FAZ 14.01.2026
12:32 Uhr

Katastrophe im Wallis: „Man hält lieber den Mund“


Im Schweizer Kanton Wallis sind Bauwirtschaft, Tourismus und Politik eng verflochten. Kritiker sagen: Dieser Filz war der Nährboden für die verheerende Brandkatastrophe in Crans-Montana.

Katastrophe im Wallis: „Man hält lieber den Mund“

Für Micheline Calmy-Rey ist in Crans-Montana nichts mehr wie früher. Die ehemalige Außenministerin der Schweiz stammt aus dem Walliser Bergort, wo in der Silvesternacht durch den Brand in einer Bar 40 Menschen starben und 116 verletzt wurden. „Der Schmerz ist kaum auszuhalten“, sagte Calmy-Rey der Schweizer Zeitung „Blick“. „Crans-Montana kann kein Ort mehr sein, an dem man einfach unbeschwert lacht. Es fühlt sich an wie ein Friedhof.“ Die Behörden und die Eigentümer der Bar trügen die Verantwortung für das, was geschehen sei. Die Gemeinde Crans-Montana hat eingestanden, dass es in der Bar „Constellation“ seit 2019 keine behördlichen Brandschutzkontrollen gegeben hat. Eigentlich hätten diese jährlich stattfinden müssen. Aber schon in den Jahren zuvor hatte niemand moniert, dass der französische Wirt an der Decke seiner Bar leicht entflammbare Akustikdämmschaumstoffe montiert hatte. Diese waren durch bengalische Sprühkerzen an Champagnerflaschen in Brand geraten. Was sollte nach diesem verhängnisvollen behördlichen Kontrollversagen nun passieren? Auf diese Frage gab Calmy-Rey eine vielsagende Antwort: „Es muss Schluss sein mit kleinen Abmachungen und mit Verflechtungen zwischen Politik und persönlichen Interessen. Diese Vetternwirtschaft muss aufhören.“ Zermatt und Verbier zählen zu den teuersten Immobilienstandorten Dem Wallis haftet schon lange das Image an, es mit geltenden Schweizer Gesetzen und Regeln nicht so genau zu nehmen. Das hat mit seiner Geschichte zu tun und mit seiner Topographie. In dem Kanton im Südwesten der Schweiz finden sich die höchsten Berge der Alpen; viele von ihnen ragen mehr als 4000 Meter in die Höhe. Die schwer zugänglichen Dörfer an den steilen Hängen des Rhone-Tals und dessen Seitentälern sind bis heute geprägt vom großen Zusammenhalt der Einheimischen, der das Überleben unter widrigen Umständen sichern half. Den alteingesessenen Familien, den sogenannten Burgern, gehört nach wie vor ein großer Teil von Grund und Boden. Einst war dieser Besitz nicht viel wert; die Bergbewohner lebten mehr schlecht als recht von der Vieh- und Landwirtschaft. Doch als nach dem Zweiten Weltkrieg der Skizirkus begann, blühten die Dörfer auf. Walliser Bergorte wie Zermatt und Verbier zählen heute zu den teuersten Immobilienstandorten der Welt. Für die Schweizer Historikerin Elisabeth Joris ist damit klar: „Die Bauwirtschaft und der Tourismus sind entscheidend: Dort wird in den Berggemeinden das Geld verdient.“ Joris ist im Wallis aufgewachsen und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit der Alpengeschichte befasst. Das Unglück in Crans-Montana trifft sie sehr: „Diese Katastrophe bricht mir das Herz“, sagt Joris im Gespräch mit der F.A.Z. Zugleich stellt sie fest: „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Anders als der Bergsturz im Walliser Lötschental, der im vergangenen Jahr das Dorf Blatten unter sich begrub, sei der Brand keine schicksalhafte Naturkatastrophe gewesen, sondern Folge allzu lockerer Kontrollen und fehlender Gesetze. „Alles ist sehr eng miteinander verschränkt“ Die Historikerin macht dafür die aus ihrer Sicht im Wallis typische Verquickung von Wirtschaft und Politik verantwortlich: „Die Kleinräumigkeit verstärkt den Hang zur Vetternwirtschaft. Jeder kennt jeden, alles ist sehr eng miteinander verschränkt. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, und die lokale Elite ist eng mit der Politik verflochten.“ Ein bedeutender Teil der einflussreichen bürgerlichen Politiker sei in Bau- und Touristikprojekte involviert. Dazu passt eine Auswertung der Universität Bern: Zwischen 2016 und 2024 sind in der ganzen Schweiz rund 600 Neubauten in Bauverbotszonen bewilligt worden, die durch Katastrophen wie Hochwasser gefährdet sind – 430 dieser Bauten, nicht weniger als 72 Prozent, befinden sich im Wallis. In der Walliser Politik, die im herrschenden Milizsystem in der Regel nebenberuflich betrieben wird, sind auffallend viele Juristen aktiv. „Als selbständige Notare verdienen sie an jeder Immobilientransaktion mit“, sagt Joris. Das Wallis gehört zu den wenigen Kantonen, in denen Notare nicht Beamte oder Angestellte des Staates sind, sondern freie Juristen mit Notariatszulassung. „Teure und einschränkende Vorschriften stören da nur“ Gesetze zu umgehen, so berichtet Joris, sei in der Walliser Bauwirtschaft leider nicht ungewöhnlich. „Es geht ums Geld. Teure und einschränkende Bau- und Brandschutzvorschriften stören da nur.“ Der Walliser Hotelier Art Furrer, der zu den prägenden Figuren des alpinen Tourismus zählt, kommt zu einem ähnlich harten Urteil: Aus einem Immobilienprojekt in Crans-Montana sei er einst ausgestiegen, weil er „mit der Walliser Mafia dort nichts zu tun haben wollte“, schrieb der Neunundachtzigjährige in einem Beitrag für den Zürcher „Tages-Anzeiger“. Im Wallis laufe vieles an den Vorschriften und Gesetzen vorbei. „Der Filz gehört zum Wallis wie die Berge.“ Und weil so viele kein reines Gewissen hätten, deckten sie einander. Die Historikerin Joris bestätigt diese Sicht: „Weil im Grunde alle wissen, dass zum gemeinsamen Vorteil oft nicht nach den geltenden Regeln gespielt wird, hält man lieber den Mund. Und wenn doch mal Missstände publik werden, ist die Versuchung groß, sie irgendwie unter den Tisch zu kehren.“ Diese Haltung fasste der Journalist Kurt Marti 2012 in seinem Buch „Tal des Schweigens“ zusammen. Darin zeigte er die systemischen Missstände in der „katholischen Alpen-Oligarchie“ auf, die sich aus der konservativen Allianz zwischen katholischer Kirche, regionaler Verwaltung und der seit jeher im Wallis dominierende Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP, heute „Die Mitte“) ergeben. „Man hat geschwiegen“ Der gebürtige Walliser Samuel Burgener hat in der „Neuen Zürcher Zeitung“, für die er arbeitet, die Sozialkontrolle in den Dörfern beschrieben: „Man hat den Mund gehalten, auch aus Angst vor den Autoritäten. Man hat geschwiegen, wenn die Lehrer geschrien und geschlagen haben und die Pfarrer gepredigt und missbraucht. Wenn die Bauherren vertuscht und beschissen haben und die Politiker versprochen und gelogen.“ Die „NZZ“ hat in 120 Walliser Gemeinden gefragt, wie viele Brandschutzkontrollen sie in den vergangenen drei Jahren durchgeführt haben. Von den allermeisten kam entweder keine oder eine nichtssagende Antwort, zumal die Anfrage aus der „Üsserschwiiz“ kam, wie die deutschsprachigen Walliser in ihrem Dialekt den „Rest“ der Schweiz nennen. „Dieser Begriff meint im Kern, dass man jegliche Einmischung von außen ablehnt“, erläutert Joris. Deutschschweizer würden im Wallis gerne als „Chruutkacker“ (Krautkacker) und „Grüezini“ bezeichnet, von denen man sich nichts sagen lassen wolle. Diese Arroganz zeigte sich auch im Verhalten des Gemeindepräsidenten von Crans-Montana, Nicolas Féraud: Unmittelbar nach der Brandkatastrophe fragte ihn ein Reporter, wie es denn um die Brandschutzkontrollen in der Bar bestellt war. Seine Antwort: „Wer sind Sie, so etwas zu fragen? Ich habe den Anstand, Sie nicht so zu behandeln, wie Sie es verdienen.“ Crans-Montana am meisten betroffen? Doch Wegducken ist in diesem Fall nicht möglich. Zu tragisch ist das Schicksal der überwiegend blutjungen Opfer, die ihr Leben noch vor sich hatten; zu groß ist die Wut der Hinterbliebenen und Angehörigen, darunter etliche aus dem Ausland. Sie verlangen eine schonungslose Aufklärung – und eine solche hat der Walliser Regierungspräsident Mathias Reynard auch versprochen. Allerdings herrscht große Skepsis, ob die Behörden dieser Aufgabe gewachsen sind. In einer Pressekonferenz brüskierte Féraud die Angehörigen der Brandopfer, indem er sagte, seine Gemeinde sei in der Katastrophe „am meisten betroffen, vor allen anderen“. Auf die Fragen, warum die gesetzlich vorgeschriebenen Brandschutzkontrollen jahrelang unterblieben und ob das denn niemand gemerkt habe, hatte er keine Antwort und schob die Verantwortung für die Aufklärung dessen der Justiz zu. Trotz der Verdunklungsgefahr versäumte es die Walliser Staatsanwaltschaft, das französische Wirtspaar Jacques und Jessica Moretti sofort nach dem Unglück vorläufig festnehmen zu lassen. Am Neujahrsmorgen waren etliche alte Social-Media-Posts der Morettis zur „Constellation“-Bar gelöscht, darunter auch ein Werbevideo, in dem der Einsatz bengalischer Sprühkerzen dokumentiert ist. Findige Datenspürhunde fischten den Clip Tage später wieder aus den Tiefen des Internets. Bislang keine Durchsuchungen Opferanwälte kritisieren, dass die Ermittler bisher weder die Wohn- und Geschäftsräume der Barbetreiber noch die Büros der Gemeindeverwaltung durchsuchen ließen, um Beweise zu sichern. Für Kopfschütteln sorgt auch, dass die Staatsanwaltschaft den Opferfamilien drei Walliser Anwälte empfahl, von denen zwei im Aufsichtsorgan der Behörde sitzen. Einer ist ein Cousin des Anwalts der Gemeinde Crans-Montana. Als das herauskam, entschuldigte sich die Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud, die in der Sache genauso überfordert wirkt wie Féraud. „Diese Tragödie ist zu groß für das Wallis“, kommentierte der „Tages-Anzeiger“ und forderte die Einsetzung eines außerkantonalen Sonderstaatsanwalts, auch um jeglichen Anschein von Befangenheit zu vermeiden. Auch einzelne Politiker haben sich für einen solchen Schritt ausgesprochen. Entscheiden können darüber allerdings nur die Walliser Behörden. In der föderalen Schweiz fehlt dem Bund die rechtliche Grundlage, das strafrechtliche Verfahren an sich zu ziehen oder an einen anderen Kanton zu übertragen. Viele Walliser finden schon die Diskussion darüber anmaßend. Wer das Wallis insgesamt an den Pranger stelle, vereinfache ein komplexes Geschehen – und ersetze Präzision durch Polemik, kommentierte der „Walliser Bote“. Unter der Überschrift „Wenn ein Kanton zum Sündenbock wird“ spielte das Blatt den Ball zurück in das Feld der Kritiker: „Das Wallis, abgelegen, eigensinnig, mit Ecken und Kanten, mit Schwächen und Stärken, taugt offenbar als Projektionsfläche für alles, was man im eigenen Kanton gerne übersieht.“