus. Auf Platz zwei lagen mit 383 Fehltagen je 100 Versicherten die psychischen Erkrankungen und damit deutlich mehr als im Vorjahr (348 Fehltage). Es folgten Muskel-Skelett-Probleme wie etwa Rückenschmerzen, die mit 348 Tagen je 100 Versicherten im Vergleich zu 2024 ungefähr stabil blieben. „Es ist jetzt notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben und neue Lösungswege zu entwickeln“, kommentiert Britta Dalhoff die Ergebnisse, die bedeuteten, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendele. Dafür müssten alle relevanten Akteure – Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzteschaft und Krankenkassen – zusammenarbeiten, fordert sie. Dalhoff sieht im betrieblichen Gesundheitsmanagement einen wichtigen Baustein. „Gute Arbeitsbedingungen und eine starke Unternehmenskultur sind zentrale Hebel, um den Krankenstand zu senken“, so die DAK-Landeschefin.
