Hohe Wellen schlug die überraschende Übernahme der Kaufhaus Hansa AG und ihrer drei Warenhäuser in Hanau, Mannheim und Frankfurt durch den Hertie-Konzern im Oktober 1952. Tagelang berichteten Zeitungen über die „umstrittene Finanz-Transaktion“. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war es sogar einen Kommentar mit dem Titel „Knigge für Mehrheitsbesitzer“ wert, in dem Jürgen Eick den Umgang mit dem völlig überraschten Generaldirektor der Hansa AG kritisierte. So sei zwar ein Majoritätswechsel als solcher nicht verwerflich, doch wer so mit Menschen umgehe, liefere den Vertretern totalitärer Wirtschaftsordnungen bessere Argumente, als sie die spitzfindigsten Funktionäre erfinden könnten. Was den damaligen Leiter der Wirtschaftsredaktion und späteren Herausgeber der F.A.Z. so sehr erregte, war die Tatsache, dass der Hertie-Eigentümer Georg Karg den Kauf des 91-Prozent-Anteils der Hansa AG von der Rhein-Main-Bank – einem der Nachfolgeinstitute der damals zerschlagenen Dresdner Bank – in geheimen Gesprächen mit dem Vorstand der Bank, Hugo Zinser, vereinbart hatte, ohne dass nicht einmal der Aufsichtsratsvorsitzende der Hansa AG, Hans Ilau, gleichfalls im Vorstand der Rhein-Main-Bank, etwas davon erfahren hatte. Außerdem ärgerte sich Eick darüber, dass der ebenfalls völlig ahnungslose Vorstandsvorsitzende der Hansa AG, Werner Sack, anschließend sofort freigesetzt wurde. Expansionsstrategie im Rhein-Main-Gebiet Die Hansa-AG-Warenhäuser in Frankfurt und Hanau, die aus der 1933 „arisierten“ Wronker AG hervorgegangen waren, waren nicht die ersten Häuser, die Karg für seinen Hertie-Konzern in der Rhein-Main-Region übernahm. Schon im November 1949 hatte er das ehemalige Wiesbadener Kaufhaus „Rheinische Kaufhalle“ erworben und im April 1951 dasjenige von Josef Conrady in Frankfurt-Höchst, das ehemalige Kaufhaus Schiff. Zuvor waren weder der Hermann-Tietz-Konzern noch die aus diesem im Rahmen einer „Arisierung“ 1934 hervorgegangene Hertie in der Region vertreten gewesen. Der Grund war, dass aufgrund einer Absprache die von den Tietz-Verwandten geführten Warenhaus-Konzerne Leonhard Tietz und Wronker in Frankfurt, Mainz, Hanau und Offenbach Filialen betrieben. Das von Gustav Gerst geführte Warenhausunternehmen H. & C. Tietz wiederum hatte nur seine Zentrale im Frankfurter Westend und betrieb seine drei Warenhäuser in Chemnitz, Bamberg und Schweinfurt. Alle Übernahmen Kargs zwischen 1948 und 1952 waren Teil einer größer angelegten Expansionsstrategie, um Hertie wieder zu alter Größe zu führen, da er nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 vor den Trümmern seines Konzerns gestanden hatte. So waren von den 19 Warenhäusern des Konzerns elf in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden, und zahlreiche der im Westen gelegenen Filialen konnten aufgrund großer Bombenschäden nur schrittweise wieder aufgebaut werden. Neben der Übernahme von insgesamt 16 Warenhäusern in der Bundesrepublik bildete der Kauf des Aktienpakets der Hansa AG für 2,6 Millionen D-Mark also einen wichtigen Schritt, um den Hertie-Konzern wieder auf alte Größe zu bringen und um nicht hinter die Konkurrenten Karstadt und Kaufhof zurückzufallen, die nur in geringerem Umfang von den Enteignungen in Ostdeutschland betroffen waren. Auch die Hertie-Zentralverwaltung kam nach Frankfurt Alle Neuerwerbungen halfen dem Hertie-Konzern, durch größere Umsätze bessere Einkaufskonditionen bei den Lieferanten zu erhalten, wodurch es möglich wurde, den Kunden günstigere Preise als kleinere Einzelhändler anzubieten. Obwohl Georg Karg 1949 die ehemaligen Eigentümer des Hermann-Tietz-Konzerns, die Familie Tietz/Zwillenberg, abfinden musste, stellte die Finanzierung der Filialexpansion kein größeres Problem dar, war doch der Warenhunger der westdeutschen Bevölkerung so groß, dass sich die Investition in ein Warenhaus durch den großen Käuferandrang häufig innerhalb von nur zwei Jahren amortisiert hatte. Allerdings bildete der Erwerb der Hansa AG, deren Kaufhäuser bis in die Sechzigerjahre hinein noch unter dem Namen Hansa betrieben wurden, faktisch den Abschluss der ersten Expansionswelle, da der schnell gewachsene Konzern in den Folgejahren erst einmal konsolidiert werden musste. Außerdem waren Georg Karg und sein Sohn Hans-Georg seit 1952 mit dem Aufbau der Kleinpreiskaufhauskette Bilka und des ersten Wertheim-Warenhauses in Berlin-Steglitz beschäftigt, nachdem Georg Karg die AWAG und damit auch die Namensrechte am ehemaligen Warenhaus-Konzern Wertheim erworben hatte. Ein Bilka-Haus an der Berger Straße in Frankfurt Obwohl das Rhein-Main-Gebiet bei der Errichtung neuer Warenhäuser trotz der seit 1956 erneut betriebenen Expansion des Hertie-Filialnetzes zunächst leer ausging, verlegte Georg Karg 1959 die Hertie-Zentralverwaltungen in Berlin und Hamburg nach Frankfurt. Hier ließ er am östlichen Ende der Zeil ein großes Verwaltungsgebäude inklusive Parkgarage und zweistöckigen Anbaus errichten, das im Frühjahr 1961 von 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bezogen wurde. Sein Sohn Hans-Georg begründete die Entscheidung für Frankfurt mit der zentralen Lage in der Bundesrepublik und den guten Verkehrsverbindungen, zumal die Stadt den Konzern nicht nur bei der Baugenehmigung unbürokratisch unterstützt, sondern auch unverzüglich das stadteigene Gelände an der Zeil bereitgestellt und eine zusätzliche Parzelle vom Land Hessen vermittelt hatte. Die neue Hauptverwaltung wurde aber schon bald zu klein, weshalb sich Hertie 1967 für einen Umzug in die neue Bürostadt in Niederrad entschied und die nur wenige Jahre zuvor errichtete Immobilie an die hessische Justizverwaltung veräußerte. Im Herbst 1969 zog dann die Hertie-Zentralverwaltung als eines der ersten Unternehmen des neuen Büroviertels in Niederrad ein. Der neue Gebäudekomplex besaß dabei eine Gesamtnutzfläche von mehr als 50.000 Quadratmetern und 20 Stockwerke mit Klimaanlage, Konferenz- und Schulungsräumen sowie ein Rechenzentrum und ein Schwimmbad im obersten Stock, das mit dem Kühlwasser der Klimaanlage erwärmt wurde und zugleich als Feuerlöschbecken diente. Schon von der Frankfurter Zentrale aus wurde dann auch die Errichtung weiterer Waren- und Kaufhäuser in der Rhein-Main-Region betrieben. Den Anfang machte 1961 die Eröffnung eines Bilka-Kleinpreiskaufhauses an der Berger Straße in Frankfurt, dem bis Mitte der Siebzigerjahre zwei weitere an der Leipziger und Schweizer Straße sowie in Neu-Isenburg folgten. 1963 eröffnete Hertie ein Warenhaus an der Ludwigsstraße in Mainz und 1968 eines in Bad Homburg, dem Wohnort von Georg sowie Hans-Georg Karg seit der Verlegung der Unternehmenszentrale nach Frankfurt. Von größerer Bedeutung war jedoch die Errichtung eines Warenhauses im 1964 eröffneten Main-Taunus-Zentrum. Dieses entwickelte sich so gut, dass Hertie mit den Warenhäusern im Hamburger Elbezentrum (1966) und dem Frankfurter Nordwestzentrum (1969) schnell weitere Filialen in solchen Einkaufszentren errichtete, während die drei großen Konkurrenten erst von 1969 an diesem Beispiel folgten. Hertie an der Zeil immer wieder erweitert Ende der Sechzigerjahre kam die Ausdehnung des Filialnetzes allmählich an ihr Ende, auch wenn Hertie bis 1980 noch zahlreiche Warenhäuser eröffnete, die vielfach jedoch schnell wieder geschlossen wurden wie im eben genannten Neu-Isenburg, wo die Filiale lediglich von 1974 bis 1980 bestand. Die anderen sieben Filialen in Rhein-Main wurden alle bis zum Verkauf an Karstadt 1994 weiter von Hertie betrieben und periodisch immer wieder modernisiert und vergrößert. Das Hansa-Warenhaus an der Frankfurter Zeil, das wie die Hanauer Filiale erst Mitte der Sechzigerjahre in Hertie umbenannt wurde, wurde zum Beispiel direkt nach der Übernahme 1953 erweitert und vollständig umgebaut, dann 1955 um das Haus mit der Adresse Zeil 90–92 ergänzt und mit ersten Rolltreppen versehen. 1956 wurden dann der dritte und vierte Stock auf der gesamten Fläche ausgebaut und 1958 schließlich das Dachgeschoss sowie die Fassade erneuert. 1965 wurde das Warenhaus abermals um einen beachtlichen Erweiterungsbau vergrößert und das bestehende Geschäftshaus auf sechs Stockwerke erhöht. Zudem wurde ein Jahr später ein Parkhaus für 600 Autos errichtet, da ausreichende Parkmöglichkeiten wegen der zunehmenden Motorisierung der Bevölkerung unverzichtbar wurden. Auch die Filialen in mittelgroßen Orten wie Hanau sowie in Stadtteilen wie Frankfurt-Höchst erhielten deshalb eigene Parkhäuser. Auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde das Haus an der Zeil abermals modernisiert und erweitert, sodass es mit mehr als 20.000 Quadratmetern eines der größten Geschäfte nicht nur des Hertie-Konzerns, sondern aller bundesdeutschen Warenhäuser darstellte. Ende der Achtzigerjahre wurde die Filiale sogar zum Weltstadthaus und sollte in der Warenhauslandschaft – ähnlich wie das konzerneigene KaDeWe – eine herausragende Stellung mit Fachgeschäftscharakter verkörpern. Diesen Anspruch konnte die Frankfurter Filiale allerdings nicht erfüllen, charakterisierte sie etwa die Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“ doch als ein in Scheiben geschnittenes ehemaliges Warenhaus: „Unten eine prächtige Parfümerieetage; darüber Textiletagen, die sich in Optik und im Sortimentsanspruch damit nicht messen können. Darüber hat man eine Medienetage, technisch umfassend, kompetent. Ein Warenhaus? Wohl kaum. Und außen an der Fassade wird auch noch zugestanden, dass es nicht mehr ‚ein Haus‘ ist. Da steht Hertie, Schaulandt, WOM. Was machen die Unternehmen um Gottes willen aus den Warenhäusern?“ Der Niedergang der Kaufhäuser Die Ursache für diesen Eindruck bildete letztlich der Niedergang des klassischen Warenhauses mit sinkenden Marktanteilen seit den frühen Siebzigerjahren, das nicht nur für linke Kritiker ein Symbol für den modernen Massenkonsum war und deswegen seit den späten Sechzigerjahren immer wieder als Ziel von Brandanschlägen diente. Weitaus größere Schäden verursachten allerdings zahlreiche Einbrüche, Erpressungen und Raubüberfälle, die auch die Hertie-Häuser in der Rhein-Main-Region ereilten. Besonders spektakulär war dabei der Überfall mehrerer schwer bewaffneter Männer im Dezember 1967 im Parkhaus der Frankfurter Hertie-Filiale an der Zeil, bei dem den Geldboten der Privatbank Hardy & Co. GmbH Herties Einnahmen des verkaufsoffenen Samstags in Höhe von 300.000 D-Mark gewaltsam abgenommen wurden. In den frühen Siebzigerjahren endeten schließlich die goldenen Jahre der westdeutschen Warenhäuser. Ursache war zum einen die sich verschlechternde Wirtschaftskonjunktur von 1973 an, vor allem aber das veränderte Käuferverhalten und das Aufkommen neuer Einzelhandelsbetriebsformen mit günstigeren Kostenstrukturen. Unter anderem gerieten die Warenhäuser durch den Erfolg der Märkte auf der „grünen Wiese“ am Stadtrand in einen zunehmend polarisierten Markt zwischen Billigangeboten für einfache Güter sowie teuren individuellen Angeboten und damit in eine Zwickmühle. Die hohen Kosten schlossen eine preisliche Annäherung an Billiganbieter aus, der Zwang zum Absatz größerer Mengen machte eine Annäherung an Fachgeschäfte unmöglich. Die Folge war der Verlust von Marktanteilen. Hinzu kamen immer mehr defizitär geführte Filialen, sodass der gesamte Hertie-Konzern von 1976 an Verluste schrieb. Hertie, das nach dem Tod von Georg Karg 1972 im Besitz der Familie Karg (Hans-Georg Karg, seiner Schwester Brigitte Gräfin von Norman und der gemeinsamen Familienstiftung) sowie der 1974 gegründeten gemeinnützigen Hertie-Stiftung von wechselnden familienfremden Managern im Vorstand geführt wurde, gelang es trotz zahlreicher Restrukturierungsprogramme nicht mehr, nachhaltig in die Gewinnzone zu gelangen. Deshalb fiel man deutlich gegenüber Karstadt und Kaufhof zurück, da diese erfolgreich in andere Branchen wie Tourismus und neue Betriebsformen (zum Beispiel in Fachmärkte wie Saturn-Hansa) investierten. Die durch die zahlreichen Strategiewechsel und das lange Festhalten am Warenhaus entstandenen Verluste wurden lange durch den Rückgriff auf die bis 1972 großen stillen Reserven finanziert. Auch der seit 1987 vom Hertie-Vorstand verfolgte Diversifizierungskurs blieb weitgehend erfolglos – sieht man einmal von einigen Übernahmen wie der Musikhandelskette WOM (World of Music) ab – und kostete Milliarden, die dann wiederum für die weitere Modernisierung der Warenhäuser fehlten. Nach dem Abflauen des Wiedervereinigungsbooms in den frühen Neunzigerjahren entschieden sich die Hertie-Eigentümer schließlich für den Verkauf des Konzerns an Karstadt, der dann für 1,64 Milliarden D-Mark im Frühjahr 1994 zustande kam. Karstadt löste aufgrund der anhaltenden Warenhausverluste 1995 die Hertie-Zentralverwaltung in Frankfurt-Niederrad auf und verlegte sie nach Oberursel, wo jedoch nur noch etwa 300 der vormals 850 Beschäftigten tätig waren. Managementfehler bei Hertie Stillgelegt wurden dann in der Folgezeit neben dem Hertie-Zentrallager in Flörsheim und der Oberursel-Zentrale zahlreiche defizitäre Warenhäuser, darunter auch die Filiale Wiesbaden, während andere wie die Frankfurter Filiale auf der Zeil in Karstadt-Häuser (1996) umgewandelt wurden. Das letzte Hertie-Warenhaus war die Münchener Filiale am Hauptbahnhof, die 1907 als eines der ersten Warenhäuser des Hermann-Tietz-Konzerns eröffnet worden war. Heute weiß man, dass Herties Niedergang aufgrund der zahlreichen Managementfehler nur denjenigen der anderen Warenhauskonzerne vorwegnahm. Einige Jahre nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof im Jahr 2019 zur heutigen Galeria wurde 2023 dann auch die ehemalige Hertie-Filiale auf der Zeil geschlossen, und es verblieb in Frankfurt nur noch der frühere Kaufhof an der Hauptwache, da die ehemaligen Frankfurter Hertie-Häuser in Frankfurt-Höchst und im Nordwestzentrum schon Jahre zuvor ihre Türen geschlossen hatten. Von den anderen Hertie-Häusern in der Rhein-Main-Region besteht heute auch nur noch die Galeria-Filiale im Main-Taunus-Zentrum, während die Hertie-Warenhäuser geschlossen und – in Mainz und Wiesbaden – die ehemaligen Karstadt- und Kaufhof-Häuser weiterbetrieben wurden. Von der exzeptionellen Stellung der Warenhäuser im deutschen Wirtschaftswunder und der Bedeutung dieser Konsumtempel für die Durchsetzung der Massenkonsumgesellschaft in der frühen Bundesrepublik blieben daher nur in den größten Städten der Rhein-Main-Region einige wenige Häuser. Und von dem ehemals zweitgrößten bundesdeutschen Warenhauskonzern künden daher in der Region nur noch zwei in Frankfurt ansässige gemeinnützige Stiftungen: zum einen die Hertie-Stiftung, deren Stiftungsvermögen aus dem Erlös des Verkaufs an Karstadt stammt, zum anderen die von Hans-Georg Karg aus seinem Privatvermögen 1989 gegründete Karg-Stiftung, die sich der Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher im deutschen Bildungssystem widmet. Das Buch „Die wunderbare Welt von Hermann Tietz. Warenhaus und Massenkonsum in Deutschland in der Moderne“ von Werner Plumpe und Ralf Banken wird am Freitag, 6. März, um 16 Uhr im Historischen Museum in Frankfurt vorgestellt. Anmeldung bei der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, www.unternehmensgeschichte.de.
