Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. will mit oder ohne Zustimmung des Vatikans neue Bischöfe weihen. Das geht aus einem Schreiben ihres Generaloberen Davide Pagliarani an den Vatikan hervor, das jetzt in Rom bekannt wurde. Pagliarani führt die 1969 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991) gegründete Gemeinschaft traditionalistischer Katholiken seit 2018. In dem Schreiben beklagt der 1970 in Rimini in Italien geborene Generalobere, seiner im August unterbreiteten Bitte um eine Audienz bei Papst Leo XIV. sei bis heute nicht entsprochen worden. Daraufhin habe er in einem zweiten Schreiben an den Heiligen Stuhl ausdrücklich „auf das besondere Bedürfnis der Bruderschaft“ hingewiesen, „den Fortbestand des Dienstes ihrer Bischöfe zu sichern, die seit fast vierzig Jahren in aller Welt unterwegs sind, um den vielen Gläubigen beizustehen, die der Tradition der Kirche verbunden sind und die Sakramente der Priesterweihe und der Firmung zum Heil ihrer Seelen empfangen möchten“. Weil aber dem Ersuchen um Audienz nicht entsprochen worden sei und die Antwort des Vatikans auf das zweite Schreiben den darin geäußerten Bitten „in keiner Weise entsprochen“ habe, seien er und das Konzil der Gemeinschaft einstimmig zu der Überzeugung gelangt, dass die „objektive Notlage der Seelen“ nun eine Entscheidung erfordere. Nämlich die, am 1. Juli neun neue Bischöfe zu weihen – ganz gleich, was Rom dazu sagt. Tatsächlich gehen der Piusbruderschaft wegen des Streits mit dem Vatikan die Bischöfe aus. Von den vier Pius-Priestern, die Lefebvre nach langen und schließlich gescheiterten Verhandlungen mit dem Vatikan im Juni 1988 ohne Zustimmung des Papstes zu Bischöfen weihte, sind nur noch zwei am Leben. Lefebvre und die vier Bischöfe waren seinerzeit von Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005) sofort exkommuniziert worden. Dessen Nachfolger Benedikt XVI. (2005 bis 2013) war sehr um Ausgleich und Versöhnung mit den Piusbrüdern bemüht. Benedikt hob 2009 sogar die Exkommunikation der Bischöfe auf, doch zu einer dauerhaften Einigung mit den Piusbrüdern kam es nicht, weder theologisch noch kanonisch. Eine Aussöhnung konnte auch Papst Franziskus (2013 bis 2025) nicht erreichen. Obschon er 2015, im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“, allen Gläubigen gestattete, bei Priestern der Bruderschaft die Beichte abzulegen. 2017 verfügte Franziskus sogar, dass von Priestern der Gemeinschaft vollzogene kirchliche Trauungen von den zuständigen Ortsbischöfen anzuerkennen seien. Papst Leo sucht eigentlich den Ausgleich Der Grund, warum weder der konservative Benedikt noch der progressive Franziskus den theologischen Bruch mit den Piusbrüdern kitten konnten, liegt im Grunddissens der abtrünnigen Glaubensgemeinschaft mit der Weltkirche. Lefebvre und seine Anhänger haben die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) nie anerkannt – von der Ökumene über das Verhältnis zu nicht christlichen Religionen bis zur Liturgiereform. Die Piusbrüder geißeln die Konzilslehren als modernistische Verwässerung des Glaubenskerns, der sie die traditionalistische Erneuerung des Priestertums und die Wiederherstellung der authentischen katholischen Lehre entgegenstellen. Die Heilige Messe zelebrieren die Piusbrüder konsequent nach der vorkonziliaren Liturgie von 1962, im tridentinischen Ritus. Dabei steht der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde am Altar und spricht die Liturgie überwiegend auf Latein, die tätige Teilnahme der Gläubigen an der Messfeier ist begrenzt. Benedikt hatte 2007 die Feier der Alten Messe wieder unbegrenzt zugelassen, was den Piusbrüdern und anderen Traditionalisten gefiel. Franziskus schränkte 2021 den Gebrauch des alten Messritus dagegen wieder ein, was Traditionalisten in der Kirche auf die Barrikaden trieb. Leo XIV. ist im hochgradig aufgeladenen Streit um die Alte oder Tridentinische Messe zur konzilianten Linie Benedikts zurückgekehrt. Das hat seit seiner Wahl im Mai 2025 zu einer spürbaren Entspannung in der Weltkirche geführt. Die Pilgerfahrt von 8000 Gläubigen, Priestern und Nonnen der Piusbruderschaft nach Rom zum Heiligen Jahr 2025 im August war sogar im offiziellen Veranstaltungskalender des Vatikans verzeichnet. Und der amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke, einer der prominentesten Wortführer der Traditionalisten, durfte im Oktober die Lateinische Messe im Petersdom feiern, nachdem er im August von seinem Landsmann Leo in Privataudienz empfangen worden war. In diese von Leo bewusst beförderte Atmosphäre des Ausgleichs und des Dialogs platzt nun die Konfrontation, ja Provokation der Piusbrüder. Was der Generalobere Davide Pagliarani, der als weniger konziliant gilt als sein Vorgänger, der Schweizer Bischof Bernard Fellay, mit seiner Offensive bezwecken will, ist unklar. Der Vatikan hat auf den Affront besonnen reagiert. Die Gespräche mit der Piusbruderschaft würden fortgesetzt, sagte Vatikan-Sprecher Matteo Bruni – „mit dem Ziel, Brüche oder einseitige Lösungen in Bezug auf die aufgetretenen Probleme zu vermeiden“. In der theologischen Substanz kann der Papst jedoch nicht nachgeben. Gerade erst hat Leo eine umfassende Kathechesenreihe über das Zweite Vatikanische Konzil begonnen. Die Konzilsväter hätten eine neue Epoche für die Kirche eingeleitet, sagte der Papst jüngst bei der Generalaudienz, er wolle „die Schönheit und Bedeutung dieses kirchlichen Ereignisses neu entdecken“. Das Zweite Konzil habe jenes Lehramt begründet, „das auch heute noch der Leitstern auf dem Weg der Kirche ist“.
